Dienstag, 30. November 2010

Die Klapperschlange (1981)

John Carpenters futuristischer Action-Thriller DIE KLAPPERSCHLANGE (Escape from New York) war einer der erfolgreichsten Filme von 1981, hat Kurt Russell über Nacht zum Starruhm katapultiert und seinen Filmcharakter Snake Plissken ("Call Me Snake!") zur Kultfigur und Ikone des 80er Kinos werden lassen.
DIE KLAPPERSCHLANGE ist auch heute noch eine atmosphärisch absolut überzeugende Achterbahnfahrt, die trotz geringen Budgets und schlichter Tricks mit einer genialen Grundidee und vielen guten Einfällen begeistert. Er gehört zu Carpenters originellsten und unterhaltsamsten Filmen.

Bevor die Handlung beginnt, gibt uns ein Voice-Over (gesprochen von Jamie Lee Curtis) einen Überblick über Ort und Zeit. New York, 1997. Die komplette Insel Manhattan ist abgeschottet und in ein Hochsicherheitsgefängnis verwandelt worden, um der Flut von Verbrechern Herr zu werden. Bewacht wird die Insel rundum von bewaffneten Grenzposten. Wer einmal nach Manhattan gebracht wird, kommt nie wieder heraus. Leider aber wurde soeben der US-Präsident samt seiner Air Force One von Terroristen entführt, die das Flugzeug direkt auf der Insel abstürzen lassen, um die Freilassung der Gefangenen zu erpressen.
Jetzt kann nur noch einer helfen - Snake Plissken (Kurt Russell), selbst ein gerade gefasster Bankräuber und Kriegsveteran, wird nach Manhattan eingeschleust. Er hat 24 Stunden Zeit, den Präsidenten zu finden und heil herauszubringen. Um ihn ein bisschen mehr zu "motivieren", wird ihm per Spritze ein Gift in die Blutbahn injiziert, das ihn nach 24 Stunden tötet. Eine atemberaubende Suche beginnt in den düsteren Straßen und Gassen von New York, in denen ganz eigene Gesetze herrschen...

Diese von Carpenter erfundene Story samt politischem Hintergrund ist so originell konzipiert und umgesetzt, dass man als Zuschauer kaum zum Nachdenken über Logik oder Wahrscheinlichkeit kommt. Sie ist im besten Sinn 'fantastisch', und Carpenter erweist sich hier als begnadeter Geschichtenerzähler. Seine Trumpfkarte ist Kurt Russell, der nicht nur eine glänzende Clint Eastwood-Parodie hinlegt, sondern auch einen ganz eigenen Charakter entwickelt. Unterstützt wird er von lakonischen Dialogen ("Ich dachte, du wärst tot" muss er sich von jedem anhören, dem er begegnet, woraufhin er an einer Stelle "Bin ich auch" erwidert) und einem coolen Outfit. Allein die Augenklappe ist Gold wert. Die Schlange, die er als Tätowierung und Markenzeichen trägt, ist übrigens eine Kobra, keine Klapperschlange, wie uns der deutsche Verleih weismachen möchte.

Ursprünglich sollte der Film mit einer Sequenz beginnen, die Russell/Snake beim Bankraub und seine folgende Verhaftung zeigt (diese sehr sehenswerte Eröffnung ist auf einigen DVD-Versionen als Bonus enthalten), doch Carpenter entfernte diese (immerhin) fast zehn Minuten Film, weil sie Russells Figur vermenschlicht und ihn weniger den schweigsamen, brütenden Einzelgänger sein lässt, den wir nun kennen lernen.

John Carpenters Bewunderung für Howard Hawks zeigt sich nicht nur in der typischen Western-Story, die hier in ein Zukunfts-Szenario verlegt wurde, sondern auch in der Figurenzeichnung. Adrienne Barbeau etwa spielt eine ultimative Hawks-Figur, eine zähe Kämpferin, die loyal zu ihrer Liebe (Harry Dean Stanton) hält, für den sie sogar ihr Leben opfert, mit der ansonsten aber nicht zu spaßen ist. Auch Taxifahrer Ernest Borgnine, der als komischer Sidekick Snake Plissken durch die Hölle Manhattans kutschiert und sich über eine Musical-Aufführung am Broadway ("Everyone's Coming to New York!") freut, gehört zum Charakter-Arsenal des Vorbilds.
Wie bereits in seiner "Rio Bravo"-Hommage "Das Ende" (1976) und auch "The Fog" (1979) findet sich im Lauf des Films eine kleine Gruppe von Außenseitern zusammen, die gemeinsam gegen zahlenmäßig überlegene, scheinbar übermächtige Gegner antritt und dabei einige Leben einbüßt.

Obwohl der Film innerhalb von 24 Stunden spielt, herrscht fast durchgängig Nacht in Manhattan, was zunächst wie ein Logikfehler wirkt, der von Kritikern oft bemängelt wurde, tatsächlich aber verschafft dieser Dreh dem Film genau die düstere, beklemmende Atmosphäre, die er braucht, um zu funktionieren. Gleichzeitig bekräftigt Carpenter damit seinen Ansatz, der Manhattan als Welt jenseits jeder Ordnung beschreibt, zu der sogar das Sonnenlicht keinen Zugang hat.
Obwohl an der Oberfläche ein Actionfilm, streut Carpenter genug Ironie und satirische Elemente ein, und in mehreren Passagen - wie der Fahrt durch den Broadway mit den abgetrennten Köpfen am Straßenrand - streift er kurz das Horror-Genre.
Wenn Skane Plissken seinen Segelflieger Richtung Manhattan steuert, sieht man in einer grafischen Darstellung (die ein PC-Bild simuliert, das es damals noch nicht gab) das Flugzeug auf die Türme des World Trade Centers zufliegen. Diese Szene hinterlässt heute einen etwas bitteren Beigeschmack, auch wenn sie natürlich nicht prophetisch nennen kann.

Erwähnt werden muss noch John Carpenters Elektronik-Score, der perfekt zur Stimmung des Films passt und ihn als "echten" Carpenter der 80er kennzeichnet. Damals wusste man sofort, wenn man es mit einem Carpenter zu tun hatte, und niemand konnte diesen Sound auch nur annähernd gut kopieren.

In dieser Hochphase seiner Karriere lieferte der Regisseur eine Meisterleistung nach der anderen ab. Nach der KLAPPERSCHLANGE inszenierte er mit dem Hawks-Remake "Das Ding" (1982) seinen vielleicht künstlerisch wichtigsten Film, der aber an den Kinokassen katastrophal floppte. Den (finanziellen) Erfolg dieser Anfangsjahre - von "Das Ende" über "Halloween" (1978) bis zur KLAPPERSCHLANGE - sollte Carpenter nie wiederholen können.
1996 hat er die lang ersehnte Fortsetzung "Flucht aus L.A." gedreht, die mehr Remake als Fortsetzung ist. Hier dominieren augenzwinkernde CGI-Effekte und bissige Satire. Obwohl der Film auf leichtfüßige Art bestes Popcorn-Entertainment ist, zeigten sich die Fans enttäuscht, und der erhoffte Erfolg blieb aus. Möglicherweise kam der Film einfach zu spät. Gegen das Original hat er ohnehin keine Chance. Das ist so unterhaltsam und hochspannend wie eh und je und ein Klassiker des Action-Kinos, den man immer wieder sehen kann.

10/10


Der coolste Held der 80er - Snake Plissken alias Kurt Russell

Kommentare:

  1. Hi Mathias, Klasse Kino, klasse Rezension. Den muß ich mir demnächst auch mal wieder anschauen. LG Ray

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  2. Dankeschön, den kann man wirklich immer wieder sehen, und nicht nur zu "Halloween"... :-) LG, Mathias

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  3. Hallo Mathias !

    Ich habe den Film als Doppelprogramm zusammen mit "the great Rock and Roll Swindle " in einem verdreckten Jugendzentrum Mitte der 80er bei ohrenbetäubender Lautstärke gesehen. Der Punkrockbraut neben mir ist ab und zu eine Ratte aus dem Kragen ihrer Lederjacke geklettert...Ein echtes Erlebnis ! Und Snake war für alle Mopedrocker damals eh´der Größte...Danke für deine tolle Besprechung.

    Bye - Torsten

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  4. Das stelle ich mir sehr klasse vor! :-) Gruß von Mathias

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