Donnerstag, 18. November 2010

Die Augen eines Fremden (1981)

Auf dem Höhepunkt der Slasher-Welle verging kaum eine Woche, in der nicht ein brutaler Killer auf der Leinwand jungen Frauen nachstellte. Ken Wiederhorns DIE AUGEN EINES FREMDEN (Eyes of a Stranger) gehört zu den etwas besseren, weil erwachseneren Vertretern dieses Wegwerf-Genres, deren Reiz hauptsächlich in lang ausgedehnten Verfolgungsszenen und blutigen Morden besteht.

Der Plot ist dabei praktischerweise aus mehreren Filmen zusammengeklaut. In Miami geht ein Frauenmörder um, den die Polizei nicht fassen kann, und wegen dessen Untaten die Straßen nachts wie leergefegt sind. TV-Nachrichtenmoderatorin Lauren Tewes glaubt nun, der Täter würde im Apartmenthaus gegenüber wohnen, denn sie beobachtet, wie er mit schlammverdrecktem Wagen nach Hause kommt, in der Tiefgarage seine Kleidung wechselt und sich auch sonst verdächtig benimmt. Je überzeugter sie von seiner Schuld ist, desto besessener wird sie von der Idee, ihn zur Strecke zu bringen, ganz besonders, weil ihre junge Schwester Jennifer Jason Leigh als Kind entführt und missbraucht wurde, weswegen sie nun blind und taubstumm ist. Laurens Recherchen zeigen, dass sie auf der richtigen Spur ist, doch als der Killer merkt, wer da hinter ihm her ist, gerät die arme Schwester erneut in Lebensgefahr...

Ja, das haben wir alles schon mal woanders gesehen. Im Grunde handelt es sich bei DIE AUGEN EINES FREMDEN um ein Update von John Carpenters (exzellentem) TV-Film "Das unsichtbare Auge" (1978), in dem Lauren Hutton den gleichen Part übernimmt (und auch dort fürs Fernsehen arbeitet und in einem sehr ähnlichen Hochhaus wohnt). Wenn Lauren Tewes ins Apartment des mutmaßlichen Täters eindringt und dort fast von ihm erwischt wird, muss man nicht lange überlegen, ob das Ganze vielleicht aus Hitchcocks "Fenster zum Hof" (1954) entliehen wurde. Auch Elemente anderer Slasher wie "Maniac" (1980) werden aufgegriffen. Dazu gehören auch die teilweise harten Morsdszenen, die von Make-Up-Meister Tom Savini blutig in Szene gesetzt wurden.
Sehr lustig ist in diesem Zusammenhang übrigens das deutsche VHS-Cover, auf dem der Zusatz steht: "Dieser Film bezieht seine Spannung aus der Angst vor dem Unbekannten, nicht aus dem Horror abgehackter Köpfe" (oder so ähnlich) - was überrascht, denn der erste abgehackte Kopf landet nach zehn Minuten bereits im Aquarium, und auch sonst ist er Thriller nicht gerade zimperlich mit durchtrennten Kehlen und Hirnmasse auf Badezimmerkacheln.
Ganz besonders, wenn sich im letzten Akt der Killer auf die hilflose Jennifer Jason Leigh konzentriert und fiese Spielchen mit ihr (und ihrem süßen Hund) treibt, gerät der Film deutlich in den Sleaze-Bereich, bei dem das Zuschauen nicht mehr unbedingt Spaß macht, sondern aus verschiedenen Gründen (nicht alle davon positiv) an den Nerven zerrt.

Schauspielerisch geht DIE AUGEN EINES FREMDEN in Ordnung. Lauren Tewes ist vor allem bekannt als Stewardess des "Love Boats", Jennifer Jason Leigh absolviert hier ihr Leinwanddebüt und überzeugt gleich in einer schwierigen stummen Rolle. John DiSanto als grobschlächtiger Killer bekommt kaum einen Dialogsatz oder eine Motivation für seine Taten, aber als unangenehme Präsenz kann man schon Angst vor ihm bekommen.
Filmkomponist Richard Einhorn kopiert Pino Donaggios Musik aus "Dressed to Kill" (1980), und auch Regisseur Ken Wiederhorn hat sich De Palma als Vorbild genommen. So gibt es gleich zu Beginn eine Duschszene, sowie eine lange, stumme Verfolgung des ersten weiblichen Opfers durch die Straßen und ihre Wohnung.

Insgesamt gehört DIE AUGEN EINES FREMDEN zum Horror Fast Food-Kino, das fürs einmalige Sehen durchaus spannende Unterhaltung bietet, in der Geschichte des Genres aber lediglich eine Fußnote darstellt und auch kaum bekannt ist. Das Plakatmotiv ist hübsch surreal. Ich mag ihn wegen seiner düsteren Atmosphäre und der De Palma-Anklänge ganz gern, aber auf eine einsame Insel würde ich ihn nicht mitnehmen.

07/10

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