Freitag, 12. November 2010

Der Mann mit dem Glasauge (1969)

Während in den späten 60ern in den USA die Autorenfilmer in Hollywood das Ruder übernahmen und auch hierzulande der so genannte "Neue Deutsche Film" in den Startlöchern stand, schien die Zeit für die Edgar Wallace-Verfilmungen abzulaufen.
DER MANN MIT DEM GLASAUGE war der bereits 33. Film der beliebten Reihe, die kurz darauf ihr Gesicht verändern und gemeinsam mit italienischen Co-Produzenten mehr oder weniger erfolgreich die Giallo-Richtung beschreiten sollte, bevor sich endgültig der Sargdeckel über die wohl erfolgreichste Reihe der deutschen Filmgeschichte schloss.

DER MANN MIT DEM GLASAUGE hat außer einem maskierten Killer nichts mehr mit den klassischen Schwarzweiß-Verfilmungen gemein. Hier gib es keine Spukschlösser, Millionenerbinnen oder durchgedrehte Adlige (sieht man von "Sir Arthur" Hubert von Meyerinck einmal ab), und es schreit auch kein Käuzchen im finsteren Mitternachtswald.
Schauplatz ist stattdessen das sündige London, das im Vorspann bereits sehr originell abgebildet wird, wenn die Namen der Beteiligten als Leuchtreklame an Fassaden zu sehen sind. Studentenunruhen und gelockerte Sitten werden zwar im Drehbuch beiläufig erwähnt, dennoch wird hier in erster Linie auf Bewahrung gesetzt. Ein nackter Busen gleich in der ersten Szene und eindeutig zweideutige Anspielungen im Dialog rücken den Film zwar in die Nähe des "Schulmädchen-Reports", aber mehr Innovation darf man (noch) nicht erwarten.

Erzählt wird von einem Mörder, der mit gezieltem Messerwurf die Verantwortlichen eines Mädchenhändler-Rings um die Ecke bringt. Da will doch nicht etwa jemand Rache für ein unaussprechliches Schicksal nehmen? Treffpunkt der Mädchenhändler und Drogendealer ist ein Billard-Club, das Erkennungszeichen: ein Glasauge. Inspektor Horst Tappert ermittelt...

Zu den Highlights gehören eine Massenschlägerei im Billard-Club, die in bester Western-Manier in Szene gesetzt wird, außerdem der bizarre Mord an einem Bauchredner, der von seiner Bauchrednerpuppe erwürgt wird. Hervozuheben ist auch das Ende, das zur Abwechslung eine wirklich tragische Komponente bietet.
Regisseur Alfred Vohrer gelingt in DER MANN MIT DEM GLASAUGE ein wahres Höllentempo. Der Film springt von einem Höhepunkt zum nächsten, und obwohl er herzlich wenig Sinn macht (von einem Realitätsanspruch ganz zu schweigen), bleibt er durchweg unterhaltsam, auch wegen der knallig-bunten Kameraführung von Karl Löb, die ausdrücklich erwähnt werden muss.
Hinzu kommen natürlich die üblichen Trash-Zutaten, diesmal dargeboten von dem bereits erwähnten Hubert "Hupsi" von Meyerinck als Scotland-Yard-Chef, stets begleitet von der wunderbaren Ilse Pagé als Sekretärin 'Miss Finley', die ohne Führerschein den Boss zur Arbeit fährt und gern an sichergestelltem Heroin nascht ("Lecker", wie sie sagt), wenn sie sich mal nicht von ihrem Chef auf den Po klapsen lässt.
Von Meyerinck wird am Tresen einer Bar eingeführt, während ihm der Barkeeper erklärt, er müsse "so lange blasen, bis er steif wird" - natürlich ist von einem Omelette-Rezept die Rede. Auch später, wenn er mit Ilse eine Runde Billard spielt, rät er ihr, "Sie müssen ihn ganz sanft zwischen ihre Finger nehmen" - den Queue selbstverständlich. Auf diesem Humor-Niveau bewegt sich der gesamte Film. Das kann man mögen oder sich vor Grauen schütteln. Stefan Behrens als Eddi Arent-Ersatz 'Sergeant Peper' ist leider überhaupt nicht lustig, so sehr er sich auch peinlicherweise bemüht, und Horst Tappert spielt ungewöhnlich energisch, wenn man ihn nur als "Derrick" in Erinnerung hat.

Es gibt aber auch ansprechende Darstellungen. So spielt der junge Fritz Wepper einen heroinsüchtigen Lord, der unter der Fuchtel seiner Mama steht, die grandios dargeboten wird von einer eiskalten Friedel Schuster. Hauptdarstellerin Karin Hübner begeistert als tragische Geliebte Weppers und liefert eine der besten Leistungen, die man je von Heldinnen in Wallace-Krimis gesehen hat. Als Bonus kann man noch die junge Iris Berben in ihrer ersten Filmrolle sichten.

Für Nostalgiker bietet DER MANN MIT DEM GLASAUGE solides Entertainment aus einer Zeit, in der sich die Welt und die Filmlandschaft im Umbruch befanden, und in der Filme wie dieser aufgrund ihrer haarsträubenden Naivität, den Altherrenwitzen und ungelenker Erotik-Einlagen aus heutiger Sicht wie ein wandelnder Anachronismus wirken. Vielleicht deshalb haben sie aber auch ihren Reiz, der sich zugegebenermaßen nicht jedem erschließt.
Schon mit dem nächsten Film der Reihe, "Das Gesicht im Dunkeln" (1969), versuchte man daher etwas anderes, einen "Psycho-Thriller von internationalem Format" (wie der Verleih tönte), sprich eine Co-Produktion mit ausländischen Investoren und Stars. Die Jahre der Spukschlösser und Käuzchen waren definitiv vorbei.

7,5/10

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