Mittwoch, 10. November 2010

Briefe aus dem Jenseits (1947)

BRIEFE AUS DEM JENSEITS (The Lost Moment) ist ein romantisches Mystery-Drama nach Henry James' Roman "The Aspern Papers", der zusammen mit "The Turn of the Screw" (verfilmt als "Schloss des Schreckens", 1961) zu den bekanntesten Werken des Autors zählt. Die Verfilmung ist nahezu in Vergessenheit geraten, obwohl sie mit Robert Cummings und Susan Hayward prominent besetzt ist und eine schaurig-schöne Atmosphäre bietet.

Erzählt wird von dem amerikanischen Verleger Lewis Venable (Cummings), der nach Venedig reist, um die geheimnisumwitterten Briefe eines vor vielen Jahrzehnten auf mysteriöse Weise verschwundenen Dichters namens Jeffrey Ashton an sich zu bringen, von denen er sich ein großes Geschäft verspricht. Die Briefe befinden sich angeblich im Besitz einer Geliebten (Agnes Moorehead) des Autors, die mit ihren mittlerweile 105 Jahren in einem verfallenen Palast lebt, gemeinsam mit ihrer schönen Nichte Tina (Hayward), einer strengen und gefühlskalten jungen Dame, die auf dem besten Weg ist, eine alte Jungfer zu werden.
Kurz nach Venables Ankunft geschehen merkwürdige Dinge. Klaviermusik ist zu hören, die alte Dame will ein altes Porträt des Dichters zu einem horrenden Preis verkaufen, wovon ihre Nichte aber nichts wissen darf, und als Venable nachts einer Katze durchs Gemäuer folgt, entdeckt er eine junge Schönheit im Ballkleid (ebenfalls Hayward), bei der es sich entweder um das geisterhafte jugendliche Ich der alten Dame handelt, oder um deren Nichte Tina, die sich dafür hält...

Regie bei diesem Kostümdrama führte Martin Gabel, den man als Schauspieler u.a. aus Hitchcocks "Marnie" (1964) kennt. BRIEFE AUS DEM JENSEITS war seine einzige Regie-Arbeit, die offensichtlich von den Werken Max Ophüls' beeinflusst ist. So zeichnet sich auch seine Filmversion des Henry James-Klassikers durch eine detailverliebte Ausstattung aus, welche die düstere Atmosphäre des venezianischen Hauses hervorragend einfängt. Obwohl der Film nur in Studiokulissen entstand, bildet Venedig als Stadt von Tod und Verfall dank der guten Schwarzweiß-Fotografie einen glaubwürdigen Hintergrund, wenngleich das sehr bedächtige Tempo der Inszenierung für ein paar Längen sorgt.
Das Drehbuch folgt James' Vorlage nur vage und ist eine deutlich romantisierte Version der Geschichte. Henry James war bekannt dafür, jede Publicity abzulehnen und alles daran zu setzen, dass keine privaten Aufzeichnungen veröffentlicht werden konnten, und so ist seine Hauptfigur - der Verleger, der um jeden Preis das persönliche Material an sich bringen will - nicht unbedingt ein Sympathieträger.

Robert Cummings spielt diesen Verleger aber mit der ihm eigenen Wärme und Freundlichkeit, so dass ihn das Publikum als Held der Story akzeptiert. Als steinalte Geliebte des verschollenen Autors ist Agnes Moorehead unter ihrem Makeup und Schleiern nicht zu erkennen, so sehr man sich auch bemüht. Eine wirklich brillante Leistung zeigt Susan Hayward in ihrer Quasi-Doppelrolle. Als kühle Jungfer wirkt sie fast wie ein hübsche Variante der Mrs. Danvers aus "Rebecca" (1940), die am liebsten den unangenehmen Besucher so schnell wie möglich loswerden möchte. Ihr zweites Ich hingegen ist eine sehnsüchtig Liebende.

Die offenen Fragen um das Geheimnis des alten Hauses halten den Film trotz der schon erwähnten Längen spannend, und so ist BRIEFE AUS DEM JENSEITS zwar insgesamt kein Meisterwerk, aber ein sehenswertes Stück (fast) vergessenes Hollywood-Kino.

07/10

Kommentare:

  1. Meine Güte, der war ja richtig spannend und gruselig! Die Längen konnte ich nicht nachempfinden. Die Atmosphäre war aus meiner Sicht sehr dicht und die Kulissen (das alte Haus...) einfach wunderbar anzusehen. Bei der 105-jährigen hab ich anfänglich jeden Moment auf den Anblick von Norman-Bates' Mutter gewartet...

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  2. Ja, da bestehen durchaus Ähnlichkeiten... :-)

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