Samstag, 23. Oktober 2010

Zimmer 1408 (2007)

Der schwedische Regisseur Mikael Hafström inszenierte mit der Stephen King-Adaption ZIMMER 1408 (1408) einen modernen Geisterfilm, der durch das Weglassen von Gewalt und Splatter sowie die Konzentration auf Charaktere und Atmosphäre Freunde klassischer Horrorfilme wie "The Haunting" (1963) anspricht.
Der große Erfolg an den Kinokassen (1408 ist die zweiterfolgreichste King-Verfilmung aller Zeiten, nach "The Green Mile", 1999) bewies, dass auch ein großes Publikum bereit ist, einen Horrorfilm zu akzeptieren, in dem über 30 Minuten lang scheinbar nichts passiert.

Tatsächlich passiert eine ganze Menge, und zwar auf der Charakterebene. Mike Enslin (John Cusack) schreibt mehr oder weniger erfolglose Ratgeber über angebliche Spukhäuser, er selbst glaubt aber nicht an übersinnliche Phänomene. Sein neuer Auftrag führt ihn ins 'Dolphin'-Hotel in New York. Dort sind im Zimmer 1408 mehrere Menschen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Manche sprangen aus dem Fenster, ein Zimmermädchen hat sich die Augen ausgerissen. Der Manager (Samuel L. Jackson) versucht alles, Mike davon abzuhalten, eine Nacht in 1408 zu verbringen, kann ihn aber nicht überzeugen. So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Im Zimmer selbst scheint zunächst alles normal, doch dann beginnt langsam der Terror...

Mikael Hafström verzichtet während der langen Exposition komplett auf jeden Schockeffekt, sondern führt den Zuschauer an John Cusacks Mike heran, der hinter seiner zynischen und rotzigen Fassade einige Probleme mit sich herumträgt. Welche, das erfahren wir erst später.
In der sehr ausführlichen Sequenz mit Samuel L. Jackson wird die Erwartungshaltung des Publikums derart geschürt, dass man es kaum erwarten kann, endlich dieses ominöse Zimmer zu betreten, welches dann ironischerweise vollkommen harmlos wirkt - zunächst. Die Ähnlichkeit des Zimmers 1408 mit den Räumen des 'Overlook'-Hotels aus Stanley Kubricks King-Verfilmung "The Shining" (1980) ist sicher nicht zufällig gewählt.

Einige Rezensenten können diesen Passagen nicht viel abgewinnen, weil der Horror "lediglich" darin besteht, dass Toilettenrollen sauber gefaltet sind, die eben noch abgerissen waren, oder - im ersten echten Schockeffekt des Films - aus dem Radio unerwartet laute Musik dringt - in typischer King-Ironie übrigens die "Carpenters" mit "We've Only Just Begun". Ein gutes Beispiel liefert Hafström, wenn Cusack seine blutende Hand unter den Wasserhahn hält und unerwartet kochend heißes Wasser über die Wunde schießt. Das ist menschlich nachvollziehbarer Horror, der auf mich eine hundertmal größere Wirkung hat als der x-te Folter- oder Slasherfilm.

Nach diesen ersten seltsamen Phänomenen schaltet sich dann Cusacks Wecker auf 60 Minuten und zählt einen Countdown - wie wir von Samuel L. Jackson wissen, hat niemand länger als eine Stunde in diesem Zimmer überlebt, und der Rest des Films läuft ab dieser Sekunde in (quasi) Echtzeit ab. Wer zu Beginn Action vermisst, wird in der zweiten Hälfte dann mit Eisstürmen, Feuer, Geistern, plötzlich auftauchenden Serienmördern und allerlei anderem Spektakel "entschädigt", und 1408 liefert einen wirkungsvollen Schocker nach dem anderen. So ist z.B. die Szene, in der Cusack durchs offene Fenster im Haus gegenüber einen Mann erkennt, den er um Hilfe anruft, und der sich als er selbst herausstellt, nicht nur eine Anspielung auf Polanskis "Der Mieter" (1976), sondern auch so perfekt aufgebaut, dass sie bei jedem neuen Sehen für Gänsehaut sorgt und einer der besten Momente des modernen Horrorkinos.

Alle Ereignisse im Zimmer 1408 sind dabei stets an Cusacks Charakter gekoppelt und dessen "Aufgabe", die er zu bewältigen hat, sprich die unbearbeitete Vergangenheit. Erst gegen Ende schleichen sich ein paar Schwächen ein, wie die zu süßliche Rückblenden. Hier versucht Hafström zu aufdringlich, das Publikum emotional mitzureißen und neben der Gänsehaut auch noch Tränen der Rührung zu entlocken, was nur bedingt gelingt.

Da 1408 im Grunde ein Einpersonen-Stück ist, braucht es einen Hauptdarsteller, der imstande ist, die Geschichte im Alleingang zu tragen, und hier leistet John Cusack wunderbare Arbeit. Erst nach und nach erkennen wir, was ihn wirklich bewegt und welche Probleme er zu bewältigen hat. Seine Darstellung entwickelt sich (auch wenn er für machen nach den ersten Vorgängen im Spukzimmer zu schnell seine Fassung verliert) vom coolen Understatement hin zu Panik, Entsetzen und dem finalen Akzeptieren des eigenen Schicksals. Seine Monologe sind geschliffen formuliert und beinhalten eine gute Portion Selbstironie. Samuel L. Jackson hat im Grunde nur eine einzige (lange) Szene, aber es ist eine Wohltat, ihn mit absoluter Zurückhaltung spielen zu sehen, und das auf den Punkt genau.
Alle übrigen Elemente - Kamera, die Musik von Gabriel Yared mit den verzerrten Sounds, Schnitt und Ausstattung - sorgen dafür, dass der Zuschauer eine echte Geisterbahnfahrt erlebt.

1408 ist ein Film, der den Zuschauer mit festem Griff packt und nicht mehr loslässt. Ob er ein Klassiker wird, muss die Zeit zeigen, aber was überzeugende Spukgeschichten angeht, von denen es nicht allzu viele gibt, spielt er in der oberen Liga und kann auch bei mehrfachem Sehen begeistern. Für mich gehört er neben "Das Waisenhaus" (2007) zu den Höhepunkten des modernen Geisterfilms.

08/10

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