Freitag, 22. Oktober 2010

Shutter Island (2010)

Dass Martin Scorsese zu den wichtigsten und besten Regisseuren aller Zeiten zählt, ist unbestritten, und er hat mit "Taxi Driver" (1976) und "King of Comedy" (1983) allein zwei meiner absoluten Lieblingsfilme aller Zeiten inszeniert.
Sein jüngstes Werk SHUTTER ISLAND (Shutter Island), die Adaption eines Romans von Dennis Lehane, ist schwierig zu rezensieren, weil es grandiose Einzelelemente bietet, mich letztlich aber nicht wirklich mitgerissen hat und der Film insgesamt - angesichts eines klassischen B-Movie-Plots - einen überproduzierten Eindruck hinterlässt, den man wiederum von Scorsese kennt.

Zunächst die Story: Im Jahr 1954 werden zwei US-Marshalls (Leonardo DiCaprio und Mark Ruffalo) auf eine Insel vor der Ostküste geschickt, wo sich eine Heilanstalt für geisteskranke Kriminelle befindet, aus der eine Patientin ausgebrochen ist. Die Marshalls begegnen neben beänstigenden Insassen auch zwei dubiosen Ärzten (Max von Sydow und Ben Kingsley), dazu wird unser Hauptdarsteller von traumatischen Erinnerungen - dem Tod seiner Ehefrau (Michelle Williams) und den Ereignissen rund um die Befreiung des KZs Dachau, der er als GI beiwohnte - gequält. Je tiefer er sich in den Fall verstrickt, desto stärker entwickelt sich seine Paranoia. Geht hier wirklich alles mit rechten Dingen zu?

Scorseses Rückkehr zum Genre-Film (sein erster Psycho-Thriller seit "Kap der Angst", 1991) ist ohne Frage sehenswert. Das liegt in erster Linie an der fantastischen Kameraarbeit von Robert Richardson, dem beeindruckenden Production Design von Dante Ferretti (das ein geniales Set nach dem nächsten liefert) und der Auswahl klassischer Orchesterstücke als Musikbegleitung, die gelegentlich an Kubrick erinnert und absolut gelungen ist.

Dazu wartet der Film mit einer ganzen Garde hervorragender Schauspieler auf, die sich in Nebenrollen tummeln - neben den bereits erwähnten Größen sorgen Patricia Clarkson, Emily Mortimer, Ted Levine und Elias Koteas für darstellerische Glanzlichter.
Über Leonardo DiCaprio kann ich nicht viel sagen, außer dass ich Scorseses Fixierung auf ihn nach wie vor nicht verstehe, ich empfinde sein Spiel als angestrengt und äußerlich, ganz besonders, wenn er mit Meistern wie Kingsley oder Von Sydow agiert, die scheinbar mühelos jede gewünschte Reaktion durch kleinste Mittel erreichen.

Zum Film jedoch passt das durchaus, denn - wie bereits oben erwähnt - ist Scorsese ein Meister der Bilder, Sounds (ganz hervorragend funktoniert hier das Wechselspiel von Stille und Lärm) und Montagetechnik, aber Subtilität gehört nicht zu seinen markantesten Eigenschaften (oder Zielen). Die Rückblenden, welche Di Caprios Traumata schildern, sind weniger surreal und verschlüsselt als symbolbeladen und aufdringlich (verbunden mit ein paar schlechten CGI-Effekten wie dem Zerfallen der verstorbenen Ehefrau zu Asche).
Auch die gewollte 'Noir'-Atmosphäre des Films (DiCaprio musste sich Gerüchten zufolge mehrfach Tourneurs "Out of the Past" als Einstimmung ansehen) ist sehr dick aufgetragen, und die 140 Minuten Lauflänge stehen nicht wirklich im Verhältnis zu der im Grunde dünnen Geschichte, die hier erzählt wird.
Beim Sehen fiel mir der kaum bekannte "Session 9" (2001) ein, der ähnliche Themen in einer fast identischen Umgebung erzählt, und der mich aufgrund seiner einfachen Mittel deutlich mehr gepackt hat als SHUTTER ISLAND.

Der überraschende Twist am Ende lässt sich übrigens früh erahnen, aber das gehört zum Konzept des Films, der tiefer und tiefer in die Welt des Wahnsinns schreitet. Genre-Fans werden umgehend an Filme wie "1408" (2007) oder "Identität" (2003) erinnert. Daneben huldigt Scorsese einigen Klassikern des Horrorfilms wie der Val Lewton-Produktion "Isle of the Dead" (1945), die wiederum auf Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" basiert. Wenn Scorseses Kamera die Insel zum ersten Mal erfasst, wird die Anspielung nur zu deutlich (s.u.).

SHUTTER ISLAND wurde zunächst vom US-Verleih Paramount für Oktober angekündigt und dann plötzlich auf Februar verschoben, was im Normalfall darauf schließen lässt, dass man nicht zufrieden mit dem Film war und ihn gar nicht erst ins Oscar-Rennen schicken wollte. Die Befürchtungen waren jedoch unberechtigt - zwar ist der Thriller tatsächlich kein Oscar-Kandidat, aber er war ein finanzieller Erfolg für Scorsese, der zumindest bewiesen hat, dass er immer noch ein großes Publikum erreichen kann.
Dass ein "Taxi Driver" heutzutage nicht mehr machbar ist, damit habe ich mich abgefunden, ich würde aber dennoch gern wieder einen kleineren, persönlicheren 'Scorsese' - gern auch ohne Leonardo DiCaprio - sehen, mit etwas weniger großer Oper und dafür mehr echter Leidenschaft.

05/10


Böcklins "Toteninsel" (1880)

und Scorseses Pendant (2010)

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