Freitag, 8. Oktober 2010

Mother of Tears (2007)

Fast 30 Jahre haben die Fans auf den Abschluss der "Drei Mütter"-Trilogie gewartet, die Dario Argento mit "Suspiria" (1977) und "Inferno" (1980) begann. Über die Jahre waren immer wieder Gerüchte über eine Fortsetzung im Umlauf, Argentos Ex-Lebensgefährtin Daria Nicolodi hatte nach eigenen Aussagen ein Buch zusammen mit Argento verfasst, dann wieder Argento selbst, im Jahr 2007 erblickte dann endlich MOTHER OF TEARS (La Terza Madre) das Licht der Leinwand - und erhielt gemischte Reaktionen, um es mal vorsichtig auszudrücken. Es gibt Fans, die den Film als unterhaltsamen, bizarr-blutigen Horror-Trip voller Trash genießen können, für andere ist er der absolute Tiefpunkt und letzte Nagel im Sarg des ehemaligen Meisters.

Asia Argento spielt unter der Regie ihres Vaters eine Kunstrestauratorin in Rom, die Zeugin eines brutalen Mordes an ihrer Kollegin wird. Diese hat kurz zuvor eine antike Urne geöffnet, in welcher sich die Relikte der "Mutter der Tränen" befinden. Jene Urne scheint eher eine Büchse der Pandora zu sein, denn kurz darauf regieren Gewalt, Terror und Irrsinn auf den Straßen Roms. Hexen treffen aus aller Welt zum ultimativen Hexensabbat in den Katakomben der Stadt ein, und Asia bleibt nicht viel Zeit, die Oberhexe zurück in die Hölle zu schicken, bevor die Menschheit ihrem Ende entgegensieht...

Ein Wahnsinns-Szenario, oder? MOTHER OF TEARS steckt so voller Absurditäten, dass am Ende niemand mehr weiß, ob er ernst gemeint ist - besonders nicht, wenn seine Helden Asia Argento und Cristian Solimeno sich in der letzten Einstellung vor einem grauenvollen CGI-Hintergrund halb tot lachen - über die Zuschauer? Die Effekte? Das Drehbuch?

Worauf sich das Publikum einlässt, wird nach der Exposition klar, wenn es mitansehen darf, wie eine Museumsangestellte von unheimlichen Kreaturen, angeführt von einem kreischenden Äffchen, zerfetzt und mit ihren eigenen Gedärmen erwürgt wird (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht), wobei kein blutiges Detail unsichtbar bleibt. Das ist der Startschuss für ein in jeder Hinsicht grausames Spektakel, wie man es von Argento nie zuvor gesehen hat. Die Todesszenen übertreffen sich dabei an Geschmacklosigkeit, und spätestens nach Udo Kiers Abgang per Hackebeil und einer Szene, die an Frauenverachtung nicht mehr zu überbieten ist, bleibt jedem einigermaßen sensiblen Zuschauer das Popcorn im Halse stecken.
Vielleicht hätten sich die Fans nicht über die Blutarmut von "The Card Player" (2004) und "DoYou Like Hitchcock?" (2005) beschweren sollen. Man könnte fast meinen, Argento wolle durch die Überdrehung der Gewaltschraube einen sarkastischen Kommentar abgeben oder gar Genre-Dekonstruktion betreiben, doch Argento ist kein Satiriker, er meint es immer ernst.

Nur - wie ernst kann man unentwegt kichernde "Hexen" nehmen, die aussehen, als seien sie einem 80er Punkvideo entsprungen? Wie ernst gemeint ist ein Finale, in dem die Oberhexe so einfach auszumerzen ist, dass man sich fragen muss, warum es für diese Lappalie ganze fünf (!) Autoren brauchte, von denen nicht einer auch nur einen einzigen guten Dialogsatz schreiben konnte? Und vor allem - wie ernst soll man einen Regisseur nehmen, der seine Heldin plötzlich mit übersinnlichen Fähigkeiten konfrontiert, die ihr vom Geist der verstorbenen Mutter erklärt werden, gespielt von Daria Nicolodi im weißen Nachthemd inmitten von CGI-Wabernebel?

Natürlich sollte man MOTHER OF TEARS nicht an den ersten beiden "Mütter"-Teilen messen, die in vollkommen anderen Zeiten künstlerischer Freiheit von den weltbesten Kameramännern fotografiert wurden (und seien wir ehrlich, die Dialoge dort waren auch nicht grundsätzlich besser), und doch enttäuscht der Abschluss der Trilogie so sehr, weil er keinen speziellen Look bietet, er wirkt flach, banal und fernsehhaft. Die Budget-Beschränkungen sorgen dafür, dass Argento seine Vision von einer Großstadt am Rande des Wahnsinns nicht ansatzweise überzeugend umsetzen kann. Zwar brennen hier und da Autos und prügeln sich irgendwelche Kleindarsteller, eine Mutter wirft ihr Baby in den Fluss (wobei es natürlich noch einmal kräftig gegen den Brückenpfeiler platscht), aber das sind lediglich Einzelszenen, die niemals das Gefühl einer Apokalypse aufkommen lassen, wie es z.B. Cronenberg in "Rabid" (1977) mit weniger Geld besser gelungen ist.
Claudio Simonettis Filmmusik, die heftig Goldsmiths "Omen" kopiert, funktioniert hingegen gut und baut hier und da ein gezischtes "Madre!" ein, wie es weiland Goblin im "Suspiria"-Score mit dem Wort "Witch!" praktiziert haben.

Schauspielerisch ist MOTHER OF TEARS eine Bankrotterklärung. Asia Argento zeigt hier ihre wohl schwächste Leistung (auch wenn sie immer gut anzuschauen ist und massig Persönlichkeit besitzt), auch Udo Kier liefert eine peinliche Vorstellung. Hauptdarsteller Cristian Solimeno ("Footballers' Wives") wird komplett verschenkt, die übrigen Darsteller üben sich im Laienspiel, wobei besonders eine asiatische "Punk-Hexe" dermaßen nervt, dass man froh ist, wenn Asia deren Kopf in der Tür zu einem Zugabteil zerquetscht.
Interessant dürfte noch die Frage sein, warum die alte Oberhexe 'Mater Lachrymarum', die doch schon seit Urzeiten unterwegs ist, Silikonbrüste besitzt und in welcher teuflischen Klinik sie diese hat anfertigen lassen.

MOTHER OF TEARS bietet eine Menge von allem und besitzt trotz und wegen seiner Totalausfälle einen unwiderstehlichen Trash-Charme. Ob man diese Blutorgie, für die die Bezeichnung 'Over the Top' neu erfunden werden müsste, nun lächerlich, spannend oder absurd finden möchte, hier darf sich jeder frei entscheiden, der Film polarisiert wie kein zweiter Argento. Die Trilogie ist abgeschlossen, seien wir dankbar, dass wir nicht noch weitere 30 Jahre warten müssen.

Wohin geht Argentos Weg? Wenn man den wenigen Kritiken trauen darf, hat er mit dem aktuellen "Giallo" (2009) seinen bislang schlechtesten Thriller inszeniert. Das haben wir doch schon mal gehört...

äh... 06/10?

Wo bin ich da nur reingeraten? Asia Argento in der Hölle (oder doch "Phenomena"?)

Kommentare:

  1. Hab ihn jetzt auch gesehen. Er war ganz nett, aber kann es mit "Suspiria" und "Inferno" in keiner Weise aufnehmen.

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  2. Das stimmt, aber mit denen kann es ja auch kaum ein Film aufnehmen. Oder wie es so schön heißt: Das gibt's nur einmal, das kommt nie wieder... LG!

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