Dienstag, 12. Oktober 2010

Hardcore - Ein Vater sieht rot (1979)

Paul Schrader, Drehbuchautor von "Taxi Driver" (1976) inszenierte mit HARDCORE - EIN VATER SIEHT ROT einen thematisch durchaus ähnlichen Film, der durch eine starke 70er-Atmosphäre und einen fantastischen George C. Scott in der Hauptrolle besticht.

Scott spielt den Unternehmer Jake van Dorn, der in einer verschneiten Kleinstadt des Mittleren Westens nach streng religiösen Maßstäben der Calvinisten lebt. Als seine Tochter nach L.A. geht und dort spurlos verschwindet, engagiert er den zwielichtigen Privatdetektiv Andy (Peter Boyle), um sie ausfindig zu machen. Dieser zeigt Jake einen Porno, in dem seine Tochter zu sehen ist, von dem Mädchen aber fehlt jede Spur. Jake reist selbst nach L.A. und macht sich auf die Suche durch die Underground-Sex-Szene der Metropole. Mit Hilfe einer Prostituierten (Season Hubley), die er auf seinem Weg kennen lernt, entdeckt er endlich eine Spur...

Schrader zeichnet den Weg Jakes als gnadenlosen Abstieg in die Hölle, sprich die Niederungen der Sexindustrie, auf dem sich der anfangs gelassene und sanftmütige alleinerziehende Vater mehr und mehr in eine rasende Bestie verwandelt und am Ende kaum ein Unterschied zwischen seinem Verhalten und dem der Ausbeuter der Straße besteht. Nachdem er zunächst in seiner seriösen Geschäftsaufmachung nichts erfährt, verwandelt er sich auch äußerlich. Er hält gefälschte Porno-Castings ab, um einen der Darsteller des Films aufzuspüren, in dem seine Tochter zu sehen war, und als er ihn endlich findet, prügelt er die Wahrheit aus ihm heraus.
Seine Erlebnisse in diversen Bordellen, Sex-Shops, schmierigen Motels und Peepshows zeigt Paul Schrader in intensiven Bildern an authentischen Locations, begleitet von einem düsteren Score Jack Nitzsches. Es sind die gleichen Szenarien, durch die schon Robert de Niro als 'Taxi Driver' gefahren ist, nur dass George C. Scott nicht außen vor bleibt, sondern direkt eintaucht in diese fremde Welt.

Scotts Rollen-Hintergrund als Calvinist ist Regisseur Schrader nur zu bekannt, da seine Eltern dieser Religion angehörten, interessanterweise denunziert er diese nicht, sondern nimmt sie als Motivation für Scotts unerbittliche Suche und Selbstaufopferung. Was auch passiert, in seinem Glauben wird Scott nicht erschüttert.

Der deutsche Titel ist insofern irreführend, als dass er an den Selbstjustiz-Thriller "Ein Mann sieht rot" (1974) mit Charles Bronson erinnert, doch Selbstjustiz ist nicht das, was George C. Scott motiviert - sogar die finale Gewalttat gegen einen Killer, der in Snuff-Filmen auftritt, wird von Detektiv Peter Boyle ausgeführt.
Mit George C. Scott hat Schrader einen meisterhaften Darsteller zur Verfügung, der außergewöhnlich überzeugend und sensibel agiert. Ihm zuzuschauen ist immer eine Freude, und auch hier wirft er sich mit vollem Körpereinsatz in seine Rolle. Peter Boyle ("Frankenstein Junior") überzeugt als widerlicher Privatermittler, und die junge Season Hubley spielt ihre Prostituierte völlig ohne das Klischee der "Hure mit dem goldenen Herzen", ihre Darstellung bleibt lange im Gedächtnis.

Joel Schumachers "8 mm" (1999) hat übrigens HARDCORE bis in die Details kopiert, heraus kam lediglich ein spannender, aber oberflächlicher und gelackter Action-Reißer (ein Schumacher eben), während Paul Schrader ein sehenswertes, grimmiges und anspruchsvolles Filmdrama gelang, das heute noch begeistert, vielleicht sogar mehr als damals, weil Filme in dieser Tonlage heute nicht mehr gemacht werden.
Paul Schrader inszenierte später seinen größten Erfolg "Ein Mann für gewisse Stunden" (1980) und das missglückte Remake "Katzenmenschen" (1982). Als Autor war er u.a. für Brian De Palmas "Schwarzer Engel" (1976) verantwortlich.

Fazit: Bestes 70er-Kino kurz vor der Übernahme Hollywoods durch die Blockbuster-Mentalität, und für mich Schraders bester Film.

09/10

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