Sonntag, 10. Oktober 2010

Dracula jagt Mini-Mädchen (1972)

Mit DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN (Dracula A.D. 1972) verbinde ich in erster Linie nostalgische Kindheitserinnerungen, seitdem ich ihn im Nachtprogramm des ZDF in der Reihe 'Der phantastische Film' (das Pendant zum 'Gruselkabinett' der Dritten) sah und wochenlang Alpträume hatte.
Die schwarze Messe, in der Dracula-Jünger Johnny Alucard (Christopher Neame) einen mit Blut und Draculas Asche gefüllten Kelch über das bebende Dekolleté der schönen Caroline Munro schüttet, bevor der aus seinem Grab auferstandene Dracula (Christopher Lee) seine Zähne in ihren Hals schlägt, habe ich nie vergessen.

Umso schöner ist die Feststellung, dass diese Sequenz heute noch klasse ist, und entgegen der landläufigen Kritikermeinung halte ich DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN für ein Highlight aus Hammers Dracula-Reihe. Graf Dracula jagt hier übrigens eher "Mädchen in Miniröcken" und nicht etwa kleingewachsene Mädels, der deutsche Titel ist da etwas irreführend. Vom Jagen kann auch keine Rede sein, denn Dracula verlässt nie seinen Unterschlupf und wartet dort wie eine Spinne im Netz auf seine Mini-Opfer.

Der Plot: im Jahre 1872 bringen sich Dracula und Vampirjäger Van Helsing (Peter Cushing) bei einer wilden Kutschfahrt durch die Wälder gegenseitig ums Leben. Draculas Asche wird von einem merkwürdigen jungen Mann (Christopher Neame) gestohlen. 100 Jahre später beschwört ein Nachfahre dieses Mannes namens Johnny Alucard (!) im hippen London den Obervampir zu neuem Leben, und Van Helsings Nachfahre (wieder Cushing) muss den Widersacher vernichten, bevor seine reizende Enkelin (Stephanie Beacham) dem Fürsten der Finsternis zum Opfer fällt...

Nachdem der vorige Dracula-Film "Dracula - Nächte des Entsetzens" (1970) trotz reichlich Gewalt und Sex floppte, versuchte man in den Hammer-Studios, den veränderten Ansprüchen des jungen Kinopublikums Rechnung zu tragen und verlegte die Handlung von klassischen Spukschlössern ins moderne London, doch Kritiker und Zuschauer empfanden diesen Kunstgriff als albern und bemüht. Insbesondere die Darstellung der "Teenager", die allesamt zu alt besetzt sind, wurde kritisiert, da weder deren Slang, noch Kostüme oder Verhalten auch nur ansatzweise einer realen Jugendgeneration ähnelten, was den Film bereits damals völlig veraltet und absurd erscheinen ließ.

Nach dem actionreichen Prolog springt der Film (mit einem genialen Kameraschwenk, der 100 Jahre überspringt) mitten in eine "Hippie-Party", die vor unfreiwilliger Komik und alberner Jugendsprache nur so strotzt (die Synchronisation macht es noch schlimmer). Die "sündigen" Teenager trinken übrigens den gesamten Film über nur Cola und Kaffee, gelegentlich wird auch mal gekifft. Gegenüber der heutigen Handy-Fraktion wirken diese "bösen Kids" absolut liebreizend.

Zum ersten Mal seit dem Original "Dracula" (1958) standen die Hammer-Ikonen Christopher Lee und Peter Cushing für DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN wieder gemeinsam in einer Dracula-Verfilmung vor der Kamera, und die Wiederbegegnung macht auch den Hauptreiz des Films aus. Lee hat nur eine handvoll Szenen, besitzt aber noch immer seine magische Leinwandpräsenz. Wenn Cushing ihm im Finale erstmals gegenübertritt, wirft er diesem einen Blick zu, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die blutunterlaufenen Augen erzeugen erneut große Wirkung, auch wenn Alan Gibson gelegentlich aufpassen muss, ihn nicht zu menschlich agieren zu lassen (etwa, wenn er läuft).
Cushing
strahlt wie immer große Würde und Seriosität aus. Wenn er sich einen tödlichen Kampf mit Dracula liefert, wirkt er tatsächlich so, als ginge es um Leben und Tod. Sehenswert ist auch sein Kampf gegen den Jungvampir Alucard, den er mit Hilfe von Sonnenlicht und Kreuzen so in die Ecke drängt, dass dieser sich selbst unter der Dusche tötet (fließendes Wasser, gell?).
Damit übrigens auch der dümmste Zuschauer versteht, dass der Name 'Alucard' rückwärts 'Dracula' heißt, muss der arme Cushing das Buchstabenrätsel mühsam auf einem Blatt Papier durchexerzieren, obwohl er schon bei der Erwähnung des Namens hellhörig wurde.

Die übrige Besetzung ist gut, auch Kamera und die flippige Musik überzeugen, einige Entgleisungen des Kostümbildes (besonders der fluffige Pelzkragen am Mantel des Kommissars, der dort gar nichts verloren hat) erhöhen nur den Reiz dieses Kultfilms, der fast keine Längen hat (abgesehen von einigen zu langen Polizei-Szenen) und von vorne bis hinten herrlich unterhaltsam ist. Ich kann ihn immer wieder sehen.

Christopher Lee ließ sein Cape nach dem folgenden (und misslungenen) "Dracula braucht frisches Blut" (1973) am Sargnagel hängen. Im letzten Dracula-Film der Hammer-Studios, "Die 7 goldenen Vampire" (1974) übernahm John Forbes-Roberston den Part des Blutsaugers. So ging eine legendäre Ära zu Ende.

08/10

Kommentare:

  1. Hallo Matze, die Minimädchen haben auch in unserer Klasse für großen Aufsehen gesorgt, allerdings hieß der Film in Sachsen "Drokula jogt Minimädschen". Leider durften nur die echt coolen Jungs und die Schwererziehbaren diesen Film sehen, anderntags hingen wir aber an ihren Lippen und lauschten. Alle Regeln des Vampirismus wurden en detail mitgeteilt und ich weiß sie seither und aus diesem Film - wenn auch aus zweiter Hand. Als ich viele Jahre später dann den Film endlich, mit den größten Erwartungen, selber sah - war ich reichlich enttäuscht. Das Jungvolk ist doof und albern. Man hat zeitweise - meine ich mich zu erinnern - das Gefühl, in einen Oswald Kolle Streifen geraten zu sein... Danke für die schöne Rezension! :-)

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  2. Soweit ich mich erinnern kann, durfte ich den Film aucn nicht sehen (war weder cool noch schwer erziehbar), habe mich aber nachts zum Fernseher geschlichen und ganz leise gestellt, weiß nicht mal, ob es schon Farbe oder noch S/W war. Das Jungvolk ist vor allem viel zu alt. :-)

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  3. Das ist ja klasse! Oder Telepathie... Liebe Grüße!

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