Samstag, 2. Oktober 2010

Der Ghostwriter (2010)

Mit DER GHOSTWRITER (The Ghostwriter) inszenierte Roman Polanski einen im besten Sinne altmodischen Suspense-Thriller, der mit geradezu schlichter Storyline und viel inszenatorischem Geschick sowie ausgezeichneten Darstellerleistungen eine subtile Spannung entfaltet, die ich lange im Kino vermisse. Polanski unterwirft sich nicht dem Trend zu schnellen Schnittfolgen oder optischen und akustischen Sensationen, sein Erzählrhythmus bleibt stets ruhig, entfaltet aber einen unwiderstehlichen Sog.

Nach dem Roman "Ghost" von Robert Harris, der zusammen mit Polanski das Drehbuch verfasste, erzählt der Film von einem Ghostwriter (Ewan McGregor), der zur Überarbeitung der Memoiren des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) in dessen vornehmes Strandhaus reist, wo sein Vorgänger unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen ist. Nach und nach entdeckt unser namenloser Held, dass Lang möglicherweise vom CIA rekrutiert wurde und sämtliche Entscheidungen seiner politischen Laufbahn im Interesse der USA getätigt hat. Als er weiter recherchiert, gerät er bald in Lebensgefahr...

DER GHOSTWRITER beginnt - wie so viele Polanskis - extrem unspektakulär. Die Exposition ist lang, und Polanski lässt sich viel Zeit, die Charaktere einzuführen. Abgesehen von zu vielen Greenscreen-Aufnahmen, in denen die Darsteller vor künstlichen Hintergründen spielen, was leider heute zum Standard in Filmproduktionen gehört , zieht Polanski den Zuschauer unerbittlich in die Geschichte. Das kühle Ambiente und die Stille des noblen Strandhauses, in dem sich sämtliche Angestellten wie Geister bewegen (allen voran Kim Cattrall als eiskalte Assistentin Brosnans), sorgen für eine Atmosphäre der konstanten Bedrohung. Polanskis Brillanz zeigt sich daran, wie er durch leichte Irritationen ein Gefühl des Unbehagens beim Zuschauer entstehen lässt, so etwa beim Anblick der stets stummen Security-Männer oder in der Einstellung eines leeren Wagens auf einer Autofähre.

Erst spät zieht Polanski das Tempo an, und die einzige Action-Sequenz des gesamten Films - McGregors Flucht vor zwei unbekannten Verfolgern - erreicht auch dank des Verzichts auf hektische Montagen oder Effekte die Qualität der besten Polit-Thriller.
Im Grunde haben wir es hier mit einer sehr klassischen, fast schon konventionellen Storyline zu tun: der junge, etwas naive Held, dem bewusst wird, dass er Teil von dunklen Machenschaften geworden ist und bald von allen Seiten gejagt wird, ein Schema, das der Zuschauer bereits aus unzähligen Filmen von "Coma" (1978) bis "Die Firma" (1993) kennt. Polanski beweist, wie viel Spannung man heute noch aus einer solch konventionellen Geschichte herausholen kann. Die politischen Hintergründe und die "Auflösung" des Geheimnisses sind ein "MacGuffin" im besten Hitchcock'schen Sinne, sie spielen für die Wirkung des Films nicht wirklich eine Rolle und sind weniger schockierend als man anfangs vermuten könnte.

Neben der ausgezeichneten Fotografie und der raffinierten, manchmal spöttischen Musik Alexandre Desplats, die stellenweise an Morricones "Frantic"-Score erinnert, liefern auch die Schauspieler exzellente Leistungen ab. Ewan McGregor ist fast schon zu routiniert in dieser Art Rolle. Die Tatsache, dass seine Figur kaum Charakterzüge, geschweige denn einen Namen erhält, sowie die konturlose Ausstrahlung McGregors (der perfekte Jedermann) passen ideal zu seiner Funktion als "Ghost". Pierce Brosnan bekommt nur wenige Szenen und verzichtet dankenswerterweise auf eine Tony Blair-Imitation, überzeugt stattdessen durch eine Mischung aus geschniegeltem Hampelmann und charismatischem Dummkopf. Die hervorragende Olivia Williams als dessen frustrierte Gattin erhält die meisten Charakterdetails, sie bleibt lange Zeit mysteriös und undurchsichtig, sowohl für McGregor als auch den Zuschauer. In Nebenrollen spielen Timothy Hutton, James Belushi und die über 90-jährige Hollywood-Legende Eli Wallach.

Gedreht wurde DER GHOSTWRITER in den Babelsberger Studios, auf Usedom und Sylt. Während der Post-Produktion wurde Roman Polanski in der Schweiz verhaftet, die Hintergründe und Umstände sind andernorts nachzulesen. Unter Hausarrest gestellt, konnte er die Arbeiten am Film zu Ende bringen. Vorgestellt wurde er auf der Berlinale 2010 und gewann den Silbernen Bären für die beste Regie, ein klares Solidaritäts-Bekenntnis der Jury zu Polanski.

DER GHOSTWRITER bietet viele Querbezüge zu früheren Polanski-Werken. Das Strandhaus-Setting kennen wir aus "Der Tod und das Mädchen" (1994), das Buch als Mittelpunkt der Verschwörung stammt aus "Die neun Pforten" (1999), ebenso wie Tom Wilkinsons Darstellung eines CIA-Agenten, der stark an Frank Langellas Darstellung als dämonischer Verleger Boris Balkan erinnert, und der Schatten des verstorbenen Vorgängers spielt deutlich auf "Der Mieter" (1976) an.

Für Freunde des klassischen Thrillers ist DER GHOSTWRITER ein Muss. Ein anspruchsvolles Meisterwerk wie "Der Pianist" ist er nicht und will er auch nicht sein, doch was spannende Unterhaltung mit subtilem Humor anbelangt, geht es kaum besser.

9,5/10

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