Dienstag, 19. Oktober 2010

Der Affe im Menschen (1988)

"Zombie"-Schöpfer George A. Romero inszenierte drei Jahre nach dem (finanziellen) Misserfolg von "Day of the Dead" (1985) diesen psychologischen Horrorfilm um den querschnittsgelähmten jungen Ex-Sportler Allan (Jason Beghe), der von einem befreundeten Wissenschaftler (John Pankow) ein Kapuzineräffchen geschenkt bekommt. Dieser Affe namens Ella wurde eigens dafür trainiert, Behinderten zu helfen - Ella kann Bücher umblättern, ans Telefon gehen, Essen machen und sogar staubsaugen. Was Allan aber nicht weiß - Ella stammt aus einem Versuchslabor und wurde von seinem Freund mit einer speziellen Mixtur "behandelt", die ein schnelleres Gehirnwachstum ermöglichen soll. Allan, der wegen seines hilflosen Zustands immer stärkere Aggressionen gegenüber seiner Umwelt entwickelt, überträgt diese auf das Äffchen. Und bald schon führt Ella - kurzgeschlossen mit Allans Psyche - dessen angestaute Wut aus...

DER AFFE IM MENSCHEN (Monkey Shines) basiert auf einem Roman von Michael Stewart. Der Film hat seinerzeit Romeros Fans enttäuscht und wurde vom Rest des Publikums ignoriert, dabei handelt es sich hier um einen hervorragenden Thriller mit durchaus anspruchsvollen Themen, die vom Horror-Meister wie immer intelligent und packend umgesetzt werden. Was fehlt ist jede detaillierte Gewaltdarstellung. Obwohl Tom Savini für die Effekte verantwortlich war und die meisten Fans ein Splatter-Festival im Stil von "Zombie" (1978) erwartet hatten, bleibt DER AFFE IM MENSCHEN fast komplett blutleer (Savinis Arbeit beschränkte sich auf die Herstellung künstlicher Affen für die Action-Sequenzen).
Die FSK 18-Freigabe, die der Film dennoch erhielt, ist Romeros Ruf geschuldet, sowie der Tatsache, dass der Film Muttermord und Suizid thematisiert, stets heiße Eisen bei der Selbstkontrolle. Auch der extrem grimmige Unterton des Films kann unbedarfte Zuschauer verstören, doch das genau ist Romeros Spezialität.

Ein Punkt, in dem sich alle einig sind, ist die unglaubliche Vorstellung des trainierten Äffchens (bzw. mehreren davon), das die menschlichen Darsteller locker an die Wand spielt. Jason Beghe kann in der Hauptrolle durchaus überzeugen, während einige Nebendarsteller eher schwache Leistungen abliefern, das mag aber auch an ihren eindimensionalen Charakteren liegen. Hervorragend ist Joyce van Patten (eine meiner Lieblingsmörderinnen aus "Columbo") als Beghes dominante Mutter, der man die Pest an den Hals wünscht, deren Handlungen aber dennoch menschlich nachvollziehbar bleiben. In einer Nebenrolle spielt Romeros Gattin Christine eine zickige Krankenpflegerin, die das niedliche Äffchen am liebsten umbringen würde.

Thematisch nimmt sich Romero hier nicht nur Tierversuchen und den Grenzen der Wissenschaft an (die einzige wirklich verabscheuungswürdige Figur ist ein Mediziner, der mit Vorliebe Tiere im Namen der Forschung tötet und seziert), sondern auch der Mensch/Tier-Dualität. Während sich bei Affe Ella im Zusammensein mit Allan (man beachte die Ähnlichkeit der Namen) Gefühle von Eifersucht und Rachegelüsten verstärken, entwickelt Allan mehr und mehr animalische Instinkte, sein Wut wird unkontrollierter, seine Reaktionen direkter, bis er im Finale selbst zum "Tier" werden muss, um sein Leben zu retten. Mit seiner Filmmutter verbindet ihn eine fast ödipale Beziehung, die mehrfach zum Ausdruck kommt, etwa wenn er sich hilflos und nackt in der Badewanne von ihr waschen lassen muss. Ihre "Aufopferung" trägt sado-masochistische Züge und verschafft ihr sowohl Befriedigung (einen "Sinn" im Leben) wie auch Frust und Depressionen. Und da wundert sich noch jemand über die FSK-Freigabe...

Im letzten Drittel erreicht DER AFFE IM MENSCHEN echte Hochspannung, wenn der gelähmte und eingeschlossene Beghe gegen das mittlerweile mordlüsterne Äffchen kämpfen muss, das - mit Rasiermesser und Injektionsnadel bewaffnet - sowohl ihn als auch die bewusstlose McNeil attackiert. Hier läuft Romeros Horror-Handwerk auf Hochtouren.
Das angehängte Happy-End hingegen, das so nicht in der Romanvorlage existiert, musste Romero auf Druck der finanzierenden Orion-Studios inszenieren (sie waren es auch, die ihm einige Darsteller "aufzwängten", sogar Romeros Ehefrau musste ein Casting durchlaufen, bevor sie akzeptiert wurde). Das Ende ist vollkommen unglaubwürdig, aber der arme Jason Beghe hat im Film so viel durchgemacht, dass man ihm diesen unrealistischen Abschluss dennoch gönnt (ich zumindest).

Fazit: wer einen "Zombie"-Nachfolger sucht, der ist mit dem AFFEN IM MENSCHEN sicher schlecht bedient. Gleichzeitig ist die Reduktion von Romero durch sogenannte "Fans" als Lieferant bluttriefender Details nicht nur ungerecht, sondern auch respektlos. Sicher hat er in dieser (seiner ersten) Mainstream-Produktion einige Zugeständnisse gemacht, die sich in seinen früheren Independent-Werken nicht finden, dennoch gehört der Film zu den besten Horrorfilmen der späten 80er - eine Zeit, als überwiegend Stagnation im Genre herrschte.
Er trägt eine deutliche Handschrift und ist gerade aus heutiger Sicht - trotz leichter Schwächen - absolut sehenswert.

07/10

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