Sonntag, 3. Oktober 2010

Das Stendhal Syndrom (1996)

Das sogenannte "Stendhal Syndrom" beschreibt das überwältigende Gefühl, das beim Betrachten von Kunst zu Beklemmung und Wahnvorstellungen führen kann. Erstmals beobachtet und aufgezeichnet wurde es 1817 vom Schriftsteller Marie-Henri Beyle, der unter dem Pseudonym Stendhal schrieb.

Regisseur Dario Argento, der als Kind ein solches Gefühl durchlebte, entwickelte daraus seinen vielleicht anspruchsvollsten Film, DAS STENDHAL SYNDROM (La Sindrome di Stendhal), der ein großer Hit in Italien wurde, seine Fans aber etwas ratlos zurückließ, weil viel nicht wussten, was sie damit anfangen sollten.

Asia Argento spielt - zum zweiten Mal nach "Trauma" unter der Regie ihres Vaters - die Polizistin Anna Manni, die nach Florenz reist, um einen Serienvergewaltiger- und Mörder namens Alfredo (Thomas Kretschmann) zu finden. In den berühmten Uffizien verliert sie beim Anblick der Kunstwerke das Bewusstsein und wird später vom Killer in ihrem Hotel überfallen und vergewaltigt, woraufhin sie vom Dienst suspendiert und in ihre Heimatstadt geschickt wird. Dort kann Alfredo sie abermals in seine Gewalt bringen, es gelingt ihr aber in einem grausamen Zweikampf, ihn zu töten und seine Leiche in den Fluss zu werfen. Doch damit ist der Alptraum immer noch nicht beendet, denn Alfredo scheint weiter zu leben - und zu töten...

Nie hat sich Argento mehr zwischen alle Stühle gesetzt als mit seinem STENDHAL SYNDROME, was naturgemäß zu völlig unterschiedlichen Bewertungen führte. Heute genießt er einen immer noch wachsenden, ausgezeichneten Ruf. Für die Horror-Fans gibt es reichlich Gewalt, physischer wie psychischer Natur, auch Whodunit- und Giallo-Elemente sind erkennbar, in erster Linie aber handelt es sich hier um ein Psychodrama, das in geradezu brillante Weise die Auswirkungen von gewaltsamen Übergriffen auf die Opfer schildert. Das hat man nicht allzu oft gesehen in einem Genre, in dem unentwegt gemetzelt wird und sich niemand fragt, was eigentlich die Überlebenden für Traumata abzuarbeiten haben.
Argento zeichnet sehr genau die fatale Entwicklung nach, in der seine Protagonistin zunächst in eine Identitätskrise gerät und sich kleine Verletzungen zufügt, nach dem zweiten Angriff dann erneut Aussehen und Identität ändert (mit blonder Perücke erinnert sie - absichtlich? - an Kathleen Turner in Ken Russells "China Blue", 1984, eine weitere gespaltene Persönlichkeit), sowie bislang unentdeckte Aggressionen gegen die Menschen in ihrem Umfeld auslebt.

Zu den besten Szenen gehören dabei die psychiatrischen Sitzungen, in denen wir die verschiedenen Stufen ihrer Veränderung sehen. Dort erzählt Asia Argentos Anna ihrem Psychiater u.a. eine Geschichte mit makaberer Pointe, die für den Film eine entscheidende Bedeutung hat. Die seelischen Qualen, die aus Anna eine Verzweiflungstäterin machen, gehen zurück bis zu Polanskis "Ekel" (1962). "Er ist in mich eingedrungen, und jetzt werde ich ihn nicht mehr los!" sagt sie an einer Stelle, und in diesem Satz steckt der Schlüssel für das Verständnis des Films.

Argento schickt seine Tochter Asia dabei durch eine wahre Hölle (sie wird zweimal brutal vergewaltigt und mehrfach misshandelt), und die Schauspielerin wirft sich mit Inbrunst in ihre Rolle. Zwar kann sie als toughe Polizistin zu Beginn keinesfalls überzeugen, dafür ist sie in den späteren Passagen, die ihre psychische Labilität und das Abgleiten in den Wahnsinn beschreiben, umso eindringlicher. DAS STENDHAL SYNDROM ist ganz und gar ihr Film, keine andere Figur erhält auch nur annähernd viel Aufmerksamkeit. Thomas Kretschmann greift zwar auf reichlich Klischees beim Spiel des "irren Killers" zurück, besitzt aber genügend Präsenz, um über die Runden zu kommen.
Einige schwache Darstellerleistungen in Nebenrollen und absurde Ideen dürfen auch in diesem Film nicht fehlen. So wirkt z.B. Argentos Entscheidung, die Sprache des (für den Zuschauer unsichtbaren) Killers beim Ansprechen eines potentiellen Opfers als unverständliches Brabbeln zu verfremden, höchst merkwürdig.

Visuell bietet Argento einige grandiose Set Pieces und beginnt mit einer beeindruckenden Museums-Sequenz, die an De Palmas "Dressed to Kill" (1980) erinnert, auch wenn sie inhaltlich nichts mit dem US-Thriller zu tun hat. Argento war übrigens der erste Regisseur, dem Zugang zu den Räumen der Florenzer Uffizien gestattet wurde, was deutlich zeigt, welchen Stellenwert er als Regisseur in seinem Heimatland genießt. Argento experimentiert im STENDHAL SYNDROME zum ersten Mal mit CGI-Effekten, was zu einigen befremdlichen Einstellungen führt (wie Tabletten, die eine Speiseröhre hinuntergleiten), das "Eintauchen" von Asia Argento in verschiedene Gemälde ist dagegen hervorragend umgesetzt.

Ennio Morricone hat für DAS STENDHAL SYNDROME einen traurigen, hypnotischen Score komponiert, der das Psychodrama verstärkt und den Horror in den Hintergrund drängt. Morricone und Argento arbeiteten hier erstmals seit dem frühen Giallo "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971) wieder miteinander.

DAS STENDHAL SYNDROM ist kein Film, den man beim ersten Sehen leicht ins Herz schließt, man sollte ihn bei Interesse mehrere Male betrachten und sich auf die vielen Ideen einlassen, die zunächst sperrig wirken. Dies ist nicht nur Argentos ungewöhnlichster Film, sondern definitiv auch einer seiner besten.

09/10

Kommentare:

  1. Hi Mathias, das klingt auch sehr vielversprechend für einen "blinden" Kauf, aber einige von Argentos Filme sind derzeit schwer zu bekommen. Nachdem immerhin schon "Opera", "Phenomena" und "Mother of Tears" auf meinem ungesehen Stapel liegen, habe ich die Augen offen, ob "Tenebre" oder dieses "Stendhal Syndrom" irgendwo angeboten werden.
    Nach deiner recht wohlwollenden Rez zu "Do you like Hitchcock ?" wird er wohl bei einer nächsten Bestellung berücksichtigt.
    "Jenifer" hat noch ganz gute Kritiken, könntest Du den auch empfehlen ???
    LG Ray

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  2. Hi Ray, das stimmt mit den DVDs, ist nicht ganz einfach, in England sind allerdings ganz wunderbare Blu-Rays von "Suspiria" und "Inferno" erschienen, da lohnt sich das neue Format richtig. "Jennifer" war nicht mein Fall, ich mochte aber bislang eigentlich keinen aus der "Masters of Horror"-Serie. "Mother of Tears" steht auf meiner Rezensionsliste, viel Gutes gibt es da nicht zu sagen. "Opera" lohnt sich sehr, und "Tenebre" ist natürlich Pflicht. :-)
    "Do You Like Hitchcock" mag irgendwie niemand so recht, ich fand ihn passabel für einen TV-Film. LG, Mathias

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  3. Wow...ich bin begeistert und mir fiel es sehr leicht, den Film gleich beim ersten Mal ins Herz zu schließen. Ich war sogar hin- und weg von diesem Film, sogar mit leichten Stendhal-Syndromen (als der Abspann lief)...klasse, klasse, klasse.

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  4. Hi Ray, ich brauchte zwei Anläufe, beim ersten fand ich ihn interessant, beim zweiten dann war ich begeistert. Super, dass es Dir gleich so ging. Aber nicht, dass Du jetzt losgehst und Bekannten den Kofferraumdeckel ins Genick schlägst... kicher LG, Mathias

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