Dienstag, 5. Oktober 2010

Das Phantom der Oper (1998)

Es war einmal ein italienischer Filmregisseur, der schenkte seiner hinreißenden Tochter einen Film. Und da er schon immer fasziniert von der Oper war und mit "Terror in der Oper" (1987) eines seiner besten Werke geschaffen hatte, wählte er Gaston Leroux' klassische Gruselmär und inszenierte seine Version von DAS PHANTOM DER OPER (Il Fantasma dell'Opera). Die Fans aber weinten bitterlich, als sie sahen, was ihnen der Maestro da vorsetzte. Und das zu recht, denn Argentos Mischung aus Kitsch-Romantik,Sex, Splatter und absurdem Humor ist so ungenießbar, dass es schwer fällt, ihn zu verteidigen.

Die Story sollte bekannt sein, also verzichte ich auf eine Nacherzählung. Das Positive zuerst: die üppige, barocke Ausstattung und die extravaganten Kostüme (allein Asia Argentos Hut mit riesiger Taube muss man gesehen haben, um ihn zu glauben) sind extrem sehenswert, und Ennio Morricones einschmeichelnde Filmmusik ist ebenfalls wunderbar gelungen.
Leider gehen beide in einer Flut aus falschen Entscheidungen und seltsamen Ideen unter. Das fängt mit den herben Splatter-Szenen an, die in diesem Ambiente vollkommen deplaziert wirken, und hört bei der bizarren Liebesgeschichte zwischen Asia Argento und dem "Phantom" Julian Sands, der mit langer Wallemähne wie ein lebendig gewordenes Groschenroman-Cover aussieht, noch lange nicht auf. Als Phantom kuschelt Sands in den Katakomben gern mit Ratten (und macht wer-weiß-was noch mit den Viechern), wenn er nicht gerade seinen Lieblingsbeschäftigungen - Mord und Sex - nachgeht. Da er "böse" ist, bevorzugt er natürlich den Analverkehr.

Asia Argentos erster Auftritt zeigt sie als hochtalentierte Sängerin. Dass ihr Gesang synchronisiert wurde, ist einleuchtend, dass die Schauspielerin aber nicht einmal überzeugend so tun kann, als würde sie selbst singen, ist peinlich. Ihre Romanze mit dem Phantom, von dem sie bis zum Abspann nicht so recht loskommt, bleibt ein Rätsel, das noch am ehesten dadurch erklärt werden kann, dass ihr "offizieller" Verehrer Raoul (Andrea di Stefano) mehr als unappetitlich wirkt und seine Freizeit lieber nackig und Opium-schmauchend mit drallen Dirnen und hübschen Jungs im Bordell verbringt.

In Leroux' Vorlage ist zwar das Phantom in die Protagonistin verliebt, diese aber empfindet nur Horror in seiner Gegenwart (so auch in der einzig gelungenen Adaption von 1929) . Wer auch immer als Erster eine Dreiecks-Liebesgeschichte aus dem Stoff gemacht hat (man verliert bei den unzähligen Verfilmungen leicht den Überblick), gehört meiner Meinung nach eingesperrt. Leider benutzt auch Argento in seinem Blut- und Arien-Epos diese offenbar unvermeidliche Nummer.

Neben weiteren geschmacklosen Einfällen, wie den (nicht) lustigen Arbeitern, die mit selbstgebautem "Ratten-Tötungsmobil" durch die Katakomben düsen, oder den älteren Sabbersäcken, die mit Schweizer Schokolade den minderjährigen Ballerinas nachstellen (was möglicherweise der damaligen Wirklichkeit entspricht, aber höchst unangenehm anzuschauen ist), bleibt es absolut erstaunlich, wie langweilig der Film insgesamt ausgefallen ist. Auch die berühmte Kronleuchter-Sequenz, die in keiner Version fehlen darf, kann nicht begeistern. Argentos "Terror in der Oper" war so viel besser...

Schade. Als Argento-Fan macht man viel mit, keine Frage. Ich bleibe trotzdem treu. Die gute Nachricht lautet: Argentos "Phantom" ist immer noch hundertmal besser als Joel Schumachers Andrew Lloyd Webber-Verfilmung. Die ist Horror der ganz anderen Art...

03/10

Schatz, geh' doch zum Friseur, dann singe ich für dich - Christine und ihr Phantom (Asia Argento und Julian Sands)

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