Freitag, 3. September 2010

The Wrestler (2008)

Nachdem Darren Aronofskys künstlich-philosophische Welten von "The Fountain" (2006) eher erfolglos blieben, schlug er mit seinem Nachfolger THE WRESTLER (The Wrestler) völlig andere Wege ein und inszenierte ein ultra-realistisches Außenseiter-Drama, bei dem er mit der Kamera stets dicht an seiner Hauptfigur bleibt.
Mickey Rourke gelang mit der Hauptrolle in Aronofskys Film ein Comeback, das von Kritik und Fans bejubelt wurde.

Worum geht es? Der alternde und herzkranke Wrestling-Star Randy "The Ram" Robinson (Rourke) lebt im Trailerpark, arbeitet aushilfsweise in einem Supermarkt und ramponiert Abend für Abend seinen ohnehin schon geschundenen Körper zur Belustigung der Wrestling-Fans. Menschlichen Kontakt hat er nur zur Stripperin Cassidy (Marisa Tomei). Als er nach einem Auftritt im Krankenhaus landet und erfährt, dass er beinahe gestorben wäre, will er sein Leben ändern. Er quittiert das Wrestling und sucht Kontakt zu seiner Tochter (Evan Rachel Wood), die er vor Jahren verlassen hat, und die von ihm nichts mehr wissen will...

THE WRESTLER ist ganz und gar Mickey Rourkes Film. Ob er hier im Grunde sich selbst spielt, wie vielfach konstatiert wurde, ist eine müßige Frage. Mit gestählten Muskeln und schrecklich blondierter Dauerwelle ausgestattet, erweckt er Randy "The Ram" mit sehr viel Understatement zum Leben (man kann sich darüber streiten, ob sein Gesicht überhaupt noch zu auffälligen Regungen fähig ist) und kann in den besten Momenten tief berühren. Sein Wrestler ist ein herzensguter, freundlicher und schlichter Mensch, der nicht in der Lage ist, sich selbst aus dem Dreck zu ziehen. Schlimmer noch, wenn er schon ein wenig dem Dreck entkommen ist, wirft er sich durch Dummheit und Schwäche selbst wieder hinein. Er ist der Anti-"Rocky", von dem man schon zu Beginn weiß, dass er nicht am Ende triumphieren wird.
Hier kann Darren Aronofsky, der zu den begabtesten, aber auch depressivsten Independent-Regisseuren Hollywoods zählt, erneut seine Vorliebe für Charaktere unter Beweis stellen, die in ihrer eigenen Welt gefangen sind und sich schlussendlich ihrem Schicksal ergeben, wie er es schon in "Requiem for a Dream" (2000) beeindruckend gezeigt hat.

So ist THE WRESTLER ein ernüchterndes Drama, das keinerlei Hoffnung zu bieten hat. Für jemanden wie mich, der von professionellem Wrestling keinen Schimmer hat, bietet er dazu sehr aufschlussreiche Blicke hinter die Kulissen und Mechanismen dieses organisierten Spektakels, die einen glaubwürdigen und authentischen Eindruck vermitteln. Die Sportler (wenn man sie so nennen will, man könnte auch Entertainer sagen) schenken sich nichts, wenn sie sich auf der Bühne Stühle über die Schädel hauen, sich mit Tackern malträtieren oder mit präparierten Rasierklingen Wunden zufügen. Hinter der Bühne pumpen sie sich mit Schmerzmitteln und Steroiden zu. Sie alle zeichnet Aronofsky mit überraschender Liebenswürdigkeit und Respekt.

Leider verhindern zu viele Klischees, dass THE WRESTLER wirklich außergewöhnlich wird. Er besitzt zwar einen Bogen, aber keine Geschichte. Die zentrale Vater/Tochter-Story steckt voller Szenen, die man alle schon einmal gesehen hat und Dialogen wie "Du bist meine Tochter, und ich liebe dich, du bist mein Engel". Selbst wenn man diese Banalitäten als Sprache der Charaktere akzeptiert, die sich aufgrund ihres sozialen Standes eben nicht besser auszudrücken wissen als es ihnen TV-Sopas vorgegeben haben, fehlt ihnen ein überraschendes oder scharfsichtiges Moment.
Auch die Beziehung zu Stripperin Marisa Tomei tritt auf der Stelle. Tomei spielt die Cassidy tadellos und zeigt viel nackte Haut (Tomei scheint spezialisiert auf reife Frauenrollen, die kein Problem mit Nacktheit haben, siehe "Tödliche Entscheidung"), aber im Grunde ist sie die typische "Hure mit dem goldenen Herzen", ein netter Mensch, der sich verkaufen muss, um zu überleben, genau wie Rourke, in einer Branche, in der das Alter der größte Feind ist.

Letztendlich kann THE WRESTLER wegen Rourkes Darstellung begeistern, für die er eine verdiente Oscar-Nominierung erhalten hat. Wer ihn noch als attraktiven Jungstar der 80er in Erinnerung hat, wird kaum glauben, was er hier sieht. Aber Rourke ist ein Schauspieler, der immer alles gibt, und der es schafft, in dieses niederdrückende Porträt eines Verlierers Humor einzubringen, etwa wenn er sich mit Haarnetz hinter dem Tresen der Supermarkt-Delikatessen-Abteilung von alten Damen herumkommandieren lässt.

Darren Aronofsky hat mit diesem Film eindeutig den Mainstream betreten und mehr als einen Achtungserfolg erzielt, man darf gespannt sein, was er als nächstes anbietet.

07/10

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