Sonntag, 5. September 2010

Hitcher, der Highway-Killer (1986)

Plötzlich steht er da, mitten im Unwetter, nachts auf einsamer Landstraße, und streckt den Daumen raus. Der mysteriöse Anhalter heißt John Ryder (Rutger Hauer), der junge und naive Jim (C. Thomas Howell) nimmt ihn mit, um nicht am Steuer einzuschlafen. Eigentlich wollte er nur ein Fahrzeug überführen, jetzt hat er einen Serienkiller auf dem Beifahrersitz.
"Sag vier Worte: ich möchte tot sein!" verlangt der Hitcher, bevor Jim ihn in letzter Sekunde aus dem Wagen befördern kann.

Doch damit fängt der Alptraum erst an...

Robert Harmons Regiedebüt HITCHER, DER HIGHWAY-KILLER (The Hitcher) gehört zu den Thriller-Highlights der 80er. Die Verbindung aus Psycho-Thriller, Roadmovie und Western-Motiven ist mit das Spannendste, was das Jahrzehnt filmisch hervorgebracht hat. Harmon, der viel von Hitchcock gelernt hat und den Unschuldigen zum Gejagten werden lässt, spult das mörderische Geschehen souverän vor endlosen Wüstenpanoramen, in einsamen Motels, verlassenen Diners und Tankstellen ab.
John Ryder ist dabei weniger der Killer aus Fleisch und Blut als ein mystischer Todesengel, der den jungen Jim (dessen Mutter ihn noch warnte, keine fremden Männer mitzunehmen) ins Verderben reißt. Er ist der namenlose Reiter (Rider/Ryder), unaufhaltsam, nur an der Zerstörung, vielleicht noch an der Verführung interessiert. Die Beziehung zwischen Jim und Ryder ist geprägt von homoerotischen Momenten - als sie eine Polizeisperre passieren, spielt der Killer den Beamten eine sexuelle Beziehung zu Jim vor. Ist Jims fahrlässige Mitnahme der zwielichtigen Gestalt ausreichend durch Sehnsucht nach Gesellschaft begründet, oder schlummern auch in ihm Sehnsüchte nach Zugehörigkeit? Besteht Ryders Wunsch darin, einen Gefährten zu finden und macht ihn deshalb zum Outlaw, wie sich selbst?

Robert Harmon (nach einem Drehbuch von Eric Red, der ein Jahr später den Western mit dem Vampirfilm in Kathryn Bigelows "Near Dark" verband) inszeniert atemlos und dreckig. Wenn C. Thomas Howell mit Benzin übergossen wird, kann man den Sprit riechen, und man spürt den Sand und Staub der Landschaft. Gegen Ende stapeln sich die Schrottautos auf der Landstraße wie in George Millers "Mad Max" (1979). In harmlosen Pommes verbirgt sich ein abgetrennter Finger, eine Polizeistation wird komplett niedergemetzelt (bis auf den Schäferhund, das Tier, das bezeichnenderweise von Ryder verschont wird), und der armen Jennifer Jason Leigh, die doch nur helfen will, widerfährt ein so schreckliches Schicksal, dass man es kaum aussprechen mag.

Am Ende stehen sich Jim und John wie Antagonisten eines Westerns im Sonnenuntergang gegenüber, aber nur einer trägt eine Waffe. Der andere ist die Waffe.
Eines ist klar - der "Hitcher" kehrt zurück, spätestens im unsäglich konventionellen Remake von 2007. Harmons Film ist ein Meisterwerk an Atmosphäre, unterstützt von einem tranceartigen Tangerine Dream-Soundtrack und dem unendlich charismatischen Rutger Hauer als personifiziertem Bösen.

09/10

Kommentare:

  1. Ein kompromissloser Film nach Art Tobe Hoopers TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder Steven Spielbergs DUELL. Hier wird nichts erklärt, es findet einfach statt !

    Und trotzdem steckt hinter der Oberfläche der Geschichte mehr als nur 'Ein Psychopath in der Wüste'. Da ist der Vaterkomplex des Killers, der dem 18-jährigen Jim Halsey bei der Mannwerdung (wenn auch mit illegalen Mitteln) zur Seite steht. Am Ende ist aus dem ängstlichen Teen dann auch ein richtiger Kerl geworden, dessen anfänglicher Hass auf seinen Pseudovater sich fast in eine Art Zuneigung verwandelt hat.

    Die freche Imbiss-Serviererin erscheint dem jungen Mann zunächst als dessen Rettungsanker in einer gottverlassenen Wüste. Aber im weiteren Verlauf des Filmes entwickelt sie sich zum Störfaktor zwischen den beiden Männern und muss - genauso wie die sonst so allmächtigen US-Polizeikräfte - aus der Story verschwinden.

    Der Film beeindruckt ausserdem durch bemerkenswerte Landschaftsaufnahmen und erstaunliche Tempowechsel. Rasanten Actionszenen folgen lange Einstellungen und Zeitlupen.

    Der inspirative Song der Doors 'Riders on the Storm' ist aus Budgetgründen leider nicht im Film enthalten. Er hätte sich hervorragend für den Vorspann geeignet.

    Danke für Deine Rezi, Matthias !

    Es grüsst Ralf

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Matze, was für eine schöne Rezension haste da wieder geschrieben! Und was für ein toller Film natürlich!! Ach ja, Eros und Thanatos, die beiden ollen Unzertrennlichen, da sind sie mal wieder zusammen auf Tour. Will he kiss him or kill him? Okay, in diesem Fall ist wohl doch klar, was er will.

    AntwortenLöschen
  3. Ja, da steckt viel drin in diesem schönen Film. Danke für die Beiträge!

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...