Donnerstag, 9. September 2010

Freitag der 13. (1980)

Die Zeit: Mitte der 80er. Der Videorekorder hält Einzug in die bundesdeutschen Haushalte, überall entstehen kleine Videotheken in verschwiegenen Seitenstraßen. Der Zutritt ist erst ab 18 Jahren gestattet, es darf drinnen geraucht werden, es riecht nach Muff und Staub und blauem Dunst.
Die Erwachsenenfilme, zu denen auch die Horror-Abteilung gehört, befinden sich hinter einem extra Vorhang aus klapperndem Bambus oder Bretterverschlägen. Man kann zwischen VHS, Video 2000 und Beta wählen. Ich selbst bin noch keine 18, habe mich aber im Schatten meiner großen Schwester hineingeschummelt und erschaudere wohlig beim Anblick der verranzten VHS-Cover. Blutige Turnschuhe, aufgespießt auf Holzpfählen ("Sleepaway Camp"), Kleinkinder mit Teufelsfratzen ("Die Brut"), explodierende Köpfe ("Scanners"), ich glaube, ich bin im Himmel.
Eines dieser Cover sieht besonders gefährlich aus. Eine blutige Axt steckt in einem harmlosen Kopfkissen, darüber steht FREITAG DER 13. (Friday the 13th). Muss ich sehen!

Zu Hause wird das Licht gedimmt, die Kartoffelchips stehen auf dem Tisch, es geht los. Das Band wurde offenbar sehr oft geliehen, das Bild läuft durch, es gibt Drop-Outs und Spurprobleme. Egal. Zwei Sommercamp-Mitarbeiter werden noch vor dem Vorspann umgebracht, nicht besonders blutig. Okay, das ist nicht so schlimm, das stehe ich durch. Die Handlung plätschert weiter, dann wird die Köchin Annie (Robbi Morgan) nach einer Fucht durch den Wald vom Killer ermordet. Dabei wollte sie doch nur mit Kindern arbeiten und eine schöne Zeit verbringen, jetzt liegt sie mit durchschnittener Kehle im Laub... diese Szene hat es in sich, mit bleibt die Luft weg.

Heute kann jedes Kind die Qualität der CGI-Effekte als gut oder schlecht beurteilen. Von denen kann keiner nachvollziehen, wie dieses sensationelle "Wow, wie haben die das gemacht?" sich anfühlt. Der Horrorfilm, und insbesondere der Slasherfilm, war Anfang der 80er das, was die Rummelplatz-Freakshow in alten Zeiten war. Maskenbildner und Effekte-Guru Tom Savini begründete mit FREITAG DER 13. seinen Ruhm durch ausgefeilte, spektakuläre Blut- und Ekelszenen. Einen FREITAG der 13. zu sehen war wie eine Mutprobe - wer bis zum Schluss aushielt, hatte starke Nerven. Meine Freundin Tini sah den Film heimlich, als sie ungefähr 12 war, und sie hat seitdem nie wieder einen Wald betreten, glaube ich. Noch heute kreischt sie bei Horrorfilmen los, selbst wenn gar nichts passiert.

Die Handlung ist so simpel wie schlüssig - eine Gruppe junger Leute, die ein Feriencamp am Waldsee neu eröffnen will, in dem vor Jahren ein schreckliches Unglück sowie mehrere Morde geschahen, wird von einem Unbekannten auf kreative Art und Weise dezimiert. Alles in einer Nacht, ganz wie in "Halloween" (1978), der eindeutig als Pate Vorbild stand. Ein kleiner, dreckiger und billiger Film ist dabei herausgekommen, das geringe Budget merkt man schon am Fehlen von Stuntleuten, die Darsteller machen alles selbst.
FREITAG DER 13. wurde ein Riesenerfolg, der Unsummen einspielte. Der Name Jason Vorhees ging in die Horror-Geschichte ein, auch wenn er hier in Teil 1 bekanntermaßen nicht der Killer ist, sondern seine Mutti, gespielt von Betsy Palmer, die nette TV-Dame von nebenan, deren Auftritt als gemeingefährliche Meuchlerin das US-Publikum schockte – so als hätte bei uns die selige Inge Meysel eine Serienkillerin gespielt.
Die Kritiker zerrissen den Film in der Luft und starteten eine Kampagne gegen Paramount, die den Film kauften und ihn mit enormem Werbeaufwand vermarkteten. Der Protest der Kritiker und Medien (der sich darauf gründete, dass ein Major Studio wie Paramount mit FREITAG DER 13. zu tief gesunken war) führte dazu, dass viele Folgeproduktionen einem strengeren Freigabe-Code unterlagen und häufig gekürzt wurden, bevor sie in die Kinos kamen.

Und dennoch: Regisseur Sean S. Cunningham, der nur wenig Erfahrung im Genre hatte, gelingt es, eine grimmige, realistische Atmosphäre zu erschaffen und zumindest die zweite Filmhälfte in Hochspannung zu halten. Komponist Harry Manfredini hat mit seinem Ch-ch-ch-ha-ha-ha-Score einen Horror-Sound kreiert, der gleich neben John CarpentersHalloween“-Thema und Bernard Herrmanns kreischenden „Psycho“-Geigen seinen festen Platz in der Horrorgeschichte eingenommen hat.
Die Darsteller, darunter der junge Kevin Bacon, der gleich noch seinen nackten Hintern in die Kamera halten darf, agieren passabel, Charakterisierungen gibt es ohnehin nicht – nicht einmal das „Final GirlAlice (Adrienne King) wird als besonders züchtig gezeichnet, wie es so oft im Slasherfilm vorkommt. Sie behält zwar beim Strip-Monopoly die Bluse an, aber nur, weil sie Glück im Spiel hat. Die Schauspieler sind unwichtig, der Star heißt Tom Savini, und der sorgt für jede Menge abgetrennter Köpfe, durchbohrte Körper und durchtrennte Halsschlagadern. Wie machen die das? Das war der Spaß an Filmen wie diesem. Eine Geisterbahnfahrt. Eine Achterbahn. Man kreischt und freut sich, dass man am Leben ist.
Am Ende ist alles schön grün, die Sonne scheint, der Sheriff kommt... und Sean Cunningham holt zu seinem ultimativen Schock aus.

FREITAG DER 13. mag nicht das letzte Wort in Sachen Horror sein, dafür ist er zu simpel gestrickt, aber wer mit dem Videorekorder groß geworden ist, für den werden Filme wie dieser und Besuche in der örtlichen Videothek für immer unvergesslich bleiben.

10/10

Kommentare:

  1. Mensch, Matze! das ist ja nun mal die ungefähr wunderbarste Rezension überhaupt. schaurig schön!! lieben Gruß.

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  2. Dankeschön, dann passt sie ja zum Film. :-)
    Liebe Grüße zurück!

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  3. Ach waren das Zeiten und ich hab diese Film auch auf so ähnliche Weise kennen- und lieben gelernt.

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  4. Waren das nicht tolle Zeiten? Ich kann den Muff und die Schmuddel-Atmosphäre der alten Videotheken immer noch spüren. Vielleicht kann ich mich auch deshalb nicht mit dem aktuellen, antiseptischen Kino anfreunden. LG, Mathias!

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