Montag, 27. September 2010

Easy Riders, Raging Bulls (2003)

1998 veröffentlichte Autor Peter Biskind sein Buch "Easy Riders, Raging Bulls: How the Sex-Drugs & Rock 'n Roll-Generation Saved Hollywood", in welchem er den Aufstieg der Autorenfilmer-Generation der späten 60er und den Beginn des sogenannten "New Hollywood" schildert. Diese Gruppe von Filmbesessenen namens Coppola, Scorsese, Spielberg, Hopper, Lucas und Co. haben Hollywood für immer verändert. Das Buch wurde zum Bestseller und gilt als wichtigstes Werk zum Thema.
Sehr zum Missfallen der angesprochenen Künstler beleuchtet Biskind aber auch die Schattenseiten ihres Erfolgs, die Ego-Trips, die Flops, den Größenwahn und die Drogenexzesse. Kein Wunder also, dass Regisseur Kenneth Bowser für seine Dokumentation EASY RIDERS, RAGING BULLS nicht alle von ihnen vor die Kamera locken konnte. Einige reagieren noch immer allergisch auf die bloße Erwähnung des Titels. Aber wie Schauspieler Richard Dreyfuss am Ende des Films sagt: "Warum sich über das Buch ärgern? Die Wirklichkeit war viel schlimmer!"

Mit "Bonnie & Clyde" (1967) fing alles an, einem Film, den keiner der etablierten Filmbosse verstand, in dem nicht zwischen Gut und Böse unterschieden wurde, der mit Sex und Gewalt vollkommen anders umging, der von einigen einflussreichen Kritikern Kritikern geliebt wurde und die jungen Zuschauer ansprach wie kein anderer. Während aufgeblasene, überproduzierte Hollywood-Produktionen wie "Cleopatra" (1963), "Hello Dolly" (1969) oder Star! (1968), die verzweifelt Glamour und Starruhm des "Old Hollywood" zu bewahren versuchten, kolossal scheiterten, gelang es einer Gruppe von jungen Regisseuren, die stark vom europäischen Film (insbesondere der "Nouvelle Vague") beeinflusst waren, ein neues Publikum ins Kino zu locken, das bislang nur von B-Film-Produzenten wie Roger Corman als Zielgruppe erkannt worden war.

Amerika hatte sich verändert, politisch und gesellschaftlich. Die Filme der neuen Generation trugen dieser Veränderung Rechnung. Filme wie "Easy Rider" (1969), "Midnight Cowboy" (1969), "Five Easy Pieces" (1969), "The Last Picture Show" (1971) und "Mean Streets" (1973) änderten das Gesicht Hollywoods und katapultierten ihre Regisseure über Nacht zu Star-Ruhm. Für kurze Zeit regierten die jungen Wilden in Hollywood, es entstanden radikale, authentische Werke, die mit allen Regeln der Traumfabrik brachen. So lange, bis Spielberg und Lucas mit "Jaws" (1975) und "Star Wars" (1977) diese Ära beendeten und die Epoche der Blockbuster einläuteten, welche zu dem Kino führte, das wir heute kennen - einem Kino, in dem die Einspielergebnisse des Startwochenendes und das Erreichen des kleinsten gemeinsamen Nenners der angepeilten Zielgruppen, inklusive Testvorführungen, Marketing-Kampagnen und Merchandising mehr bedeuten als die künstlerische Qualität des Films oder die Auseinandersetzung mit der Realität.
Oder wie George Lucas seinerzeit sagte: "Ich werde mit dem Verkauf von Plastikpuppen mehr Geld verdienen als ihr alle zusammen!". Er sollte Recht behalten.

Kenneth Bowser ist eine brillante Dokumentation gelungen, in dem ehemalige Weggefährten wie Dennis Hopper (charismatisch und ehrlich), Peter Fonda, Peter Bogdanovich (gewohnt offen), Margot Kidder, Karen Black (beide großartig), Ellen Burstyn, Jennifer Salt, Richard Dreyfuss, Vilmos Zsigmond, Paul Schrader (der das Buch hasst), John Milius, Cybill Shepherd und andere erstaunlich freizügig über ihre Erlebnisse der Zeit berichten. Ebenso wie in der Buchvorlage gibt es neben den filmischen Fakten sehr viel privates zu hören, teilweise werden auch wilde Gerüchte aus dem Buch wieder gerade gerückt.
Wir erfahren, wie Bogdanovichs Ehe am Set von "Last Picture Show" zerbrach, wie John Schlesinger sich bei den Dreharbeiten von "Midnight Cowboy" outete, wie Dennis Hopper völlig zugedröhnt seinen Film "The Last Movie" (1971) in den Sand setzte, warum vielen der genialen Filmbesessenen nach ihren ersten Erfolgen der Ruhm zu Kopf stieg und sie mit ihrer Carte Blanche, die sie von den Produzenten erhielten, gewaltige Misserfolge wie "New York, New York" (Scorsese, 1977) oder "At Long Last Love" (Bogdanovich, 1975) inszenierten. Wir hören auch, wie Sam Peckinpah sich zu Tode soff und die Modedroge Kokain Ende der 70er in Hollywood Einzug hielt und einige glänzende Karrieren beendete.

Die Interviews werden von Filmausschnitten, Fotos und animierten Filmpostern begleitet, insgesamt ist EASY RIDERS, RAGING BULLS ebenso aufschlussreich wie unterhaltsam. Unabhängige Filmemacher wie John Cassavetes oder Woody Allen, die entscheidend zum 70er-Kino beigetragen haben, werden dabei nur am Rande erwähnt, hier empfiehlt sich die Dokumentation "A Decade Under the Influence" (2003).

EASY RIDERS, RAGING BULLS ist hierzulande leider nicht auf DVD erschienen. Die britische DVD bietet als Bonus ca. 90 Minuten weitere bzw. verlängerte Interviews mit Schwerpunkten zu "Midnight Cowboy", Schrader, Bogdanovich und Scorsese. Für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, ist Bowsers Film (ebenso wie Biskinds Buch) Pflichtprogramm.

09/10

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