Sonntag, 12. September 2010

Dracula (1958)

"Hören Sie, die Kinder der Nacht..."

Nachdem die britischen Hammer Films mit "Frankensteins Fluch" (The Curse of Frankenstein) 1957 zum ersten Mal einen Klassiker der Horror-Literatur in Farbe auf die Leinwand brachten und das Publikum sich begeistert zeigte, nahm man sich ein Jahr später des nächsten legendären Horror-Stoffes an, Bram Stokers DRACULA (Horror of Dracula). Zwar erlaubt der Film sich sehr viele Freiheiten im Umgang mit der literarischen Vorlage, aber er war eine ebenso großer Hit bei Zuschauern wie der Vorgänger, und er hat dank der Vorstellungen von Christopher Lee und Peter Cushing den Dracula-Mythos neu definiert.
Heute ist er selbst ein anerkannter Klassiker des Genres, und von allen Verfilmungen Stokers ist er mein persönlicher Favorit.

Terence Fishers DRACULA spielt zur Gänze in Rumänien (in der deutschen Synchronfassung in England, warum auch immer). Jonathan Harker (John Van Eyssen) ist kein Immobilienmakler, sondern ein als Bibliothekar getarnter Vampirjäger, der den blutsaugenden Grafen Dracula (Lee) zur Hölle schicken will. Stattdessen aber wird er selbst zum Opfer des Vampirs und von seinem Freund Abraham Van Halsing (Cushing) per Holzpflock von dem Vampirfluch erlöst. Van Helsing schickt sich darauf an, Dracula persönlich zur Strecke zu bringen...

Schon an der kurzen Inhaltsangabe merkt man, wie wenig die Handlung im Grunde mit Stokers Vorlage zu tun hat. Dennoch greift das Drehbuch von Jimmy Sangster ("Ein Toter spielt Klavier") genügend Motive, Details und Figuren auf, um den Geist des Romans zu übertragen. Eine der größten Veränderungen betrifft die Figur Van Helsings, der von Peter Cushing meisterhaft und intensiv dargestellt wird. Er ist der positive Held des Films, der unerbittliche Vampirjäger, selbst ein Besessener, dessen ungewöhnliche Methoden seine Umwelt irritieren, der aber am Ende auf spektakuläre Weise sein Ziel erreicht. Damit steht er in der Tradition des klassischen Filmhelden, während er bei Stoker nicht mehr als ein eigenwilliger Gelehrter war, der dem Vapir nur wenig entgegenzusetzen hat.

Christopher Lee hingegen nutzt sein gewaltiges Charisma und seine beeindruckende Statur für eine deutlich sexuellere Komponente in der Darstellung Draculas. Er spricht kaum, dafür flößt er dem Zuschauer und den Charakteren bei jedem Auftritt Respekt und Furcht ein. Und wenn die holde Weiblichkeit des nachts mit weit geöffneter Bluse und wogendem Busen bei offenem Fenster in den Kissen liegt, erwartet sie wahrscheinlich mehr als nur einen Biss des Grafen. Nicht umsonst zeigen die Frauenfiguren allesamt kein romantisches Interesse an einem anderen Mann als Dracula himself.

Kritiker und Experten des Horrorfilms zeigten sich seinerzeit entsetzt von Hammers Freiheiten im Umgang mit dem Stoff sowie der Entscheidung, den Film in Farbe zu drehen, da ihrer Meinung nach nur das atmosphärische Schwarzweiß geeignet war, doch die Zuschauer liebten Hammers Version vom ersten Tag an. Heute darf man feststellen, dass die Farbe in diesem frühen Hammer-Film zwar reißerisch (z.B. um das Blut in sattem Rot auf die Titel tropfen zu lassen), aber auch sorgfältig und stimmungsvoll eingesetzt wird. Eine ähnliche Liebe zum Detail findet sich auch in der Ausstattung und den Kostümen. Die Nebendarsteller leisten zudem gute Arbeit, auch wenn der Film ganz Lee und Cushing gehört, die auch in den Folgeproduktionen immer wieder eingesetzt wurden.
Regisseur Fisher inszeniert viele unvergessliche Momente, etwa die Begegnung Harkers mit einem weiblichen Vampir und Lees folgenden furiosen Auftritt als reißende Bestie. Der beste Moment kommt wenig später, wenn Harker sich aufmacht, Dracula in seinem Sarg zu pfählen, diesen aber leer vorfindet, während Draculas Schatten sich bereits auf dem Weg zur Gruft befindet, um Harkers Leben auszulöschen...

Christopher Lees Darstellung des Dracula war für Jahrzehnte der Standard, an dem sich jeder weitere Interpret messen lassen musste. Für mich ist er bis heute neben dem unsterblichen Lugosi der einzig "wahre" Dracula, an den weder der Brusthaar-toupierte Frank Langella noch der operettenhafte Gary Oldman heranreichen, auch wenn jene Verfilmungen auf ihre Art sehr gelungen waren.

10/10

1 Kommentar:

  1. Hi Ray, "Dracula" ist neben "Ein Toter spielt Klavier" mein absoluter Lieblings-Hammer-Film. Nach der Poe/Corman-Werkschau bin ich jetzt bei Hammer angelangt. Liebe Grüße!

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