Mittwoch, 29. September 2010

Do You Like Hitchcock? (2005)

Nach seinem eher unterdurchschnittlichen Thriller "The CardPlayer" (2004), der viele Fans enttäuscht bis entsetzt hat, inszenierte Italiens Kultregisseur Dario Argento mit DO YOU LIKE HITCHCOCK? (Ti Piace Hitchcock?) den ersten Beitrag einer TV-Filmreihe, in welcher dem Meister der Spannung Tribut gezollt werden sollte. Herausgekommen ist ein unterhaltsamer, kleiner, wenngleich komplett belangloser Thriller, der weder die Brillanz von Argentos besten Werken erreicht, noch als meisterhafte Hitchcock-Hommage in die Filmgeschichte eingehen wird.

Der Inhalt: Filmstudent Giulio (Elio Germano) verbringt den Sommer und seine Freizeit damit, alte Filme zu schauen und seine attraktive Nachbarin von gegenüber mit dem Fernglas zu beobachten. Als diese brutal ermordet wird, entwickelt er sich zum Hobbydetektiv und sucht nach dem Täter. Dabei spielt Hitchcocks "Der Fremde im Zug" (1951) eine wichtige Rolle, den sich das Mordopfer kurz zuvor aus der Videothek ausgeliehen hat. Bald schon kommt Gulio der Wahrheit nahe und muss selbst um sein Leben fürchten...

Hitchcock-Hommagen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, und da dies das vorgegebene Ziel von DO YOU LIKE HITCHCOCK war, darf man feststellen, dass sämtliche Hitchcock-Anspielungen von Argento und seinem Co-Drehbuchautor Franco Ferrini leider wenig subtil und mit dem Holzhammer präsentiert werden. Statt die Filmsprache des Meisters zu verwenden oder sich strukturell dessen Werken zu nähern, hängen hier einfach überall Hitchcock-Poster im Hintergrund, und "Der Fremde im Zug" wird als Spur des Verbrechens ebenso plump benutzt.

Am meisten enttäuscht jedoch die Tatsache, dass Argento - auch aufgrund von TV-und Budget-Beschränkungen - kaum eine interessante Kamerafahrt bietet oder seinen speziellen visuellen Einfallsreichtum ausspielen kann. Der Film ist ein TV-Movie und sieht auch so aus, der Fokus liegt hier eindeutig auf dem Plot, nicht der Optik. Giulios Beobachtung der Nachbarin per Fernglas scheint dabei weniger von Hitchcock als von De Palmas "Body Double" (der selbstverständlich auf Hitchcock beruht) inspiriert zu sein, so muss man sich ab und an fragen, welchem Regisseur eigentlich gehuldigt wird, zumal auch die Verwendung von Komponist Pino Donaggio - der mit Argento bereits in "Two Evil Eyes" (1990) und "Trauma" (1993) zusammen arbeitete - unweigerlich an De Palma erinnert, ganz besonders, wenn er einen Striptease mit allzu ähnlicher Musik unterlegt.

Ein weiterer Schwachpunkt ist - wie so oft bei Argento - die Führung der Darsteller. In der Hauptrolle kann der hübsche Elio Germano zwar überzeugen, doch kann sich der Film nicht entscheiden, ob er nun ein typischer "Nerd" sein soll (in dem Fall scheint seine Beziehung zur attraktiven Freundin etwas unglaubwürdig) oder der sympathische Junge von nebenan, dessen Hormone verrückt spielen. Sein Mutterkomplex und Kindheitstrauma stammen natürlich auch aus Hitchcocks Repertoire. Die weiblichen Darsteller agieren leider überwiegend laienhaft, und die alte Hitchcock-Regel, dass ein Film immer so gut ist wie sein Bösewicht, spielt hier keine Rolle, da es sich bei DO YOU LIKE HITCHCOCK? um einen simplen Whodunit handelt und der Täter keine Möglichkeit erhält, sich vor der Auflösung als Bösewicht zu präsentieren.

Glücklicherweise schafft es Argento, das Tempo straff zu halten, so dass wenig Langeweile aufkommt, und er inszeniert ein paar durchaus sehenswerte Sequenzen. In der einzigen Szene, die überhaupt eine Art Hitchcock-Feeling aufkommen lässt, versucht Elio Germano während eines Unwetters dem mutmaßlichen Killer per Motorroller zu entkommen, wobei er sich so dumm anstellt, dass er sich das Bein verletzt und mit seinem defekten Roller immer wieder umfällt, während der Bösewicht näher und näher kommt. Hier stimmt die Mischung aus Suspense und makaberem, schadenfrohem Humor (die Sequenz funktioniert offensichtlich nicht für jeden - ich sah den Film mit jemandem, der sie extrem nervig und albern fand).
Auch das Finale, in dem Germano vom Mörder in seiner Wohnung besucht wird, ist spannungsmäßig gelungen, auch wenn Hitchcocks "Rear Window" (1954) sehr simpel kopiert wird.

Argentos Fans warten seit "Opera" (1987) auf dessen Rückkehr zu alter Form, wahrscheinlich vergeblich, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. DO YOU LIKE HITCHCOCK? ist davon weit entfernt, bietet aber solides Thrillerkino (bzw. Fernsehen) mit einigen unfreiwillig komischen Momenten, aber bei weitem nicht so vielen wie in Argentos schlimmsten Werken. Er ist definitiv kein "Phantom der Oper" (1998). Und mir persönlich ist ein schwacher Argento ohnehin zehnmal lieber als ein stromlinienförmiger Genre-Beitrag amerikanischer Herkunft.

6,5/10

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