Sonntag, 5. September 2010

Der Schwanz des Skorpions (1971)

Sergio Martinos DER SCHWANZ DES SKORPIONS (La Coda Della Scorpione) gehört zu den spannendsten und temporeichsten Gialli der 70er und weist beinahe sämtliche Merkmale des Genres in exemplarischer Weise auf.

Der Inhalt: ein Flugzeug explodiert, an Bord ein vermögender Engländer, der kurz zuvor eine Lebensversicherung über eine Million in Athen abgeschlossen hat. Seine Witwe Lisa (Ida Galli) reist nach Griechenland, um das Geld zu kassieren, im Schlepptau jede Menge finsterer Verfolger, darunter Versicherungsdetektiv Peter (George Hilton). Als Lisa von einem Unbekannten im Taucheranzug ermordet wird, entbrennt ein mörderisches Katz- und Mausspiel zwischen allen Parteien, inklusive Polizei und Interpol, und mit Hilfe der sexy Reporterin Cleo (Anita Strindberg) versucht Peter, hinter das Geheimnis des Killers zu kommen und das Geld sicherzustellen...

Die Vorbilder sind deutlich zu erkennen. Sergio Martino, der zu den besten italienischen Thriller-Regisseuren zählt, bedient sich fröhlich bei Hitchcocks "Psycho", indem er die vermeintliche Hauptdarstellerin nach einer halben Stunde Filmzeit blutig ins Jenseits befördert, andere Motive nimmt er aus Dario Argentos frühen Gialli, wie etwa das fehlende Detail, an das George Hilton sich verzweifelt zu erinnern versucht. Der Taucheranzug des Killers steht ganz in der Tradition der "schwarzen Handschuhe", und die Mordszenen bieten reichlich Thrill und durchschnittene Kehlen.

Nur in einem Punkt verlässt Martino die Pfade des Giallos. So wird sämtliche Gewalt im Film durch Habgier motiviert, nicht durch eine psycho-sexuellen Störung des Täters. Als Antriebsfeder für die Charaktere dient stets der Koffer mit der Million, und so ist DER SCHWANZ DES SKORPIONS auch mehr ein actionreicher Thriller als ein psychologischer Horrorfilm. Der Plot mag dabei nicht unbedingt glaubwürdig sein, aber die überraschenden Wendungen erfolgen im Minutentakt, und es kommt zu keiner Zeit Langeweile auf.

Die typischen Trash-Momente dürfen dabei nicht fehlen. So serviert Reporterin Strindberg ihrem Lover George Hilton ein Süppchen, in dem sie eine ganze Packung Paprikapulver versenkt hat, worauf Hilton sagt: "Ab sofort verplemperst du keine Zeit mehr in der Küche", um sie gleich darauf ins Lotterbett zu zerren. Mit Charakterzeichnungen oder Motivationen hält sich Martino nicht lange auf.

Frauenschwarm Hilton war eine Gallionsfigur des Giallos und funktioniert hervorragend, Anita Strindberg kommt als heiße Journalistin gleich nach dem ersten Interview zur Sache und ist die schönste von mehreren schönen Frauen, die sich hier die Klinke in die Hand geben. Wenn sie im Finale klatschnass und leicht bekleidet über die Klippen der griechischen Küste stolpert, bietet der Film gleich mehrere Sehenswürdigkeiten auf einmal.

Überhaupt kann der Film mit wundervollen Außenaufnahmen von Athen und Umgebung punkten (der Beginn spielt in London), ein Schauplatz, den man nicht jeden Tag im Genre sieht. Wenn Strindberg auf einem Tauchgang vor der Küste das gesuchte Geld in einer unterirdischen Höhle entdeckt, stellt sich sogar ein bisschen "Bond"-Feeling ein, und man darf feststellen, dass sich spätere Filme beim SCHWANZ DES SKORPIONS bedient haben (wie der Hochsee-Thriller "Todesstille"), so wie er selbst seine Motive von anderen übernimmt, ein Geben und Nehmen.

Dazu hat Bruno Nicolai einen klasse Score komponiert, der ebenfalls ganz im Zeichen der Giallo-Vorbilder (insbesondere Morricone) steht.
Für Freunde des italienischen Thrillers der 70er ist DER SCHWANZ DES SKORPIONS ein Muss. Er bietet in seinen 90 Minuten jede Menge Sex, Gewalt, Spannung und Schauwerte. Bestes Exploitation-Kino, wie es leider nicht mehr existiert.

07/10

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