Samstag, 4. September 2010

Der Mann, der zweimal lebte (1966)

John Frankenheimers düsterer Sci-Fi-Thriller DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE (Seconds) ist ein faszinierendes filmisches Experiment, das mit ungewöhnlicher Kamera und einem exzellenten Rock Hudson in der Hauptrolle aufwarten kann, und das trotz leichter Schwächen auf der erzählerischen Ebene ein packendes Filmerlebnis bleibt.

Wer Frankenheimers "Botschafter der Angst" (1962) mochte, wird sich auch für "Seconds" begeistern können.

Worum geht es? Banker Arthur Hamilton (John Randolph) hat sein langweiliges Leben in einer lieblosen Ehe satt, er will aussteigen und neu anfangen. Zu diesem Zweck kontaktiert ihn eine Firma, die darauf spezialisiert ist, Menschen zu einer neuen Identität zu verhelfen. Nach einigen Zweifeln lässt sich Hamilton darauf ein und erhält neben einer komplett neuen Biografie und einem Haus an der Westküste auch ein neues Gesicht, und zwar das von Rock Hudson.
Er heißt ab sofort Tony Wilson, ist Maler und bewohnt ein Strandhaus. Ein Butler (Wesley Addy) hilft ihm über Anfangsprobleme hinweg und versucht, ihn zur Kontaktaufnahme mit einem neuen Bekanntenkreis zu bewegen. Tony begegnet der jungen und zwanglosen Nora (Salome Jens), macht Bekanntschaft mit einer Art Hippie-Gemeinde und findet kurz unbeschwerte Freude am neuen Leben.
Als er aber erfährt, dass sämtliche seiner neuen Bekannten ebenfalls "Wiedergeborene" sind und die Firma sein Leben komplett kontrolliert, will er alles rückgängig machen. Doch da hat er nicht mit der Grausamkeit des Systems gerechnet, in dessen Hände er sich begeben hat, und das ihn längst als Feind identifiziert hat...

Kameramann James Wong Howe erhielt eine mehr als verdiente Oscar-Nominierung für seine harten, kontrastreichen und surrealen Schwarzweißbilder, die dem Film eine abgrundtief verstörende Atmosphäre verleihen. Stets hat man das Gefühl, die Handlung durch Zerrspiegel zu betrachten, was mit vielerlei Tricks erreicht wird, u.a. durch eine direkt am Körper der Darsteller befestigte Kamera und andere Spielereien.
John Frankenheimer lässt sich viel Zeit mit der Exposition und inszeniert mehrere Sequenzen von kafkaesker Qualität im Inneren der Organisation, die der Zuschauer erst im letzten Drittel versteht, wenn sie sich wiederholen und man die Wahrheit über die Firma und die Situation ihrer "Klienten" erfährt. Dementsprechend bitter fällt auch die zynische Schlusspointe aus, die den Zuschauer mehr als hilflos und frustriert zurücklässt. Man könnte DER MANN, DER ZWEIMAL LEBTE auch als "Twilight Zone"-Episode in Spielfilmlänge beschreiben.

Es dauert 40 Minuten, bis Hauptdarsteller Rock Hudson zum ersten Mal auftaucht, zunächst unter Bandagen, dann mit schrecklich entstelltem Gesicht. Die gewagte Besetzung mit Leinwandidol Hudson, der in erster Linie für romantische Komödien bekannt war, ist die größte Überraschung des Films, und der Schauspieler zeigt eine bislang nie gesehene, intensive und ernsthafte Darstellung, die man ihm nicht zugetraut hätte. Der erste Blick in den Spiegel erschüttert nicht nur ihn, sondern auch uns. Seine Tränen sind echt und bewegen zutiefst. Dass die Firma dem unscheinbaren Randolph ausgerechnet das Gesicht von Frauen- und Männerschwarm Hudson "verpasst" ist natürlich pure Ironie.
Neben Hudson brilliert Murray Hamilton als ehemaliger Freund Hudsons, der die gleiche Prozedur durchlebt hat und selbst keinen Ausweg aus dem Teufelskreis findet. Unterstützt wird der Film von einem eiskalten Jerry Goldsmith-Score.

Neben der formalen Brillanz weist die Geschichte im Mittelteil leider einige Längen auf, in denen Hudson sich an seine zweite Identität gewöhnt, diese sind aber angesichts der beeindruckenden Gesamterzählung zu verschmerzen. Frankenheimer verzichtet auf alle gängigen Klischees und bleibt weit über dem Mainstream-Durchschnitt, er wirft dazu existenzielle und existenzialistische Fragen auf. Wie sehr wird das eigene Leben fremdbestimmt, und haben Menschen überhaupt die Möglichkeit für ein selbstbestimmtes Leben? Ist ein vollständiger Neuanfang möglich, wenn man zwar die Haut wechseln, aber nicht aus seiner Haut heraus kann? Wo genau befindet sich der Schlüssel für unsere eigene Identität, und können wir uns innerlich einer neuen Identität anpassen (so wie Hudson unter Drogeneinfluss bekennt, er wäre gern Maler - als ihn aber die Firma zu einem solchen macht, muss er erkennen, dass ihm das Talent dazu fehlt)?

Fragen über Fragen in einem eigenwilligen Film, der die Zuschauer seinerzeit aufgrund seiner extremen Künstlichkeit nicht erreichte, dafür aber auf zahlreichen Filmfestivals für Aufsehen sorgte. In Cannes war er für die Goldene Palme nominiert. Mit Sicherheit gehört er zu den interessantesten Filmentdeckungen der 60er.

9.5/10

Kurz vor der Enthüllung des neuen Gesichts - "Seconds"

Kommentare:

  1. Ein starker Film, der es leider bislang nicht geschafft hat, als DVD veröffentlicht zu werden.

    AntwortenLöschen
  2. Hi Ray, wird wohl auch nicht, irgendwie kennt den hier niemand. Schade. Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...