Donnerstag, 30. September 2010

The Card Player (2004)

Mit THE CARD PLAYER (Il Cartaio) inszenierte Dario Argento nach dem Erfolg von "Sleepless" (2002) erneut einen modernen Giallo, diesmal aber fiel das Ergebnis enttäuschender aus, und das beste, was man über seinen Cyber-Thriller sagen kann ist, dass er nicht ganz so schlecht ist wie sein Ruf.

Worum geht es? Die römische Polizistin Anna (Stefania Rocca) wird von einem Unbekannten per Mail aufgefordert, an einem Online-Pokerspiel teilzunehmen. Der Gewinn: das Leben einer entführten Touristin! Verliert Anna, stirbt das Entführungsopfer. Und genau das geschieht auch. Während der Serienkiller munter weitere Frauen entführt und die gesamte Polizei beim Pokerspiel in Atem hält, kommt Anna mit Hilfe des britischen Kollegen John (Liam Cunningham) der Identität des Mörders, der sich ganz in ihrer Nähe befindet, auf die Spur. Bis sie schließlich selbst um ihr Leben spielen muss...

So leidlich spannend sich die Story auf dem Papier anhört, so wenig überzeugend ist sie in der Umsetzung. Das größte Problem mit THE CARD PLAYER besteht in der Tatsache, dass Argento versucht, einen "modernen" Serienkiller-Thriller zu inszenieren, dabei aber unzählige Fehlentscheidungen trifft und hoffnungslos naiv und altmodisch wirkt. So läuft z.B. die Polizeipsychologin immer mit Brille und schwerem Wälzer in der Hand herum, der IT-Spezialist, der den Killer per Tracking-Software aufspüren soll, ist selbstverständlich übergewichtig und trägt knallbunte Schals, der Polizeichef brüllt den Killer im Computer an "Wir kriegen dich!", und der peinliche Pathologe singt Opern-Arien und führt skurrile Tänze auf, während er die Leichen aus dem Schrank holt. Das ist alles so haarsträubend dümmlich, dass man kaum glauben mag, welcher Meister der Bilder eigentlich hinter der Kamera steht.

Die Fans zeigten sich am meisten enttäuscht über den banalen Look des Films, der wie ein TV-Movie aussieht, kalt, grau und flach. Die wenigen Mordsequenzen spielen sich dazu alle im Off ab, und das Gewimmere der Opfer, die während der Pokerspiele auf dem PC-Monitor zu beobachten sind, tötet dem Zuschauer den letzten Nerv - das heißt, falls der Soundtrack von Claudio Simonetti das nicht erledigt, der ebenfalls einen sehr schlechten Tag erwischt hat. Tatsächlich ist sein Techno-Thema, mit dem er das Finale unterlegt, so enervierend, dass das Publikum euphorisch jubelt, wenn Stefania Rocca schließlich den CD-Player (aus dem die Musik angeblich kommt) mit der Dienstwaffe zerschießt.
Das alles ist deshalb so frustrierend, weil Kamera, Musik und Mordszenen genau die Stärken des "alten" Argento waren, und wenn diese versagen, was bleibt dann noch?

Das Positive: an der Darstellung der Hauptrollen gibt es überraschenderweise nichts auszusetzen. Stefania Rocca ist eine starke und verletzliche Heldin, die als Polizistin wesentlich glaubwürdiger und authentischer wirkt als z.B. eine Asia Argento. Roccas Charakter wird leider mit unnötigem Ballast beladen. So ist ihr Vater am Pokerspiel zugrunde gegangen (?), weswegen sie mit dem Spiel mehrere Probleme hat. Ihre Romanze mit dem versoffenen Kollegen Cunningham verläuft dagegen stimmig (auf die klischeehafte Schlusspointe hätte Argento allerdings verzichten können) und bleibt sympathisch - (Achtung, SPOILER!) umso schockierter ist der Zuschauer, wenn Cunningham unerwartet in eine böse Falle läuft. Hier gelingt Argento ein wunderbar poetischer Moment, wenn Cunningham im Augenblick des Todes die Sonne durch das Blätterdach des Gartens scheinen sieht. Es sind solche Einstellungen, die auch die schwächeren Argentos auszeichnen und gegenüber der US-Konkurrenz sehenswert machen.

Italiens Jungstar Claudio Santamaria ("Casino Royale", 2006) spielt einen weiteren Kollegen von Rocca, der darunter leidet, ein Spiel gegen den Killer zu verlieren, und auch er zeigt eine ansprechende Leistung. Teenager Silvio Muccino ("Ein letzter Kuss") überzeugt als Gewohnheits-Zocker Remo, der von Rocca zum Pokerspiel gegen den Killer überredet werden muss und dafür einen hohen Preis bezahlt. Er spielt die wohl liebenswerteste Figur, die Argento in langer Zeit geschaffen hat. Leider wird auch seine Darstellung von extrem albernen Dialogen sabotiert. Es gibt wohl kaum einen Zuschauer, der nicht in schallendes Lachen ausbricht, wenn Stefania Rocca dem nervösen Muccino (der sein Spiele-Talent mit "Es ist, als ob ein Wind durch mich hindurch geht!" beschreibt) auf der Polizei-Toilette Mut zuredet und allen Ernstes zu ihm sagt: "Lass den Wind durch dich hindurch gehen!"

Ein weiterer, äußerst unglücklicher Dialog verrät leider gleich in der ersten Szene des Films die Identität des Killers, er ist schlicht zu dick aufgetragen und winkt mit dem berühmten Zaunpfahl.
Neben solchen Ausfällen aber gibt es durchaus gute Ideen. Dazu zählen ein zunächst unidentifizierbares Geräusch und bizarre Pflanzen, die den Aufenthaltsort des Mörders kennzeichnen, die nächtliche Jagd auf Silvio Muccino, oder der Moment, in dem Stefania Rocca erkennt, dass der Killer direkt neben ihr sitzt und die Ruhe bewahren muss. In der besten Sequenz wird Rocca nachts vom maskierten Mörder besucht. Der Einfall ist zwar nicht neu (es gab ähnliche Szenen in "Deep Red" und "Opera"), doch hier blitzt Argentos Talent für hochspannende und außergewöhnliche Set Pieces auf. Das Tempo stimmt ebenfalls, so dass man in gnädiger Stimmung nicht unbedingt über die vielen Albernheiten nachdenken muss.
Das Finale hingegen, in dem der Mörder Rocca per Handschellen an Bahngleise kettet (wie auch immer er das anstellt) und sie zwingt, per Laptop Poker gegen ihn spielen, während ein Zug heranrast, ist an Dämlichkeit kaum zu überbieten, zumal der Griff in die Küchenpsychologie-Kiste auch noch den letzten Rest Suspense zerstört (hatte ich die plärrende Techno-Musik schon erwähnt?).

Insgesamt könnte man sagen, dass THE CARD PLAYER für Nicht-Argento-Fans am besten geeignet ist, weil er sein Programm neben den Entgleisungen allzu uninspiriert und vorhersehbar, dafür aber mit Tempo herunterspult. Für Fans ist der Film ein harter Schlag nach dem durchaus gelungenen "Sleepless", der zwar seine Schwächen und Längen hat, daneben aber auch echte Glanzlichter bietet. Dass THE CARD PLAYER nicht der schlimmste Argento ist (diese "Ehre" gebührt meiner Meinung nach ohnehin dem verkorksten "Phantom der Oper" von 1998, ich persönlich finde ihn auch besser als "Trauma", 1993), sollte sich einige Jahre später zeigen, als der lang erwartete und katastrophale "Mother of Tears" (2007) das grauenvolle Licht der Leinwand erblickte...

06/10

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