Donnerstag, 19. August 2010

Wes Cravens New Nightmare (1994)

Nachdem Freddy Krueger-Erfinder Wes Craven sich sehr enttäuscht von den Sequels zu seinem Original "A Nightmare on Elm Street" zeigte und bis heute bedauert, die Rechte abgetreten zu haben, nahm er sich 1994 erneut der Reihe an und versuchte, neue Wege zu beschreiten und gleichzeitig dicht am Original zu bleiben. Es entstand ein doppelbödiger Film voller Selbstreflexion, der von Kritikern überraschend gelobt wurde, die Zuschauer und Fans der Reihe aber nicht ins Kino zurückbrachte und ein finanzieller Misserfolg wurde.

In WES CRAVENS NEW NIGHTMARE (Wes Craven's New Nightmare) spielen die Hauptdarsteller aus Teil 1, Heather Langenkamp, Robert Englund und John Saxon, nicht mehr ihre Charaktere, sondern sich selbst - bzw. Variationen von sich selbst (so ist Heather Langenkamp im wahren Leben zwar tatsächlich mit einem Special FX-Mann verheiratet, dieser wird im Film aber von David Newsom gespielt). Regisseur Wes Craven (ebenfalls als er selbst) plant, einen neuen Freddy Krueger-Film zu drehen und möchte Heather in der Hauptrolle sehen. Die Schauspielerin ist sich nicht sicher, sie wird seit kurzem selbst von Alpträumen geplagt. Als ihr Mann ums Leben kommt, scheint das Unglaubliche wahr zu werden - Freddy existiert tatsächlich und versucht, alle Beteiligten am neuen "Nightmare"-Projekt zu beseitigen! Oder doch nicht?

Wie die Inhaltsangabe bereits zeigt, spielt Wes Craven hier äußerst raffiniert mit den verschiedenen Handlungsebenen, den Regeln des Genres und den Erwartungen der Zuschauer. Dieses Szenario bietet ihm reichlich Gelegenheit, über die Auswirkungen einer erfolgreichen Horror-Reihe wie der "Nightmare"-Saga auf die Macher, ihre Stars und Fans zu sinnieren. So genießt Freddy-Darsteller Robert Englund hier seinen Star-Ruhm und tingelt von einer Talkshow zur nächsten, während er seine Ängste mit dem Malen düsterer Gemälde kompensiert. Heather Langenkamp hingegen möchte eher nichts mehr mit Freddy Krueger oder dem Horrorfilm zu tun haben, zumal sie seit dem Ende der Reihe von einem irren Telefonanrufer bedroht wird. Der Zuschauer hingegen ist sich oft nicht sicher, ob er sich in der fiktiven Filmhandlung, einer Traumebene oder in einem Film-im-Film befindet.
In einer bemerkenswerten Sequenz sprechen Langenkamp und Craven über das neue Projekt, und der Zuschauer sieht auf Cravens Computer das Drehbuch mit exakt dem Dialog, den wir gerade hören, inklusive dem Wort "Abblende" - worauf dann eine Abblende folgt. Das hat fast Godard-Qualität.

Wes Craven verzichtet hier auf die zum Markenzeichen gewordenen, kreativen Todesfälle (es wird überhaupt sehr wenig gestorben) und auf die obligatorischen Teenager, die Handlung spielt sich mit Ausnahme von Langenkamps Sohn (Miko Hughes) nur unter Erwachsenen ab, das unterscheidet ihn bereits grundlegend von allen anderen Teilen.
Die Freddy Krueger-Figur, die für diesen Film neu gestaltet wurde, ist nicht mehr länger schwarzhumoriger Zeremonienmeister, sondern wieder die ursprünglich konzipierte, erschreckende Alptraumgestalt, die unsere sympathischen Helden bedroht, und die stellvertretend für reale Ängste (Verlust des Partners oder Kindes) steht. Hinter der Story steckt laut Craven auch eine Warnung an Zensoren, mit dem Horrorfilm vorsichtig umzugehen, weil sowohl Kinder als auch Erwachsene ihre Schreckensbilder brauchen, um mit eben jenen realen Ängsten umzugehen. So liest Heather Langenkamp ihrem Sohn "Hänsel & Gretel" vor und bemerkt, wie grausam das alles sei. Am Ende dann liest sie ihm das Drehbuch zu NEW NIGHTMARE vor.

Darüber hinaus inszeniert er einige aufregende Set Pieces, wie mehrere Erdbeben-Sequenzen, die Los Angeles und Heather Langenkamps Haus erschüttern und dem Film einen realistischen Hintergrund verleihen. Außerdem baut er überall Querverweise und Reminiszenzen an den ersten Teil der Reihe ein - so tragen im Finale Langenkamp und Filmvater Saxon die gleiche Kleidung wie im Finale des Originals, auch einige Dialoge wie "Screw the Pass!" stammen direkt aus Cravens erstem Teil.

Insgesamt kann NEW NIGHTMARE sehr spannend unterhalten und liefert einen intelligenten Blick hinter die Kulissen der Filmproduktion und in die Mechanismen des Horrorfilms. Wenn man Wes Craven etwas vorwerfen wollte, dann vielleicht, dass er sich selbst und seinen Ansatz zu ernst nimmt (der Film ist bis auf gelegentliche Selbstironie humorfrei) und im Finale - wie so oft - zu viel laute Action und Effekte die gute Story unter sich begraben. Es gibt auch zu viele Szenen zwischen Heather Langenkamp und ihrem Filmsohn, die auf Dauer redundant wirken.

Das Publikum strömte nicht wie erwartet in WES CRAVENS NEW NIGHTMARE. Obwohl der Film sogar von seriösen Filmkritikern wegen seiner Doppelbödigkeit gelobt wurde, zeigten sich die Fans enttäuscht bis uninteressiert. Möglicherweise waren sie noch nicht bereit für einen Film, der liebgewonnene Schemata so gegen den Strich bürstet.
Aus heutiger Sicht kann man NEW NIGHTMARE als Trockenübung für Cravens späteren Riesenhit "Scream" (1996) einstufen, in welchem er mit ähnlicher Haltung den Zuschauer immer wieder selbstironisch auf die Regeln und Konventionen des Genres hinwies, diese aber in eine "schlichtere" fiktive Handlung einbaute. "Scream" funktioniert gleichermaßen für Zuschauer, die einfach nur einen guten Slasher-Film sehen wollen (dort gibt es auch den Humor, der NEW NIGHTMARE fehlt), als auch für Kenner des Genres, die Spaß am spielerischen Umgang mit Realität und Fiktion haben.
NEW NIGHTMARE funktioniert eher für letztere, gehört aber dennoch (oder deswegen) zu den interessantesten Horrorfilmen der 90er, und für einen 7. Teil ist er geradezu erschreckend originell.

07/10

Kommentare:

  1. Hallo Mathias,

    mein Schluss-Kommentar zur Serie :

    "The Remainders of Freddy Kruger"

    Als ehemaligem F.K. Fan ist mir nur eine ca. 50 cm hohe Freddy-Puppe aus den USA mit beweglichen Gliedern geblieben. Hut, Kopf, Klingenhände und Schuhe sind aus Plastik.
    Body aus Schaumstoff und die Glieder aus Metall. Dazu trägt Freddy seinen berühmten zweifarbigen Häkelpulli und eine schwarze Stoffhose.

    Auf dem Rücken befindet sich eine Aufzugschnur, die bei Betätigung eine kleine Schallplatte im Inneren von Freddy zum Sprechen bringt. Er sagt bei jedem Aufziehen eine der sechs verschiedenen Phrasen, so wie etwa : "Hi, I'm Freddy !", "I'll come and get you !", "Pleasant dreams" u.ä.

    Natürlich ist dieses Memorabilium heute in Deutschland eine Rarität, die ich selbstredend auch nicht herzugeben gedenke. Freddy sitzt jetzt bei mir im Wohnzimmer auf einer Etage meines Filmfiguren- und Raritätenkabinetts und beäugt argwöhnisch die eintretenden Besucher.
    Ansonsten ist er ganz lieb zu mir.

    Mit bestem Gruss
    Ralf

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  2. Hallo Ralf, hört sich lustig an. Ich besitze noch ein T-Shirt mit Freddy vorne drauf, und hinten kommt seine blutige Hand aus meinem Rücken. Das ziehe ich aber nicht an, wenn Besuch kommt.

    Traumhafte Grüße, Mathias

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