Sonntag, 8. August 2010

Teufelskreis Y (1968)

Bevor man über den britischen Psycho-Thriller TEUFELSKREIS Y (Twisted Nerve) spricht, muss die Filmmusik erwähnt werden. Nachdem Quentin Tarantino das gepfiffene Kinderlied-Thema des Films in "Kill Bill, Vol. 1!" (2003) benutzte, befand es sich auf jedem vierten Handy als Klingelton und ist unwiderruflich in den Kreis der unsterblichen Filmkompositionen aufgestiegen.
Das Thema stammt von Bernard Herrmann, und seine Musik ist tatsächlich das beste am Film.

TEUFELSKREIS Y erzählt vom jungen Martin Durnley (Hywell Bennett), der unter seinem dominanten, wohlhabenden Vater leidet und sich ein zweites Ich zulegt, den kindlichen Georgie. Als solcher lernt er die junge Susan (Hayley Mills) kennen, deren Mutter (Billie Whitelaw) eine Pension betreibt. Sie nimmt den scheinbar zurückgebliebenen Georgie bei sich auf, der sich in Susan verliebt und die Ermordung seines Vaters plant. Als er seinen Plan in die Tat umsetzt und Susans Mutter einen Annäherungsversuch startet, bricht endgültig der Psychopath in ihm durch...

TEUFESLKREIS Y wird oft im Zusammenhang mit Michael Powells Meisterwerk "Peeping Tom" (1960) genannt, weil hier wie dort ein Psychopath hinter der sensiblen und zerbrechlichen Fassade eines jungen Mannes lauert. Natürlich wäre ein Film wie dieser nicht ohne Hitchcocks "Psycho" (1960) möglich gewesen, und allein die Verwendung von Hitchcocks Stammkomponist Herrmann zeigt, wie sehr Regisseur Roy Boulting in den Fußstapfen des Meisters wandeln möchte. Dazu fehlen ihm allerdings ein gutes Buch und das Regie-Talent. Als Horrorfilm ist der Thriller zu wenig spannend und schockierend (zumal der "Horror" erst nach einer Stunde Filmzeit einsetzt, was eindeutig zu spät ist), als Psycho-Studie ist er zu albern und oberflächlich.

TEUFELSKREIS Y sorgte für berechtigte Entrüstung und Aufsehen in Fachkreisen, weil er das mörderische Verhalten des Psychopathen mit einem genetischen Defekt begründet, dem heutigen "Down"-Syndrom, welches damals noch als "Mongolismus" bezeichnet wurde. Die Kritik an dieser geschmacklosen Theorie war so heftig, dass der Film einen Disclaimer voranstellen musste, der sich von jedweder Unterstellung diesbezüglich distanziert, was die Glaubwürdigkeit des Films nicht gerade erhöht. Der italienische Regisseur Dario Argento verwandte in seinem Giallo "Die neunschwänzige Katze" (1971) eine ähnliche, wenngleich weniger beleidigende Theorie, die vermutlich durch Boultings Film inspiriert wurde.

Die Darsteller agieren durch die Bank hervorragend, insbesondere Hywell Bennet in der doppelten Hauptrolle. Als Zuschauer weiß man lange nicht, ob sein zweites Ich "Georgie" von ihm raffiniert erdacht wurde, um sich Gefälligkeiten und Aufmerksamkeit zu erschleichen, oder ob es sich bei Martin wirklich um eine gespaltene Persönlichkeit handelt.
Hayley Mills (Tochter von Schauspieler Sir John Mills und Schwester von Juliet), die kurz darauf Regisseur Boulting ehelichte, bekommt wenig Gelegenheit, schauspielerisch zu glänzen, kann aber als entzückende, warmherzige Susan in Miniröcken durchaus bezaubern.
Billie Whitelaw ist wie immer grandios als Pensionsleiterin, die sich von dem schüchternen und sexuell unschuldigen Georgie angezogen fühlt.

Ein weiterer Gast ihrer Pension wird gespielt von Barry Foster, der kurz darauf die Hauptrolle des ebenfalls psychopathischen Killers in Hitchcocks "Frenzy" (1972) übernahm, in dem auch Billie Whitelaw mitwirkt. Die Hauptdarsteller Bennett und Mills agierten später gemeinsam in der qualitativ besseren Produktion "Mord nach Maß" (1972).

Heute ist TEUFELSKREIS Y längst in Vergessenheit geraten, während "Peeping Tom" und "Psycho" als Meisterwerke ihren festen Platz in der Geschichte eingenommen haben. Wäre Tarantino nicht gekommen, würde sich niemand an den Film erinnern, aber so wurde zumindest Bernard Herrmanns fabelhafte Leistung entsprechend gewürdigt.

06/10

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...