Sonntag, 15. August 2010

Nightmare 2 - die Rache (1985)

Die Fortsetzung von Wes Cravens Horror-Hit "A Nightmare onElm Street" (1984) musste eilig produziert werden, um von der beginnenden "Freddy-Mania" zu profitieren. Craven selbst lehnte es ab, Regie zu führen, weil er mit dem Drehbuch nichts anfangen konnte, an seiner Stelle wurde Jack Sholder ("The Hidden") engagiert.
NIGHTMARE 2 - DIE RACHE (A Nightmare on Elm Street 2 - Freddy's Revenge) kann als Horrorfilm zwar auf keiner Ebene überzeugen und bietet lauter absurde Ideen, doch er genießt innerhalb der langlebigen Reihe absoluten Kultstatus und ist auch mein persönlicher Favorit, ganz einfach, weil er - um es mit den Worten der Produzentin und Regisseurin von Teil 6, Rachel Talalay, zu sagen - der schwulste Horrorfilm ist, der je gemacht wurde ("The Gayest Horror Movie EVER!").

Die Story: der junge Jesse (Mark Patton) ist mit seinen Eltern frisch in die Elm Street gezogen, und zwar genau in das Haus, in dem sich die grauenvollen Ereignisse im Vorgänger abspielten. Nachts wird er von quälenden Alpträumen heimgesucht. Teenager-Mörder Freddy Krueger versucht, durch Jesse zurück in die Realität zu kommen und weitere Opfer zu finden. Jesse glaubt, er sei selbst der Killer und gerät in eine Identitätskrise, bei der ihm weder seine Freundin (Kim Myers) noch Kumpel Grady (Robert Rusler) helfen können...

Als Horrorfilm ist NIGHTMARE 2 tatsächlich erbärmlich schlecht. Wes Cravens sorgfältig aufgestellte Regeln aus Teil 1 werden allesamt über den Haufen geworfen, ohne neue dafür anzubieten, ein schlüssiges Konzept ist weit und breit nicht zu finden. Mal begegnet Jesse dem Killer Freddy in seinen Träumen, mal steigt Freddy durch Jesse hindurch in die Realität. Starben bei Craven alle Teenager, während sie von Freddy träumten, träumt hier außer Jesse niemand, gestorben wird aber trotzdem.
Die surrealen Momente der Traumwelten, die den Reiz der Reihe ausmachen, sind sämtlich albern: Sittiche gehen in Flammen auf, Würstchen explodieren auf dem Grill, Schallplatten zerfließen auf dem Nachttisch, Tennisbälle fliegen durch die Luft - nicht gerade der Stoff, aus dem Alpträume entstehen. Schrecklich peinlich ist der Moment, wenn Freddy eine Pool-Party der Teenager aufmischt, bei der sämtliche Nebendarsteller größer wirken als er und keinerlei Bedrohung von ihm ausgeht. Zwar können einige der Spezialeffekte überzeugen (ebenso wie die atmosphärische Musik Christopher Youngs), das Finale aber ist eine einzige große Enttäuschung und greift auf das abgegriffene "Liebe kann alles besiegen"-Schema aus den "Poltergeist"-Filmen zurück, obwohl hier niemand ernsthaft verliebt ist.

Apropos verliebt...
Wie sich mittlerweile sogar unter den Machern des Films herumgesprochen hat (Jack Sholder tut in einem Interview auf der DVD noch so, als wüsste er überhaupt nicht, was er da inszeniert hat - er hinterlässt überhaupt einen äußerst jämmerlichen Eindruck), wurde NIGHTMARE 2 von der schwulen Community begeistert aufgenommen, weil die Handlung von vorne bis hinten als Metapher für ein Coming Out der Hauptfigur gelesen werden kann, und das sogar ohne besondere Anstrengung.
Im deutlichsten Moment knutscht Jesse mit seiner Freundin (Kim Myers, die wie eine Doppelgängerin von Meryl Streep aussieht) auf besagter Party, lässt sie dann aber abrupt auf dem Fußboden liegen und rennt zu seinem Kumpel Grady (gespielt von einem sehr witzigen und extrem heißen Robert Rusler) ins Schlafzimmer. "Er will in mich eindringen!" keucht er ("He wants to get inside of me!"), worauf Rusler fragt: "Und was willst du dann bei mir im Schlafzimmer?". Die Beziehung der beiden beginnt übrigens damit, dass sie sich auf dem Sportplatz die Hosen herunterziehen und auf dem Boden ringen.
Während Hauptdarstellerin Myers bis zum Abspann hochgeschlossen bleibt, sind die Jungs durchweg nur spärlich bekleidet (in Umkleiden, Sporthallen, Schlafzimmern). In Jesses Alpträumen begegnet er dem Sportlehrer (der mit "Er steht auf Jungs wie dich" beschrieben wird) in einer Leder-S/M-Bar, bevor er mit ihm unter der Schul-Dusche landet, wo dem gefesselten, nackten Coach mit Handtüchern der Hintern versohlt wird, bevor Freddy ihn ins Jenseits schickt. - Und das sind nur die offensichtlichsten Momente!
Überflüssig zu erwähnen, dass Hauptdarsteller Mark Patton, dessen Karriere nach diesem Film leider schnell beendet war, im wahren Leben ebenfalls homosexuell ist und man davon ausgehen kann, dass zumindest er wusste, was er da spielt.

Obwohl der Film in den USA wegen der Freddy-Begeisterung ein Hit war (wie alle weiteren Folgen), staunten die jugendlichen Zuschauer aber nicht schlecht über diesen homoerotischen Slasher. In Europa lief das Sequel noch erfolgreicher, und mittlerweile genießt es Kultstatus in diesem doch sehr heterosexuellen Genre.
Tatsächlich haben mehrere Autoren, die sich mit dem Horrorfilm und Geschlechterrollen beschäftigen, inzwischen endlich festgestellt, dass der Slasher-Film neben dem angepeilten Publikum besonders junge Schwule anspricht. Die Gründe dafür liegen zum einen darin, dass dieses Genre naturgemäß sehr attraktive Teenager beiderlei Geschlechts anbietet (zu den Stereotypen der Filme gehören neben kreischenden Mädels auch männliche Typen wie die Sportskanone, der sensible Macho, etc.), sowie in der Tatsache, dass die männlichen Darsteller Pin-Ups und Kanonenfutter abgeben, während der Helden-Part, das "Final Girl", fast immer eine Frau ist und somit klassische Rollenbilder umgedreht werden.

NIGHTMARE 2 jedenfalls hat einen festen Platz in der Geschichte des schwulen Films eingenommen, ob er wollte oder nicht. Und als solcher ist er ein spaßiges, sehr unterhaltsames Spektakel mit einem sehr femininen Helden - an dessen Zimmertür übrigens das Schild "No Chicks" hängt...

06/10

Los, oute dich endlich!

Kommentare:

  1. Lach...das lässt ja auf einen hirnverbrannten, köstlichen Film schliessen. Ich hab die DVD einfach bei soviel "Lob" (kicher) spontan bestellt...

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  2. Na, da bin ich aber auf Dein Urteil gespannt! Teil 3 ist der bessere Film, aber diesen speziellen Trash-und Gay-Faktor hat nur Teil 2, dafür liebe ich ihn. LG, Mathias!

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  3. Hi Mathias,

    habe mich köstlich über Deine Rezi amüsiert. Die ist viel besser als der Film selbst. Wenn
    Jesse im Film nicht sonne trübe Tasse wäre, hätte man die homoerotischen Momente vielleicht wirklich geniessen können.

    Die US-Box der Freddy-Krüger-Reihe (damals 7 Teile), die ich 1999 in einem deutschen Laden erstanden habe, waren übrigens für mich damals der Hauptgrund dafür schnellstens von VHS auf DVD umzuschalten. Später habe ich sogar noch die ungekürzten deutschen Fassungen in Ösiland nachgekauft und lange Jahre Freude damit gehabt. Aber leider währt bekanntlich nichts für die Ewigkeit.

    Gruss Ralf

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  4. Hallo Ralf, danke fürs Lob, ich hoffe schon, dass ich mit meiner Nightmare-Box alt werde, wenn's auch nicht für die Ewigkeit ist. Ich schaue einfach alle Jahre wieder gerne rein. Im Moment warte ich auf die US-DVD "Never Sleep Again", eine vierstündige Doku über die "Nightmare"-Reihe mit allen Beteiligten, die sehr gut sein soll.

    Ich finde den Jesse schon irgendwie süß, er kreischt hier mehr als jedes Mädel. :-) LG, Mathias!

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