Mittwoch, 25. August 2010

Nacht, Mutter (1986)

Jessie Cates (Sissy Spacek) sieht keinen Sinn mehr im Leben und will sich umbringen. Dies eröffnet sie ihrer Mutter Thelma (Anne Bancroft) vor dem Abendessen. Jessie hat sich um alles gekümmert, alles sorgfältig geplant, sie hat Zettel im Haus verteilt, auf denen Anweisungen stehen, sie hat für alles vorgesorgt, jetzt will sie Abschied nehmen. Thelma hält das zunächst für einen Witz, dann ist sie geschockt, schließlich wird sie wütend.
Kann sie Jessie davon abhalten, sich das Leben zu nehmen?

Das Zweipersonenstück NACHT, MUTTER (Night, Mother) feierte 1983 seine Erstaufführung am Broadway (mit Kathy Bates in der Rolle, die in der Filmversion von Anne Bancroft gespielt wurde) und war ein Erfolg bei Kritikern und Publikum.
Die werkgetreue und hervorragende Filmversion von Tom Moore verlässt - ebenso wie das Stück - nie das Haus auf dem Lande, in dem sich das Drama abspielt, und die Frage "Tut sie es oder tut sie es nicht?" hält ihn in Spannung - auch wenn man sehr früh ahnt, dass sie "es" wahrscheinlich tun wird, denn sonst hätte der Film kein wirkliches Ende (zumindest glaubt man nicht an Wunder).

Obwohl der Film einen äußerst deprimierten Zuschauer zurücklässt, gibt es überraschend viel Humor, der zumeist aus den hilflosen Versuchen Thelmas entsteht, ihrer Tochter die schönen Dinge des Lebens aufzuzählen, die von Jessie mit sarkastischen Bemerkungen kommentiert werden. Für Jessie gibt es keinen Grund zum Weiterleben. Sie kann sich auf nichts in der Zukunft freuen, und die Vergangenheit steckt voller unangenehmer Situationen, die sie vergessen will. Ihr Ehemann hat sie verlassen, ihr Sohn ist kriminell und lässt sich kaum zu Hause blicken, dazu ist Jessie Epileptikerin und schämt sich für ihre Anfälle.
"Wenn ich nur irgendwas richtig gern hätte - wie Reispudding", sagt sie, "Das würde schon reichen." Aber da ist nichts, auch wenn Thelma findet, dass Reispudding eine gute Sache sei. Sich umzubringen, ist die einzige Entscheidung, die sie treffen kann, ohne dass ihr jemand hineinredet, der Tod ist das einzige, was sie selbst bestimmen kann.
Die etwas schlichte Thelma freut sich schon über Süßigkeiten und Klatsch mit der besten Freundin, das genügt ihr als Lebensinhalt. Mutters Bemühungen, die Tochter vom Selbstmord abzuhalten, sind ebenso rührend wie skurril (an einer Stelle verbietet sie es ihr einfach, als würde sie mit einem ungezogenen Kind sprechen).

Spacek und Bancroft leisten in NACHT, MUTTER grandiose Arbeit und sorgen dafür, dass sich über die gesamte Laufzeit kaum Längen einstellen. Spacek ist dabei ständig in Bewegung, sie trifft die letzten Vorbereitungen für ihren Abgang, schreibt Zettel, hakt Listen ab und sagt Mutter, was sie zu tun hat. Anne Bancrofts Thelma hingegen weiß nicht, wohin mit sich und der Situation, sie sieht Jessie zu und versucht, das Unaufhaltsame aufzuhalten. Ist Spaceks Jessie eine Frau mit sehr eigenwilligem Charakter, kann sich der Zuschauer leicht mit Bancrofts Thelma identifizieren, man kennt diese Mutter, die sich um nicht viel Gedanken macht und plötzlich vollkommen überfordert ist. Sie ist die Verbindung zum Zuschauer, Jessie bleibt ein Rätsel, das ist im Stück so angelegt.

Die Regie von Tom Moore konzentriert sich ganz auf die beiden Frauen und lässt ihnen den Raum zur Entfaltung. Das ist nachvollziehbar, gleichzeitig wäre hier mehr möglich gewesen. Neben den hervorragenden Schauspielleistungen fehlt dem Film ein wenig das Zwingende, Packende, das Meisterwerke wie "Endstation Sehnsucht" oder "Wer hat Angst vor VirginaWoolf?" bieten.
Wer keine Berührungsängste mit extrem dialoglastigen Bühnenadaptionen hat und gutes Schauspielerkino mag, für den ist NACHT, MUTTER genau das richtige, auch wenn er nicht gerade zur wohlfühligen Unterhaltung geeignet ist.

Die deutsche FSK hat den Film übrigens ab 18 Jahren freigegeben. Das ist zwar absurd, zeigt aber auch, wie empfindlich man dort beim Thema Selbstmord reagiert - man möchte offensichtlich niemanden zum Nachmachen animieren. Das spricht für die Überzeugungskraft des Films, bleibt aber im höchsten Maße lächerlich.

08/10

Kommentare:

  1. ach, stimmt, den gab's ja auch noch, muss ich wohl bald mal wieder gucken. Du hast den Film so schön beschrieben, dass mir vieles wieder einfällt... Mit der FSK 18 Freigabe wäre ich nicht ganz so streng. Man kann es ja auch so interpretieren, dass Jugendliche unter 18 den Film auch einfach noch nicht verstehen und deshalb tot(!)langweilig finden. Andererseits sollten nicht "Verantwortliche" entscheiden, für welche Gedanken das dumme Volk schon reif und für welche es noch zu unreif ist. Hm... ein weites Feld. Danke jedenfalls für die Rez.

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  2. Wahrscheinlich bekommt man eh keinen 16jährigen freiwillig vor einen Film, in dem zwei ältere Frauen die ganze Zeit mal drüber reden, während sie Kakao kochen...

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