Mittwoch, 4. August 2010

The Last House on the Left (2009)

THE LAST HOUSE ON THE LEFT ist ein Remake von Wes Cravens gleichnamigem Erstling aus dem Jahr 1972 (deutscher Titel: "Mondo Brutale"), der wiederum erstaunlicherweise auf Ingmar Bergmans "Jungfrauenquelle" (1960) basiert, bzw. dessen Geschichte modernisiert. Cravens Film schockierte durch seine rohe, grimmige Qualität und exzessive Gewalt, trotz handwerklicher Mängel. Das Remake von Dennis Iliadis ist zumindest handwerklich perfekt, die Production Values sind hoch, Musik, Kamera und Schnitt leisten hervorragende Arbeit. Inhaltlich und Inszenatorisch sieht das aber schon ganz anders aus.

Die Story: Tony Goldwyn und Monica Potter spielen das Ehepaar Collingwood, das mit ihrer Tochter Mari (Sarah Paxton) in ein abgelegenes Haus am See fährt. Als Mari im örtlichen Drugstore ihre Freundin besucht, lernen die beiden den schüchternen Justin (Spencer Treat Clark) kennen, und kurz darauf fallen sie dessen brutaler Verwandtschaft, angeführt von dem aus dem Gefängnis geflohenen Schwerverbrecher "Krug" (Garret Dillahunt), in die Hände. Mari wird gedemütigt und vergewaltigt, ihre Freundin bei einem Fluchtversuch erstochen. Mit letzter Kraft schafft Mari es während eines Gewittersturms bis nach Hause, doch da sind die Verbrecher bereits bei den nichtsahnenden Eltern eingekehrt. Nachdem die schockierten Eltern ihre schwerverletzte Tochter versorgt haben, nehmen sie grausam Rache an den unerwünschten Eindringlingen...

Der größte inhaltliche Unterschied zum Original liegt in der Tatsache, dass Tochter Mari hier überleben darf. In Cravens Vorgänger wurde sie tot von den Eltern aufgefunden, was deren Rachefeldzug weitaus stärker motivierte. Tatsächlich wartet das letzte Drittel des Remakes mit Brutalitäten sondergleichen auf (die friedvollen Eltern verwenden Müllzerkleinerer, Hammer, Schusswaffen und Mikrowellen, um die Bösen auszurotten), aber glaubwürdig ist das Spektakel keine Sekunde. Hier sollte auch erwähnt werden, dass die Eltern im Original einen ganz gezielten Racheplan verfolgen und mit wahnsinniger Konsequenz vorgehen. Im Remake sind alle blutigen Handlungen von Goldwyn und Potter immer auch durch Notwehr begründet (ein typisches Merkmal moderner Horrorfilme, da man den Bezug zu den Figuren nicht "verlieren" soll, die einen mangels Charakterisierung ohnehin nicht interessieren).

THE LAST HOUSE ON THE LEFT scheitert auch auf anderen Ebenen. So versucht er, realistisch zu sein und quält den Zuschauer etwa mit einer fünfminütigen Vergewaltigungs-Sequenz. Deren Daseinsberechtigung erschließt sich nicht, immerhin haben wir es hier nicht mit einem "Der freie Wille" (2006) oder "Irreversible" (2002) zu tun - also mit Filmen, die mit solchen Szenen etwas auszudrücken versuchen. Dies ist nur ein schundiger Horrorfilm, der dem Zuschauer sämtlichen Spaß am Grauen nimmt, ohne eine Gegenleistung zu erbringen oder auch nur einen relevanten Satz zum Thema Gewalt zu formulieren. Auf der anderen Seite ist jene Gewalt cartoonhaft überzogen, und die Figuren vollbringen trotz schwerster Verwundungen noch so unglaubliche Stunts, dass der gewollte Realismus fröhlich aus dem Fenster fliegt.

Um es grundsätzlicher zu formulieren - das Problem mit modernen Horror-Remakes ist das Fehlen des Kontextes. Geschichten werden aus dem historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang gerissen, in ein späteres Jahrzehnt gesetzt und dann schaut man, ob es funktioniert.
Nun, meistens nicht. Cravens "The Last House on the Left" schockierte sein Publikum durch nicht gekannte Gräuelszenen. Im Jahr 2010 kann ein platzender Kopf nicht mehr schockieren, aber der Film kommt sich trotzdem sehr roh und schockierend vor, während er tatsächlich nur gelackt und stumpfsinnig ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die penetrante Art, wie Regisseur Dennis Iliadis mit seiner Kamera Hauptdarstellerin Paxton von Beginn an als Sex-Objekt betrachtet und an ihrem Körper entlangstreift. Das scheint auf den ersten Blick ganz ästhetisch, doch ihrer grausamen Vergewaltigung wird dadurch ein klarer Standpunkt entzogen, weil der Film sich ebenso lüstern ihr gegenüber verhält wie die Verbrecher. Hier hat jemand nichts begriffen.

Die "Bösen" werden übrigens - Hurra, Hollywood - als besonders abstoßend gezeigt, in dem sie nicht nur mit Schmuck, Piercings und gefärbten Haaren ausgestattet sind (im Gegensatz zu den "Guten" mit ihren sauberen Küchen), sondern auch leicht bisexuell gezeichnet werden (weil Bi- oder Homosexualität ein Zeichen von Abartigkeit ist?). Müßig zu erwähnen, dass die Vergewaltigung folgerichtig anal stattfindet. Ach...

Das erste Drittel des Films beschränkt sich auf Szenen, die sämtlich nur als "Planting" für kommende Ereignisse dienen und keinen weiteren erzählerischen Zweck erfüllen. Eine kaputte Mikrowelle, eine Halskette, eine Badezimmer-Armatur, ein Briefkasten - alles Gegenstände, die später wichtig werden. So simpel können Drehbücher aufgebaut werden.
Die Besetzung ist ebenfalls problematisch. Goldwyn und Potter spielen ihre Rollen gut (auch wenn man nicht glaubt, dass die beiden 20 Jahre verheiratet sind, sie sind z.B. völlig unkörperlich miteinander), aber die "Gang" besteht nur aus mittelmäßigen Darstellern, und da der Film kein einziges Detail zu ihren Charakteren erwähnt, bleiben sie auch vollkommen uninteressant. Ihr "gemeines" Benehmen ist nur Attitüde und vollkommen oberflächlich. Ganz schlimm ist Anführer "Krug" Garret Dillahut, der überhaupt nicht weiß, wie er seinen psychopathischen Schwerverbrecher anlegen soll und eine manchmal unfreiwillig komische Leistung zeigt, die mehr nervt als überzeugt.

Wozu existiert nun ein Film wie THE LAST HOUSE ON THE LEFT?
Er bietet wenig spannende Sequenzen im Schlussteil, aber insgesamt verzichtet er auf jeden Unterhaltungswert. Er bezieht keine Stellung zu Gewaltfragen, hat nichts zu sagen (nicht einmal das bekannte "Zivilisierte Leute können brutaler sein als Verbrecher" wird bedient, weil die Zivilisierten sich lediglich wehren und nie die Kontrolle verlieren) und zieht das Publikum runter. Er bietet auch keine Steigerung der Gewalt, der Film beginnt brutal, geht brutal weiter und endet brutal. Das Original hatte trotz aller Inkompetenz (und einem schrecklichen "Comic Relief", der hier weggelassen wurde) eine grimmige, verstörende Qualität und strahlte eine Lust am Tabubruch aus. Das Remake hinterlässt nur das Gefühl, 105 Minuten unsympathischen Charakteren zugeschaut zu haben, die sich gegenseitig umbringen. Und man fragt sich - wofür?

Die schlimmste Nachricht kommt zum Schluss.
Regiseur Iliadis arbeitet zur Zeit an einem weiteren Remake - von Hitchcocks "The Birds"!

Kein weiterer Kommentar.

03/10

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