Freitag, 20. August 2010

In der Stille der Nacht (1982)

Filmische Hommagen an den Meister des Thrillers, Alfred Hitchcock, gibt es wie den berühmten Sand am Meer, und nur wenige können dem Vorbild das Wasser reichen.
Regisseur Robert Benton - frisch von seinem Erfolg "Kramer gegen Kramer" (1979) - versuchte sich 1982 an so einer Reminiszenz. Herausgekommen ist ein sehr sehenswerter, leiser Thriller mit überragenden Darstellern.

Roy Scheider spielt in IN DER STILLE DER NACHT (Still of the Night) den Psychiater Sam Rice, dessen Patient George Bynum (Josef Summer) brutal getötet wird. Als er die Geliebte des Ermordeten (Meryl Streep) kennen lernt, ist er fasziniert von der kühlen Blondine. Für die Polizei ist sie die Hauptverdächtige, aber Sam hat Zweifel. Steckt hinter der geheimnisvollen Schönen wirklich eine eiskalte Mörderin? Als er der Wahrheit näher kommt, gerät Sam selbst in Lebensgefahr...

Robert Benton stritt zunächst ab, eine direkte Hitchcock-Kopie inszenieren zu wollen (ebenso wie Brian De Palma behauptete er stets, man könne keinen Thriller machen, ohne Hitchcocks Handschrift zu benutzen, was ebenso wahr wie falsch ist), doch die Parallelen sind offensichtlich. Der Plot variiert überdeutlich die Handlung von Hitchcocks "Spellbound" (1945) mit vertauschten Geschlechterrollen, dazu spielt Jessica Tandy (aus Hitchcocks "Die Vögel", 1963) Scheiders Mutter, und hier hören die Gemeinsamkeiten noch lange nicht auf.

Roy Scheider und Mery Streep fehlt der Glamour eines klassischen Hollywood-Paares wie Bergman/Peck oder Grant/Kelly, sie sind aber als Schauspieler so brillant, dafür bieten sie aber viel Einblicke in ihre komplexen Charaktere. Besonders Meryl Streep, die zu jener Zeit eher als Kandidatin für neurotische, schwierige Frauenrollen galt, überrascht als (fast) typische Hitchcock-Blondine - wobei man sagen muss, dass Hitchcocks Blondinen eher selten als Femme Fatale eingesetzt wurden, am ehesten noch Kim Novak in "Vertigo" (1958).
"War sie es oder war sie es nicht?" ist dann auch die Frage, die den Film 90 Minuten lang spannend hält, und Streeps suggestive Darstellung lässt die Frage wunderbar offen.

Roy Scheider hingegen ist ein Filmheld, mit dem man sich leicht identifizieren kann, er ist intelligent, besitzt einen subtilen Humor (ebenso wie der ganze Film) und zeigt an passenden Stellen nachvollziehbare Angst, etwa wenn er unheimliche Geräusche im Waschkeller hört oder Streep nachts durch den Park folgt und von einem Räuber bedroht wird, der kurz darauf ermordet wird - hier treffen sich übrigens Benton und De Palma, denn die Sequenz erinnert stark an "Dressed to Kill" (1980), in dem Nancy Allen in der U-Bahn von einer bedrohlichen Situation in die nächste gerät.

Streeps Filmcharakter arbeitet in einem Auktionshaus, was zu einem Highlight des Films führt ("Der unsichtbare Dritte", 1959, lässt schön grüßen!). Während einer laufenden Auktion muss Roy Scheider, der sich unter den Zuschauern befindet, Streep eine Warnung zukommen lassen, da die Polizei eingetroffen ist, um sie zu verhaften. Dafür benimmt er sich äußerst skurril, ersteigert ein teures Gemälde, das er "ausgesprochen scheußlich" findet und steckt Streep einen Zettel zu, mit dem sie ewig herumspielt, bevor sie ihn endlich liest und das Weite sucht. In dieser Sequenz funktioniert Hitchcocks berühmter Suspense hervorragend. Als Zuschauer möchte man Streep anschreien, sie möge endlich den verdammten Zettel lesen, und man leidet mit dem armen Roy Scheider mit, den es vor Spannung kaum auf seinem Sitz hält.

Das echte Glanzstück des Films aber ist das Finale. Der anfangs ermordete Patient hatte seinem Psychiater Scheider zuvor einen Alptraum geschildert, der im Laufe des Films entschlüsselt werden muss, und in welchem der Mörder identifiziert werden kann (wieder "Spellbound"). In einem nächtlichen Strandhaus gehen Scheider und Streep den Traum Schritt für Schritt durch, was zu mehreren visuellen Schocks führt, die Robert Benton gekonnt in Szene setzt. Das Finale bietet dazu einen Monolog von Streep, in dem sie ein traumatisches Erlebnis ihrer Kindheit schildert, und das tut sie in einem einzigen, langen Take (eine Verbeugung vor "Sklavin des Herzens", 1949), ein großartiges Beispiel für die Brillanz ihres Schauspiels.

IN DER STILLE DER NACHT ist ein feiner, düsterer Psycho-Thriller, weitgehend ohne Action, dafür aber mit interessanten Charakteren, guten Dialogen und jeder Menge Spannung. Auch wenn er dem großen Vorbild etwas zu sklavisch folgt und eine eigene Handschrift vermissen lässt (wie etwa De Palma sie stets bietet), ist er doch mehr als sehenswert.

Ein großer Erfolg war der Film nicht. Laut Robert Benton waren Zuschauer und Kritiker wahrscheinlich enttäuscht, dass er nach seinem anspruchsvollen Drama "Kramer gegen Kramer" "nur" einen klassischen Thriller inszenierte, doch sein Film hat die Zeit gut überdauert und kann heute noch so packend unterhalten wie einst. Von mir sehr empfohlen!

09/10

Bei Anruf Mord? Meryl Streep in "In der Stille der Nacht"

Kommentare:

  1. Zufälle gibt's! Da suche ich nach Jahren gerade heute wieder mal nach diesem Film — und gerade heute schreiben Sie darüber ...

    Wissen Sie, ob es davon eine DVD gibt (wenn geht auch mit deutscher Fassung)?

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  2. Leider gibt es den schönen Thriller noch nirgendwo auf DVD, in Deutschland ist er bei Warner auf VHS erschienen und läuft ab und zu im TV.
    Mit besten Grüßen, Mathias

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  3. Auch mir gefällt "In der Stille der Nacht" - ein sehr unterschätzter Thriller, der es verdient hätte auf DVD zu erscheinen.

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  4. Hi Ray, absolut, ich kann auch gar nicht verstehen, dass es den nicht mal in den USA auf DVD gibt. Sehr schade. LG, Mathias

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