Dienstag, 24. August 2010

Im Zeichen des Bösen (1958)

"He was some kind of a man. - What does it matter what you say about people?"

Orson Welles' Meisterwerk IM ZEICHEN DES BÖSEN (Touch of Evil) ist so schwarz, dass der Begriff "Film Noir" nicht ausreicht, um ihn zu beschreiben. Welles' letzter in den USA produzierter Film wurde seinerzeit - wie so oft - von Produzentenseite verstümmelt in die Kinos gebracht. Anhand eines langen Memorandums von Welles wurde 1998 eine Fassung erstellt, die der ursprünglichen Vision des Regisseurs am nächsten kommt, und nur in dieser Fassung sollte man den Film auch genießen.

Eine Sommernacht an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.
Der Rauschgiftfahnder Vargas (Charlton Heston) und seine junge Frau (Janet Leigh) passieren gerade den Grenzposten, als eine Autobombe in die Luft geht - in einer der brillantesten Eröffnungs-Sequenzen aller Zeiten, in welcher die Kamera mit einer Großaufnahme der Bombe, die im Kofferraum deponiert wird, beginnt und dann in einem ununterbrochenen, dreiminütigem Take den Weg unseres Paares und des Wagens begleitet, bis die Explosion erfolgt. Diese unglaubliche Sequenz ging in die Annalen der Filmgeschichte ein, und große Regisseure zollten ihr über die Jahrzehnte ihren Tribut (wie etwa De Palma in "Snake Eyes" oder Scorsese in "Goodfellas"). - Wer sich wundert, warum Janet Leigh ihren Arm die ganze Zeit unter einer Jacke verbirgt, dem sei gesagt, dass die Schauspielerin die gesamte Drehzeit mit gebrochenem Arm absolvierte.
Nach dieser explosiven Eröffnung ist ein Verdächtiger schnell gefunden und wird von dem unsympathischen Inspektor Hank Quinlan (Orson Welles) mit gefälschten Beweisen ebenso schnell hinter Gitter gebracht. Damit der zweifelnde Vargas, der sich von Quinlans Methoden entsetzt und angewidert zeigt, nicht weiter herumschnüffelt, wird Janet Leigh in ein abgelegenes Motel verschleppt und unter Drogen gesetzt. Das einsame Motel wird von einem beängstigend skurrilen Dennis Weaver geleitet, und wem die Motive "Motel, neurotischer Besitzer und Janet Leigh" irgendwie bekannt vorkommen, der darf sich schnell vergewissern, dass TOUCH OF EVIL vor Hitchcocks "Psycho" entstand!

Die Szenen um Janet Leighs Entführung besitzen eine alptraumhafte, fast unerträglich brutale Qualität, die man in einem Film der späten 50er nicht erwartet, und die noch heute erschauern lässt. So ist die von Leigh gespielte Figur auch die einzig sympathische. Orson Welles als schwergewichtiger Hank Quinlan gibt eine Galavorstellung, er ist vom ersten Moment an abstoßend und verkörpert einen ebenso zynischen, hundsgemeinen wie brillanten und tragischen Cop, der im wahrsten Sinne über Leichen geht. "He was a brilliant detective, but a lousy cop!" heißt es über ihn.
Als sein Widersacher Vargas liefert Charlton Heston, mit dem ich persönlich mich nie anfreunden kann, eine zwar gute Leistung, aber wirklich sympathisch ist auch er nicht. Sein anfangs noch blütenreiner Cop wendet im Finale zur Überführung Quinlans genau die illegalen Methoden an, für die er Quinlan verachtet, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. In einem der düstersten Finale der Filmgeschichte kann Vargas den korrupten Quinlan zur Strecke bringen, doch ein Happy End sieht anders aus. In dieser Welt hat das Gute nur einen kleinen Sieg errungen, aber die Bösen sind in der Überzahl.

In Gastrollen sehen wir Welles' Stammschauspieler Joseph Cotten sowie Zsa Zsa Gabor, Mercedes McCambridge und eine wundervolle Marlene Dietrich als wahrsagende Spelunken-Besitzerin, die keine Zukunft mehr für Welles' Quinlan lesen kann: "Du hast keine mehr. Du hast sie bereits aufgebraucht."
Neben der aufregenden Anfangssequenz bietet Welles noch viele visuelle Highlights wie eine rasende Autofahrt durch die Stadt, eine ebenfalls ohne Schnitt gefilmte, lange Verhörszene und atemberaubende Kamerafahrten. Sein Film steckt voller Spiegel, Schilder, Symbole und Zeichen. Mit seiner bahnbrechenden Filmmusik brachte Henry Mancini den lateinamerikanischen Jazz in den amerikanischen Film. Vom ersten "Tick-Tack" der Bombe begleiten fieberhafte Percussions das Geschehen und verstärken die grimmige, rohe Atmosphäre des Films, der mit seinen Licht- und Schattenspielen alles andere als naturalistisch ist, aber dennoch einen wahrhaftigen, realistischen Charakter besitzt, ein faszinierender Widerspruch.

Zu den Hintergründen von TOUCH OF EVIL existieren viele Gerüchte.
Charlton Heston brachte Welles als Regisseur ins Gespräch, der ein bereits existierendes Drehbuch überarbeitete und dem Studio beweisen wollte, dass er verlässlich arbeiten konnte - sein Ruf als Künstler mochte unantastbar sein, aber als verlässlicher Regisseur stand er nicht hoch im Kurs. Er lieferte den fertigen Film in der vorgeschrieben Zeit ab und brachte befreundete Stars wie Cotten dazu, zu einem Mindesthonorar ungenannt aufzutreten (als man bei Universal sah, dass Marlene mitspielte, bezahlte man ihr prompt mehr Geld, um ihren Namen für die Werbung zu nutzen). Trotzdem wurde Welles der Film entrissen, neue Szenen wurden ohne seine Mitwirkung gedreht, andere entfernt, um die Geschichte "verständlicher" zu machen.
Welles schrieb ein 58-seitiges Memo mit Änderungsvorschlägen, die alle ignoriert wurden (das Memo wurde später für die Erstellung der restaurierten Fassung benutzt). Die amerikanischen Kritiker mochten den Film nicht, in Europa lief er besser und wurde von Filmemachern wie Truffaut gefeiert.
Heute, nachdem die Welt nun endlich eine annähernd "korrekte" Version sehen durfte, gilt TOUCH OF EVIL als Meilenstein (und Endpunkt) des Film Noir. Für mich Orson Welles' bester Film.

10/10

Ein Paar in Gefahr...

Eine Wahrsagerin...

...und ein Mann ohne Zukunft.

Kommentare:

  1. Hallo Mathias, sehr schöne Rezension zu einem meiner absoluten Lieblingsfilme, ein großartiger Klassiker. LG Ray

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  2. Hallo Ray, das habe ich mir doch fast gedacht, dass er zu Deinen Lieblingen gehören muss.. das ist so einer der Filme für die Ewigkeit. LG, Mathias

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  3. Hallo Ralf,
    der Hinweis auf Tamiroff stimmt. "Citizen Kane" finde ich schon großartig, ich konnte mich dagegen nie so sehr mit den "Ambersons" anfreunden. Von Welles' Filmen mag ich TOUCH OF EVIL und LADY FROM SHANGHAI am liebsten, THE TRIAL habe ich ewig nicht gesehen, muss ich dringend mal wieder nachholen, ich hörte aber, die deutsche DVD ist gekürzt...? Liebe Grüße!

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  4. Hallo Mathias,

    zu DER PROZESS habe ich die jüngste DVD-Ausgabe von Studio Canal und die ist leider um die gezeichnete Einleitung gekürzt. Ein kurzer Ausschnitt dieser ca. 2 Minuten taucht so etwa in der Mitte des Films noch einmal auf. Diese Kürzung ist sehr bedauerlich und für mich unverständlich, aber sie beeinträchtigt die Sinngebung des Films nicht.

    Natürlich sollte man DER PROZESS nicht in depressiver Stimmung ansehen, denn dafür sorgt schon die - nomen est omen - kafkaeske Storyline. Ich meine, dass gerade die von Anthony Perkins und Romy Schneider gesetzten positiven Kontrapunkte in DER PROZESS den Film nicht in eine schwerfällige, morbide Masse enden lassen. Welles und Tamiroff könnte ich heute noch auf die Stirn küssen für ihre wundervoll degenerierte 'Master and Servant' Vorstellung in diesem Streifen.

    Ich kann jedem wahren Cineasten, dem der Film auf Anhieb nicht gefallen sollte, anraten, sich dieses opulente Werk mehrfach vorzuführen. Es lohnt sich wirklich !

    LADY FROM SHANGHAI kenne ich (schon wieder Asche auf mein Haupt) leider nur vom Titel her.


    Gruss Ralf

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  5. Liebe Pia, das kann ja vorkommen. :-)
    Ich konnte mich z.B. nie für die "Ambersons" begeistern. Vielleicht nochmal versuchen?
    Für mich gehört "Touch of Evil" zu den besten Filmen aller Zeiten, schon in den ersten zehn Minuten. Liebe Grüße!

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