Montag, 30. August 2010

Eden Lake (2008)

"Bei der nächsten Gelegenheit sofort umkehren!" warnt das Auto-Navigationssystem mit der sanften Stimme von Kylie Minogue.

Hätte unser sympathisches Upperclass-Pärchen Michael Fassbender und Kelly Reilly nur auf Frau Minogue gehört, wäre ihnen viel Ärger und Blut erspart geblieben am Eden Lake. Dort wollen die beiden ein paar romantische Stunden abseits der Zivilisation verbringen, doch die Idylle wird durch ein paar Unterschichten-Teenager mit Handys, Ghettoblaster und Rottweiler empfindlich gestört. Die Spannungen arten in einen Kleinkrieg aus, und der steigert sich bis zu Mord und Totschlag...

Im Jahr 1972 schockte John Boorman die Welt mit seinem Überlebens-Thriller "Deliverance", in welchem eine Gruppe Städter gegen zurückgebliebene und brutale Hinterwäldler um ihr Leben kämpfen musste.
Der britische Regisseur James Watkins reanimierte für EDEN LAKE (Eden Lake) den Konflikt Bildungsbürger gegen Unterschicht in hübscher Umgebung, nur dass die mörderischen Kids keine minderbemittelten Einsiedler sind, sondern Teenager, wie man sie jeden Tag auf der Straße und - im schlimmsten Fall - in den Nachrichten sieht. Der Horror-Thriller (man weiß nicht genau, in welches Genre man EDEN LAKE stecken soll) nutzt die durch Medien geschürte Angst vor der "eiskalten Brutalität" dieser Kids für seine durch und durch manipulative Spannung. Eine Atmosphäre der drohenden Gewalt und Eskalation liegt bereits über den Anfangs-Sequenzen, und es fällt schwer, keine Partei zu ergreifen oder nicht wütend zu werden.
Formal ist Watkins ein durchaus grimmiges Stück Terrorkino gelungen, das mit einem harten und unnötig niederdrückenden Ende aufwartet (welches ironisch auf Wes Cravens "Last House on the Left" anspielt und diesen von innen nach außen kehrt).
Spaß macht EDEN LAKE jedenfalls nicht (auch, weil er kein bisschen Humor hat), und man fragt sich - warum? Hat der Film wirklich etwas zu sagen, wie viele Kritiker meinen?

Ich denke nicht. Wenn es Watkins tatsächlich um eine realistische Schilderung gesellschaftlicher Missstände ginge, würde er sich eventuell bemühen, beide Seiten mit ausreichend Hintergrund auszustatten. Stattdessen soll der Zuschauer das Yuppie-Pärchen von Anfang an ins Herz schließen, weil sie die Natur zu schätzen wissen und ehrliche Gefühle füreinander hegen - Watkins verzichtet nicht einmal auf das uralte Klischee des Heiratsantrags, der geplant, aber nicht durchgeführt werden kann.
Die Unterschichten-Kids hingegen zeichnet er schon beim ersten Auftritt als böse, abgestumpft, beleidigend und dumm. Sie hören zu laute Musik, haben ihren Hund nicht unter Kontrolle und zücken immer ihr Handy, wenn es etwas Brutales aufzuzeichnen gibt. Sie entspringen genau den Horror-Schlagzeilen, mit denen die Boulevard-Presse Stimmung macht. So wie Watkins den Konflikt zwischen den Parteien schildert, gibt es ganz klar die Guten und die Bösen. Damit wird jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Film zunichte gemacht.
Das Verhalten der Erwachsenen, die doch eigentlich als intelligent eingeführt werden, wird im Laufe des Films zunehmend idiotischer - so besteht Michael Fassbenders Steve darauf, am See zu bleiben, obwohl alle Anzeichen auf Eskalation stehen, später bricht er in das Elternhaus der Kids ein, wobei nicht klar ist, was er dort will, und wenn er seinen Wagen weitab vom Schuss stehen lässt, nachdem der Konflikt bereits am Überkochen ist (und der Wagen zuvor bereits demoliert wurde), muss man sich fragen, ob sein Gehirn überhaupt noch arbeitet.

Wirklich spannend wäre es gewesen, zwei friedliche Parteien zu zeigen, die durch ein Missverständnis oder mangelnde Kommunikation (oder was auch immer) einen Streit heraufbeschwören, der zum blutigen Krieg mutiert. Man wird das Gefühl nicht los, dass James Watkins mit einem Film wie EDEN LAKE einen Skandal provozieren will, doch dafür ist er schlicht nicht aufsehenerregend genug.
Am Ende bleibt ein solider, stellenweise harter psychologischer Thriller, der das Publikum gekonnt deprimiert, aber mehr auch nicht.

04/10

Kommentare:

  1. Interessante und kritische Ausführungen. Ich finde den Film ja sehr spannend und schätze ihn als sehr guten Genrebeitrag ein, aber ich denke auch nicht, dass es ein Film ist, der gesellschaftliche Mißstände realistisch darstellt. Eher ein Genrebeitrag, der mit viel Klischeefiguren manipulativ unterwegs ist, da hast Du sicherlich Recht.

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  2. Hi Ray, ja, den fand ich sehr schwierig zu beurteilen, er ist auf jeden Fall effektiv, ich merkte nur, wie ich immer wütender wurde, weil ich mich nicht manipulieren lassen wollte, denn seine Mittel sind zu simpel. Ein Film, der sicher spaltet und mehr Zündstoff bietet als der herkömmliche Horrorfilm. LG!

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