Montag, 16. August 2010

Die Stunde, wenn Dracula kommt (1960)

DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (La Maschera del Demonio) hat mir die wohl heftigsten Alpträume bereitet, als ich ihn in der Kindheit im TV-Nachtprogramm sah, und von dem ich erst später erfuhr, dass es sich um einen der berühmtesten italienischen Horrorfilme aller Zeiten handelt, inszeniert von einem der großen Meister des Horrorkinos, Mario Bava. Die alptraumhaften Bilder und Szenarien habe ich nie vergessen, und noch heute gehört der Film zu meinen absoluten Lieblingen des Genres.

Der Inhalt basiert vage auf der Kurzgeschichte "Wij" von Nikolai Gogol. - Im frühen 17. Jahrhundert wird die Hexe Asa (Barbara Steele) auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem ihr Gesicht durch eine Stahlmaske schrecklich entstellt wurde. Noch im Sterben spricht sie einen Fluch aus, der die Hexenjäger und ihre Kinder und Kindeskinder treffen soll. 200 Jahre darauf wird die Hexe durch eine Ungeschicklichkeit zweier Reisender wieder zum Leben erweckt. Mit Hilfe ihres damaligen Geliebten Javutich, den sie ebenfalls aus seinem Grab befreit, erfüllt sie ihren grausamen Fluch...

Nur zwei Wochen Drehzeit brauchte Mario Bava, um dieses unvergessliche, nachtschwarze Gemälde des Schreckens fertig zu stellen. Von Bram Stokers Romanfigur Dracula, auf den der deutsche Titel anspielt, ist hier weit und breit nichts zu sehen, auch wenn der untote Javutich als Vampir bezeichnet wird und Asas Vorhaben, die Lebensenergie ihrer schönen Nachfahrin Katja (ebenfalls Barbara Steele) zu stehlen, stark an Vampirismus erinnert. Für die Doppelrolle der Hexe Asa/Katja besetzte Bava die junge und noch unbekannte Engländerin Barbara Steele, die eine beeindruckende Leistung zeigt, wobei weniger ihr Spiel fasziniert als ihre düstere Ausstrahlung und Präsenz. Ihre ungewöhnliche Schönheit sorgt ebenso für Entzücken wie Grauen. Die Hexenfratze der verstümmelten Asa ist ein Schlüsselbild des modernen Horrorkinos.

DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT galt seinerzeit als extrem gewalttätig und wird als erster Schritt hin zum späteren Splatter-Kino eingeschätzt. Tatsächlich erreicht gerade der Filmbeginn um die Hexenverbrennung ein hohes Maß an Sadismus, verstärkt durch ausgefallene Tricks. Auch heute noch kann die alptraumhafte Atmosphäre unbedarfte Zuschauer verstören, selbst wenn einige Dialoge und Darstellungen bisweilen lächerlich wirken (wie etwa der Kampf Javutichs mit einem menschlichen Widersacher, bei dem der Untote ziemlich alt aussieht).
Diese kleinen Holperer stören nicht den Gesamteindruck, den Bava durch schlicht atemberaubende Bilder und Sequenzen erzeugt, wie die erste Begegnung der Protagonisten mit der jungen Katja, die mit zwei großen Wachhunden am Eingang einer verfallenen Ruine steht, Javutichs Grabentsteigung (der Vorläufer des modernen Zombie-Kinos), oder das plötzliche Auftauchen einer schwarzen Kutsche inmitten gespenstischen Nebels. Auch der Weg, den ein junges Mädchen in der Nacht durch den Wald beschreitet, um dort eine Kuh zu melken, wird unter Bavas Regie zu einer Reise ins Land des Schreckens.
DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT spielt in keiner bekannten Realität, er existiert in seiner eigenen Welt der Hexen, Dämonen, Schlösser und Schatten. Bava zieht den Zuschauer hinein in diese Welt, und man folgt ihm nur zu gern.

DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT war ein großer Erfolg an den Kinokassen und begründete Bavas Ruf als Meister des Horrors. Barbara Steele wurde durch ihn zur Kultfigur des Genrekinos und zementierte ihren Ruf mit Auftritten in Filmen wie "Das Pendel des Todes" (1961), "The Horrible Dr. Hichcock" (1962) und "Castle of Blood" (1964). Später wurde sie von Genre-Größen wie Joe Dante ("Piranhas", 1978) und David Cronenberg ("Parasiten-Mörder", 1975) eingesetzt, deren Filme sie allein durch ihre Anwesenheit veredelte.

10/10

Fürstentochter Katja (Barbara Steele) und ihre Höllenhunde

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