Montag, 9. August 2010

Die Frau mit der 45er Magnum (1981)

Das Horror-Subgenre des sogenannten "Rape and Revenge"- Movies entstand in den 70ern mit kontroversen Beiträgen wie Wes Cravens "Last House on the Left" (1972) oder Meir Zarchis "I Spit on Your Grave" (1978).
In diesen Filmen wird eine Vergewaltigung entweder durch das Opfer selbst oder ihm nahestehende Charaktere grausam gerächt. Von diesen oft grenzüberschreitenden Thrillern ist Abel Ferraras später Beitrag DIE FRAU MIT DER 45ER MAGNUM (MS.45/Angel of Vengeance) mit Abstand der beste, weil er sein Thema trotz des Exploitation-Charakters nicht spekulativ, sondern psychologisch aufrüttelnd und verantwortungsbewusst umsetzt.

Zur Story: die stumme Thana (Zoe Tamerlis) arbeitet als Näherin und lebt weitgehend isoliert. Eines Tages wird sie auf dem Nachhauseweg brutal vergewaltigt (der Vergewaltiger wird übrigens von Regisseur Ferrara gespielt), und zu Hause wartet bereits der nächste Angreifer auf sie. Diesen kann sie in Notwehr töten, doch ihr Leben ist bereits völlig aus den Fugen geraten. Sie beseitigt die Leiche (indem sie sie in der Badewanne zerlegt und in der Stadt verteilt), nimmt die Waffe des Vergewaltigers an sich und startet einen Rachefeldzug. Nachts zieht sie durch die Stadt und erschießt jeden Mann, der ihr zu nahe kommt. Sind es anfangs noch potentielle Täter, die sie "beseitigt", verliert Thana bald vollständig die Kontrolle...

Genau hier liegt die Besonderheit von MS.45. Hat man anfangs noch Mitleid mit der von Tamerlis gespielten Figur und wähnt die Gerechtigkeit auf ihrer Seite (was allein schon sehr dünnes Eis ist), nimmt der Film im weiteren Verlauf eine distanziertere Haltung zu ihr ein, obwohl er mit der Kamera immer dicht bei ihr bleibt (es gibt keine Szene ohne sie, der Film ist vollständig aus ihrer Sicht erzählt).
Die anfänglich panischen Attacken, in denen sie zur Waffe greift, werden kalkulierter und ausgeklügelter. Die zunächst unscheinbare und friedvolle Thana verwandelt sich in eine tödliche Femme Fatale, die sich sexy anzieht, bevor sie als wandelnder Lockvogel "auf die Jagd" geht. Sie verziert die Patronen ihrer 45er mit Küssen, die Vorbereitung auf das Töten wird als Ritual zelebriert, das ihrem Leben auf kranke Art Stabilität gibt. In ihrer neuen Aufgabe findet sie einen kurzfristigen Lebensinhalt, zu ihrem Alltag kann sie ohnehin nach den Angriffen gegen sie nie wieder zurück.

Als sie schließlich einen vollkommen unschuldigen Mann tötet (ein Selbstmörder, der zu schwach ist, sich selbst das Leben zu nehmen), verliert man auch als Zuschauer jede Identifikation mit ihrer Figur.
Im Finale treibt Ferrara sein Thema schließlich auf die Spitze. Zu einer Halloween-Party erscheint Thana als Racheengel im Nonnen-Kostüm, mit der 45er Magnum im Strumpfband, die Lippen grellrot geschminkt. Sie erschießt ihren Arbeitgeber (der zwar als schmieriger Macho gezeichnet ist, aber kaum dafür den Tod verdient) und kann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden, sie schießt wild um sich und richtet ein Blutbad an (inklusive weiblicher Opfer), bevor ihr ein weiblicher Partygast ein Messer in den Rücken stößt. Hier galoppiert die Symbolik wie verrückt, und Ferraras Botschaft wird etwas verschludert (ist es letztlich doch das Patriarchat, das den weiblichen Todesengel zur Strecke bringt?), doch die amoklaufende Thana im Nonnenkostüm ist ein Bild, das man so schnell nicht vergisst. Aus einem bemitleidenswerten Opfer ist ein Aggressor geworden, der selbst nur durch Gewalt zu stoppen ist, und trotzdem ist ihr die Qual jede Minute anzusehen.

Ein moderner Film wie das Jodie Foster-Drama "Die Fremde in dir" (2007) scheitert genau an diesem Punkt, weil der Film sich viel zu stark bemüht, nie die Identifikation mit der Protagonistin zu verlieren und ihre Taten nachvollziehbar, bzw. entschuldbar (im Sinne des Selbstjustiz-Thrillers) macht und dazu noch die Polizei als hilfreichen Partner schildert. Natürlich kann in heutigen politisch korrekten Zeiten (und erst recht im Mainstream) kein Film von der Brisanz eines MS.45 entstehen. Ein laues Remake wie "The Last House on the Left" (2009) hat zur Selbstjustiz-Thematik nichts beizutragen und konzentriert sich stattdessen auf blutrünstige Splatter-Effekte. Das 70er-Kino hingegen, in dem kontroverse Beiträge an der Tagesordnung standen, braucht keine Absicherung.

Abel Ferrara hat mit MS.45 einen visuell beeindruckenden, harten (aber nicht unnötig blutigen) und rohen Film geschaffen, der sowohl die Exploitation-Fans zufriedenstellt, darüber hinaus aber auch Stoff fürs Hirn liefert und tief in die Psychologie seiner gestörten Hauptfigur eintaucht. Zoe Tamerlis spielt die Thana ungemein intensiv und überzeugend (so überzeugend, dass sie noch Jahrzehnte später ungeliebte "Fanpost" von kranken Bewunderern erhielt), es ist eine mutige und beunruhigende Darstellung, die niemals um Sympathie bettelt, im Gegenteil. Der Film und Tamerlis schildern den Leidensweg von Thana konsequent, ob uns ihre Handlungen gefallen oder nicht.

Ende der 70er/ Anfang der 80er sah sich Amerika auf dem Höhepunkt einer Gewaltwelle. Laut Statistik geschahen allein in New York täglich an die 40 U-Bahn-Überfälle, die Polizei schien machtlos. Da wundert es nicht, dass Selbstjustiz-Filme wie der Charles Bronson-Thriller "Ein Mann sieht rot" (1974) und seine Nachahmer großen Erfolg an den Kinokassen vorweisen konnten. Das Volk verlangte nach Menschen, die die Justiz in die eigene Hand nehmen.
Wohin dies führen kann, zeigt Ferrara in seinem meisterhaften Werk erschreckend eindringlich. Eine Perle des Thriller-Kinos und absolutes Must-See!

10/10

Ein Racheengel im Netz des Wahnsinns

Kommentare:

  1. Ich hab schon soviel Gutes von diesem Film gelesen und gehört, aber ich hab ihn noch nie gesehen. Ich Sachen DVD Veröffentlichung sieht es auch nicht gut aus...LG Ray

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  2. Stimmt, der wurde nur als Bootleg veröffentlicht, aber die VHS müsste noch erhältlich seint. LG!

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  3. Grandios! Grandios! Von Beginn bis Ende einfach grandios! Es stimmt, selbst als Frau schafft man keine durchgehende Identifikation mit Thanas Taten, nur und besonders am Anfang. Das war bei Jodie Foster in "Die Fremde in dir" anders, wobei ich den durchaus auch sehr gut fand. Aber ganz anderes Strickmuster. "MS. 45" wird mir immer als verstörend, zwiespältig, arty aber doch wunderbar (tolle Bilder & Einstellungen und noch dazu diese hübsche Zoe!) in Erinnerung bleiben, während "Die Fremde in dir" ein fokussierter Rache-Thriller ist - ohne Kunst.
    Eines aber hast Du verwechselt oder vllt. falsch erinnert: Zoe wird zum Schluss von ihrer Kollegin erstochen mit den kinnlangen, braunen Haaren, nicht von einem Mann. Das passt sogar symbolisch noch besser in meinen Augen. Sie wird selbst für ihresgleichen eine Bedrohung und wenn man so will unnachvollziehbar.

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  4. Stimmt, das war ein Irrtum, ansonsten ist dem nichts hinzuzufügen! :-)

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