Freitag, 27. August 2010

Der Leichendieb (1945)

DER LEICHENDIEB (The Body Snatcher), nach einer Kurzgeschichte von Robert L. Stevenson, gehört zu den großen Klassikern des Horrorfilms. Robert Wise, der in vielen Genres zu Hause war, inszenierte die Schauergeschichte unter der Führung des Produzenten Val Lewton, der auch am Drehbuch mitschrieb, und der für so großartige Filme wie "Cat People" (1942) verantwortlich zeichnete, und für den Wise bereits "Curse of the Cat People" (1944) und "Mademoiselle Fifi" (1944) in Szene gesetzt hatte.

Die Handlung spielt im Jahr 1831 in Edinburgh und beginnt unerwartet sonnig. Der hervorragende Mediziner MacFarlane (Henry Daniell) kümmert sich rührend um seine Patienten, auch sein Kutscher Gray - gespielt von Boris Karloff - scheint ein netter Zeitgenosse zu sein. Doch nicht mehr lange, da erfahren wir die düsteren Hintergründe. Für seine Forschungen benötigt Dr. MacFarlane nämlich Leichen, und die besorgt ihm Gray vom Friedhof. Als der Doktor herausfindet, dass Gray zur Not auch Frauen ermordet, um für den Leichen-Nachschub zu sorgen, überschlagen sich die Ereignisse...

DER LEICHENDIEB besticht durch eine exzellente und detailreiche Ausstattung, die trotz geringen Budgets die Atmosphäre des frühen 19. Jahrhunderts hervorragend einfängt. Wises Schwarzweiß-Fotografie ist erlesen, und wie es in den Werken von Produzent Val Lewton üblich ist, spielt sich alle Gewalt immer außerhalb der Kamera ab, bzw. wird nur in Bild und Ton angedeutet.
Was den Klassiker aber in erster Linie so packend macht, ist das Schauspieler-Duell Karloff/Daniell. Neben Frankensteins Monster gehört Kutscher Gray zu den besten Vorstellungen Karloffs. Hinter seiner freundlichen Fassade verbirgt sich ein durch und durch skrupelloses, erpresserisches und menschenverachtendes Wesen, das im wahrsten Sinne über Leichen geht. Henry Daniell ist als Arzt eine Koryphäe, wenn er aber an seine Grenzen stößt (wie bei einem gehbehinderten Mädchen, das auch nach seiner brillanten Operation nicht laufen kann), verliert er die Fassung. Er fühlt sich Gray gegenüber intellektuell überlegen, ist ihm aber bedingungslos ausgeliefert. Er ist besessen von seiner Arbeit und dem Wunsch zu heilen, dafür ist er auch bereit, illegale Wege zu beschreiten. Dieses schwierige Thema wird intelligent und stimmig transportiert.
In einer Nebenrolle spielt übrigens Horror-Ikone Bela Lugosi einen eher unwichtigen Part, dies ist ganz und gar Karloffs Film. Die Schluss-Sequenz, die eine alptraumhafte Kutschfahrt im Gewittersturm beschreibt, ist unvergesslich grausig.

Für Fans klassischer Horrorfilme, in denen Subtilität und Suggestion den Horror erzeugten, ist DER LEICHENDIEB Pflichtprogramm. Die Kunst der Andeutung hat Robert Wise bei Val Lewton studiert und in seinem späteren Meisterwerk "Bis das Blut gefriert" (1963) erneut erfolgreich angewandt.

09/10

Die gehört mir! - Karloff als Kutscher und Leichendieb

1 Kommentar:

  1. Hoffentlich kann ich da die alte Kinowelt VHS mal gegen eine DVD ersetzen. Zumal am Anfang der Cassette schon diese üblen Ränder und somit starke Bildbeeinträchtigungen auftauchen.

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