Montag, 9. August 2010

Der Fanatiker (1981)

Edward Bianchis Geschichte über einen besessenen Fan kam leider zur falschen Zeit heraus. Eigentlich als Beitrag zur Slasher-Welle geplant, wurde er als geschmackloser Kommentar zur Ermordung John Lennons fehlinterpretiert, der knapp ein halbes Jahr zuvor von einem geistesgestörten Fan erschossen wurde. So wurde DER FANATIKER (The Fan) von der Kritik verrissen und von den Zuschauern ignoriert. Auch heute noch erfreut er sich keiner großen Beliebtheit, dabei gehört er zu meinen Lieblings-Thrillern der 80er.


Douglas Breen (der junge Michael Biehn) vergöttert seinen Star Sally Ross (Lauren Bacall), er schreibt ihr Briefe, besucht jede Broadway-Vorstellung und sieht sich jeden Film von ihr an. Bald schon bildet er sich eine Liebesbeziehung ein und träumt vom gemeinsamen Leben. Als Sallys Sekretärin (Maureen Stapleton) ihm nach allzu offenherzigen Zeilen eine höfliche Abfuhr erteilt, bildet er sich ein, sie wolle ihn von seiner großen Liebe fernhalten und attackiert sie auf dem Nachhauseweg mit einem Rasiermesser. Als er trotz mehrfacher Bitten von seiner "Angebeteten" immer noch nicht erhört wird, verwandeln sich seine überschwänglichen Liebesgefühle in Hass und Verachtung, und sein Wahn fordert weitere Opfer...

Die komplexe Beziehung zwischen Star und Fan bot oft guten Filmstoff, sowohl für bittere Komödien ("King of Comedy", Martin Scorsese) als auch Horror-Schocker ("Misery", Rob Reiner). In allen Filmen wird das Objekt der Begierde zum einzigen Lebensziel sozial isolierter Einzelgänger. Da die "Angebeteten" aber nichts von diesen Gefühlen, geschweige denn von der Existenz dieser Person ahnen und ein "reales", eigenes Leben führen, muss der Fan in seinen Forderungen nach Aufmerksamkeit und Zuneigung zwangsläufig enttäuscht werden. Und dafür muss jemand büßen.


Regisseur Edward Bianchi orientiert sich in DER FANATIKER sehr an Brian De Palmas "Dressed to Kill" (1980), von dem er sich nicht nur Hauskomponist Pino Donaggio ausborgt, sondern auch das stilvolle Rasiermesser als Tatwaffe, einen U-Bahn-Angriff auf Maureen Stapleton, der sehr an die Fahrstuhlsequenz in De Palmas Thriller erinnert, sowie einen extrem eleganten Look. Auch ist die Führung des reifen weiblichen Stars ähnlich, nur dass Bacall hier - im Gegensatz zu Angie Dickinson im Vorbild - überleben darf. Bianchi versteht es wie De Palma, alltäglichen Objekten und Gegenständen eine unheimliche Bedeutung zu verleihen. Bereits im Vorspann, der Michael Biehn am Schreibtisch beim Verfassen seiner Briefe an Bacall zeigt, rückt er ein Brotmesser, spitze Bleistifte und die Schreibmaschinenwalze so bedrohlich in den Vordergrund, dass das Gewaltpotential des Fans schon klar zu erkennen ist.

Michael Biehn spielt den jungen Fan sehr glaubwürdig, wenn auch nicht gerade beängstigend. Er führt Selbstgespräche und arrangiert ein Candlelight-Dinner für "seinen Star" (der natürlich nicht erscheint). Bei der Arbeit lässt er sich herumkommandieren, Frauen interessieren sich nicht für ihn (was aufgrund von Biehns Äußerem etwas unglaubwürdig ist), seine Aggressionen gegenüber der ganzen Welt stauen sich so lange auf, dass sie irgendwann explodieren müssen.
Trotz Biehns guter Darstellung aber ist dies Lauren Bacalls Film. Ihr Status als Hollywood-Legende hilft ungemein, die Ausstattung baut Fotos und Erinnerungsstücke an Bacalls "echte" Vergangenheit ein. Die einzige große Schwachstelle des Thrillers ist Bacalls Filmjob - sie probt gerade an einem Musical, kann aber weder singen noch tanzen, und die Sub-Handlung um die Bühnenproben und die finale Premiere führt zu einigen peinlichen Momenten, die den Film in den Trash-Bereich abgleiten lassen. So erhält Bacall am Ende natürlich tosenden Applaus für eine Nummer, die in jeder Beziehung schrecklich (gesungen, komponiert und getextet) ist.
Nach eigenen Aussagen sagte Bacall für den Film zu, ohne zu wissen, wie gewalttätig er sein würde (er ist tatsächlich nicht sehr gewalttätig) und schämte sich später für ihre Mitwirkung, was man nicht ganz nachvollziehen kann, denn von all ihren Altersrollen ist dies die beste.
In weiteren Rollen sind die großartige Maureen Stapleton und James Garner als Bacalls Ex-Mann zu sehen, der keinen weiteren Einfluss auf die Handlung hat.

Häufig kritisiert wurde eine Sequenz, in der Michael Biehn einen jungen Mann in einer Gay-Bar aufgabelt und ihn beim anschließenden Sex ermordet (er verbrennt die Leiche, um die Polizei in die Irre zu führen und Bacall glauben zu lassen, es handle sich bei dem Toten um ihn selbst). Hier werden latente Homosexualität, Wahnsinn und Mordlust in einen schwammigen Kontext gestellt, auch wenn die Szene im Rahmen der Filmhandlung durchaus Sinn macht.

DER FANATIKER ist sicher kein Film, den man gesehen haben muss, aber er bietet teilweise sehr spannende Unterhaltung mit exzellenten Darstellern, er schreitet zügig voran und endet mit einem beeindruckenden Schlussbild, das den toten Biehn im blutigen Smoking als einzigen Zuschauer vor einer leeren Bühne zeigt, eine treffende Metapher für sein Leben.

09/10

Der Fan und sein Lebensinhalt

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