Donnerstag, 5. August 2010

Copykill (1995)

Im Zuge des großen Erfolgs von David Finchers "Sieben" (1995), der wiederum ohne Jonathan Demmes "Das Schweigen der Lämmer" (1991) nicht möglich gewesen wäre, entstand eine ganze Flut von Serienkiller-Thrillern. Jon Amiels COPYKILL (Copycat) gehört zu den besseren Vertretern dieses Subgenres. Nicht nur ist der Thriller äußerst spannend inszeniert und gut aufgebaut, er bietet auch mit Sigourney Weaver und Holly Hunter zwei Hauptdarstellerinnen von außergewöhnlicher Präsenz.

Die Story: Ein sogenannter "Copycat"-Killer wütet in San Francisco. Er stellt bei seinen Morden die Straftaten und Tatorte berühmter Serienkiller nach. Um ihn zu fassen, braucht Ermittlerin Holly Hunter die Hilfe der Kriminalpsychologin Weaver, doch die leidet nach dem brutalen Überfall eines verurteilten Serienmörders (Harry Connick, jr.) an Agoraphobie und schaut gern mal zu tief ins Glas. Als die beiden Frauen nach Anfangsschwierigkeiten schließlich doch gemeinsam ermitteln, geraten sie bald selbst ins Visier des Mörders, der mit Sigourney Weaver noch eine Rechnung offen hat...

Regisseur Jon Amiel begeht nicht den Fehler, "Sieben" stilistisch zu kopieren und damit ein ebensolcher Nachahmer wie sein porträtierter Killer zu werden. COPYKILL ist im Vergleich mit Finchers Film weit weniger düster und konzentriert sich mehr auf die Psychen seiner weiblichen Protagonisten als die detaillierte Polizeiarbeit. Dazu gelingen ihm Szenen von starkem Suspense, wie etwa die Pre-Title-Sequenz, die den Überfall auf Psychologin Sigourney Weaver durch den irren Harry Connick, jr. auf der Damentoilette einer Universität schildert. Später erreicht der Film seine stärksten Momente, wenn der unbekannte Killer (William McNamara) ins Apartment von Weaver eindringt und ihre Kleider vertauscht oder abgetrennte Finger ins Bett legt. Weavers Agoraphobie, aufgrund derer sie außerstande ist, die Wohnung zu verlassen, verschärft den klaustrophobischen Effekt dieser Szenen, und Sigourney Weaver zeigt als traumatisierte Psychologin eine ihrer besten Leistungen. Hier ist sie weit entfernt vom kämpferischen "Get Away From Her, Bitch!"-Image der "Alien"-Trilogie. Im aufregenden Finale kann sie zwar ihre Agoraphobie überwinden, aber gerettet werden muss sie schließlich doch von Holly Hunter.

Hunter liefert ebenfalls ein sehenswertes Porträt der sensiblen Ermittlerin, die zu keiner Zeit mit "männlichen" Eigenschaften versehen wird (wie es bei Polizistinnen-Rollen gern gemacht wird, damit auch die männlichen Zuschauer sie ernst nehmen). Ob sie glaubwürdig ist, darüber kann man sich streiten, aber interessant ist sie auf jeden Fall, und man schaut ihr gern zu, weil sie sich immer wieder Kleinigkeiten, Gesten und Blicke einfallen lässt, die überraschen (etwa, wenn sie ganz nebenbei die Zigarette ihres Chefs im Aschenbecher ausdrückt).

An ihrer Seite ermittelt Assistent Dermot Mulroney in einer leider überflüssigen Rolle. Er verabschiedet sich unerwartet aus dem Film, aber er trägt nicht wirklich etwas bei. Ein angedeuteter Flirt mit Weaver führt zu nichts, und der ständige Streit mit seinem Kollegen Will Patton um Hunters Zuneigung ist ebenfalls eine Sackgasse, die nur die Handlung aufhält - weswegen der Film übrigens auch deutlich zu lang geraten ist. Hätte man auf das sinnfreie Dreiecksverhältnis Hunter/Patton/Mulroney verzichtet, wäre der Thriller noch straffer und packender geworden.

So gut die Frauen auch inszeniert sind, so sehr lassen die männlichen Figuren zu wünschen übrig. Als Serienmörder ist der hübsche William McNamara eine ungewöhnliche Besetzung, er bekommt aber zu wenig Filmzeit, um ihn wirklich beurteilen zu können. Interessanterweise sieht man ihn schon mehrfach kurz im Bild (bei Weavers Vortrag zu Beginn und auf dem Polizeirevier im Hintergrund), bevor er offiziell als Charakter eingeführt wird - ein amüsantes Suchspiel fürs zweite Sehen.
Harry Connick jr. spielt seinen blutrünstigen Psychopathen völlig übertrieben und verfällt in schlimme "Bösen"-Klischees (er leckt das Messer ab, bevor er sich auf Weaver stürzt). Ich persönlich habe sowieso nie verstanden, was jemand an Connick findet - immerhin hat er mit seinen langweiligen Auftritten mehrere Staffeln der Sitcom "Will & Grace" ruiniert. Da er in COPYCAT aber nur eine Nebenfigur spielt, nimmt der Film gottseidank keinen Schaden.

Visuell ordnet sich Jon Amiel ganz der Geschichte unter, er nutzt aber viele authentische San Francisco-Locations für Stimmung und Glaubwürdigkeit seines Thrillers. Filmkomponist Christopher Young hat wie üblich einen sehr atmosphärischen und unter die Haut gehenden Score komponiert.

Alles in allem handelt es sich bei COPYKILL nicht um ein filmisches Meisterwerk, aber im Rahmen der Serienkiller-Thriller spielt er in der oberen Liga. Er erreicht nicht die Brillanz eines "Schweigen der Lämmer", aber er ist wesentlich schlüssiger und spannender als ein "Denn zum Küssen sind sie da" (1997). Ich mag ihn sehr, als Weaver- und Hunter-Fan ganz besonders. Kleinere Schwächen sind da leicht zu entschuldigen.

08/10

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