Freitag, 20. August 2010

Blutige Seide (1963)

Im Modehaus von Cameron Mitchell und Eva Bartok geht ein unheimlicher Mörder um, der es auf die wunderschönen Models und jeden, der in den Besitz eines bestimmten Tagebuchs kommt, abgesehen hat. Die Polizei ist machtlos, während der Killer immer neue Opfer findet. Steckt gar einer der Salon-Besitzer selbst hinter den Taten? Spielt das für den Genuss des Films überhaupt eine Rolle?

Nein. Der italienische Regisseur und Kameramann Mario Bava hat mit BLUTIGE SEIDE (Blood and Black Lace / Sei Donne Per L'Assassino) den Urvater des späteren Slasherfilms inszeniert, und ein Meisterstück des Giallo-Kinos.
Seine Wurzeln reichen zurück zu Alfred Hitchcock, Agatha Christie und den deutschen Wallace-Produktionen, die Regeln sind klar definiert. Eine Gruppe hübscher Menschen wird durch einen maskierten Mörder hingerichtet. Seine Motive spielen eine untergeordnete Rolle, auch die Polizeiarbeit ist nicht weiter wichtig. Entscheidend für den Giallo und den Slasher sind die Mordsequenzen, in denen sich der künstlerisch ambitionierte Regisseur austoben kann.

So präsentiert BLUTIGE SEIDE einen originellen Todesfall nach dem anderen. Die Models werden ertränkt, verbrannt, mit einer Stahlklaue aufgespießt (Vorzeichen von Freddy Krueger...) und atemlos durch Irrgärten des Schreckens gehetzt. Mario Bava inszeniert das alles mit purer Lust an visuellem Bombast. Schon der Filmvorspann, der die Darsteller als lebende Schaufensterpuppen in düster-knalligen Dekors zeigt, ist ein Augenschmaus für sich. Als erste Handlungseinstellung sehen wir dann ein im nächtlichen Gewittersturm hin- und herschwingendes Messingschild des Modehauses, das mit Wucht hinweggefegt wird und den Blick freigibt auf einen knallbunten Springbrunnen und die hell erleuchteten Räume im Inneren des Gebäudes - meine persönlich liebste Anfangseinstellung aller Zeiten.

Bavas Farben explodieren auf der Leinwand, und seine Kamera ist stets auf der Suche nach neuen Sensationen. Während einer Modenschau sehen wir nichts von Laufsteg und Zuschauern, die Kamera bleibt stets hinter den Kulissen und filmt die Models beim Umziehen in einem langen Tracking Shot vorbei an den Umkleidekabinen. Als das Wort "Tagebuch" ausgesprochen wird, erhält jeder der Darsteller eine spontane Großaufnahme voll mysteriöser Bedeutung - alle sind verdächtig im Sinne des Plots, alle haben etwas zu verbergen, und sie alle sind nur Marionetten in den Händen des großen Spielleiters, der sie von einer wundervollen Dekoration in die nächste jagt.
Sein Killer hat kein Gesicht (er -oder sie - trägt eine Art Strumpfmaske, die sämtliche Details verbirgt), seine Identität wird im Finale gelüftet, nur um gleich darauf einen weiteren doppelten Boden zu präsentieren. Am Ende sind alle tot, aber der Film lebt weiter, und wie!

BLUTIGE SEIDE gehört zu den Sternstunden des Thriller-Kinos. Kritiker warfen ihm seinerzeit einen Hang zu Grausamkeit und Sadismus vor, was man verstehen kann, da er lediglich eine Mordszene an die nächste reiht und diese förmlich zelebriert. Aus heutiger Sicht sind die Morde relativ zahm, aber für das Publikum war dieser Tanz des Todes seinerzeit etwas völlig Neues. In Italien war der Film ein Riesenhit, und noch Jahrzehnte später bedienten sich Filmemacher aus aller Welt der Filmsprache, der Bilder und der von Bava aufgestellten Regeln des Terrorkinos. Ist es nicht eine grausame Ironie des Schicksals, dass Bava selbst nie die Anerkennung gefunden hat, die ihm gebührte, wärend sich weit weniger begabte Regisseure mit seinen Federn schmückten?

BLUTIGE SEIDE ist ein Festmahl für jeden Cineasten, ein Film, der visuell so einzigartig und brillant gestaltet ist, dass er im Grunde vollständig auf Dialoge verzichten könnte. Bavas Bilder allein weisen dem Publikum den Weg durch dieses Labyrinth aus Schatten, Farben, edlen Stoffen, schönen Körpern und der allgegenwärtigen Gewalt, der jeder zum Opfer fallen kann.

10/10


Italienisches Plakatmotiv

Der Mörder ohne Gesicht

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