Mittwoch, 11. August 2010

Apartment Zero (1988)

Diese originelle Mischung aus Thriller, Psychostudie und Drama von Martin Donovan war ein großer Flop an den Kinokassen und ist bis heute fast unbekannt, dabei gehört der Film zu den besten Genre-Beiträgen der 80er und besticht durch erstklassige Darsteller, detaillierte Charaktere und starke Atmosphäre.

Der junge Colin Firth spielt in APARTMENT ZERO (Apartment Zero) den Engländer Adrian, der in Buenos Aires ein Mietshaus besitzt und selbst in der obersten Etage, dem Apartment Zero, wohnt. Adrian ist ein Einzelgänger, kümmert sich um seine geisteskranke Mutter, die in einem Heim lebt, hasst seine neugierigen und skurrilen Nachbarn und betreibt ein Arthouse-Kino, in dem vor leeren Sälen nur Klassiker gespielt werden, die er selbst liebt (allein diese Aufzählung sollte schon zeigen, wie reichhaltig die Figuren charakterisiert werden). Seine Wohnung ist bestückt mit Bildern von Filmstars aus dem alten Hollywood.
Nun sucht Adrian einen Mitbewohner, doch alle Kandidaten sind ein einziger Alptraum - bis der Amerikaner Jack Carney (Hart Bochner) auftaucht, der neben dem Foto von James Dean die Erfüllung aller Träume von Adrian darstellt. Er lässt Jack bei sich einziehen, sie freunden sich an, spielen Ratespiele über Filme, Adrian ist fasziniert von Jacks männlicher und erotischer Ausstrahlung. Doch dann kommen ihm Zweifel - könnte Jack vielleicht ein gesuchter Serienkiller sein, der in Buneos Aires sein Unwesen treibt? Adrian beginnt, Jack nachzuspionieren...

Wer sich APARTMENT ZERO anschaut, sollte keinesfalls einen Standard-Thriller von der Stange wie "Weiblich, ledig, jung sucht..." (1991) erwarten, der einen ähnlichen Plot aufweist. Martin Donovans Film lebt von der Unvorhersehbarkeit. Stellenweise gerät er auch in den Bereich der schwarzen Komödie, was vor allem an der Zeichnung und Darstellung der Nachbarn im Haus Adrians liegt. Diese skurrile Gruppe erinnert sehr an Filme Almodovars oder den spanischen "Allein unter Nachbarn" (2000). Unter ihnen befinden sich zwei schräge alte englische Ladys, ein Transvestit, ein junger Schwuler und eine einsame junge Frau. Sie alle stehen nach Hart Bochners Einzug sofort unter seinem Bann, ebenso wie Colin Firth.

Bochner spielt seinen Jack als wandelndes Pin-Up, das alle Bewohner um den Finger wickelt, dem sich alle anvertrauen, der allen Selbstvertrauen schenkt, und der mit den meisten von ihnen ins Bett steigt. Er ist in seiner Sexualität vollkommen sicher und weiß um seine Wirkung. In meiner persönlichen Lieblingsszene rettet er die Katze einer Nachbarin, die sich im Treppenhaus verirrt hat. Während er auf eine Leiter steigt, um sich die Katze zu schnappen, konzentriert sich die Kamera auf seine und die Augen der Katze, und wie es scheint, kann sogar das Haustier seiner Anziehungskraft nicht widerstehen, diese Sequenz ist ebenso komisch wie sexy und funktioniert auch auf symbolischer Ebene (Bochners Identität bleibt ein unergründbares Mysterium, wie das Wesen der Katze).

Colin Firth hingegen ist so neurotisch angelegt, dass er auch bei strahlendem Sonnenschein stets mit Schirm das Haus verlässt. Jede menschliche Zuwendung ist ihm zuwider. Er liebt Bochner, wagt aber nicht, sich ihm physisch zu nähern. Alles Sexuelle ist ihm fremd, er träumt von "sauberen" Liebesbeziehungen wie in seinen Hollywood-Klassikern, in denen Lust und Sex nicht stattfinden. Er kümmert sich um Bochner wie er sich um seine verwirrte Mutter kümmert - er macht seine Wäsche, tröstet ihn nach einem Alptraum, trägt ihm den Aktenkoffer hinterher. Durch seine Nachforschungen muss sich Firth in jeder Beziehung der Realität stellen, nicht nur, was die Wahrheit über Bochners Charakter angeht.

Zwischen Firth und Bochner besteht eine wunderbare Chemie, ihre Szenen knistern vor Spannung in jeder Hinsicht. Buenos Aires ist ein ungewöhnlicher und extrem sehenswerter Schauplatz für diesen Thriller (Heimatstadt von Regisseur Donovan, der dort als Carlos Enrique Varela y Peralta Ramos zur Welt kam), und der sommerliche Trubel der Stadt mit ihren Menschenmassen, Touristen und dem Straßenlärm bildet einen hervorragenden Kontrast zu dem düsteren Apartment Zero, in dem sich das Drama hauptsächlich abspielt. Tatsächlich spielt Colin Firth seinen introvertierten Einzelgänger so brillant, dass er in allen Szenen außerhalb des Apartments wie ein Fremdkörper zwischen den Nebenfiguren (und besonders auf der Straße) wirkt.

Das Ende, das hier nicht verraten werden soll, wartet mit einer unerwarteten, aber völlig logischen Wandlung von Firths Charakter auf und liefert eine unvergesslich makabere Pointe, in der Martin Donvan seinem Vorbild Hitchcock Tribut zollt.
Martin Donovan inszeniert seinen Film mit aller Leidenschaft eines Autorenfilmers, das Drehbuch schrieb er zusammen mit David Koepp, der später die Vorlagen für erfolgreiche Blockbuster ("Mission: Impossible", "Spider-Man") verfasste und als Regisseur eher persönliche Filme ("The Trigger Effect") inszenierte. Erwähnt werden muss noch die fantastische Filmmusik von Elia Cmiral, die passend zum Schauplatz originelle lateinamerikanische Elemente verwendet. Was Thriller im Arthouse-Gewand angeht, werden sie nicht besser als APARTMENT ZERO, dieses absolute Juwel unter den Filmen der späten 80er.

Hierzulande ist der Film leider nicht auf DVD erhältlich, Filmfans sollten sich zumindest die VHS besorgen. In den USA ist eine hervorragende DVD erschienen, die einen 'Director's Cut' sowie den Audiokommentar von Donovan und Koepp bietet.
Sehr, sehr, sehr empfohlen!

08/10

Der Filmfanatiker in seinem Element

Kommentare:

  1. danke für die super schöne Rezension. na, den muss ich ja unbedingt schnell wieder gucken! weiß ja das Ende gar nicht mehr...

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