Mittwoch, 7. Juli 2010

Vier Fliegen auf grauem Samt (1971)

Dario Argentos Abschluss seiner "Tier-Trilogie" war aufgrund eines Rechtsstreits mit dem US-Verleiher Paramount jahrzehntelang schwer zu bekommen und kaum zu sehen. Französische und belgische VHS-Kopien von schlimmer Qualität wurden unter Fans ausgetauscht, der Ruf des Films stieg enorm. Mittlerweile gibt es ihn offiziell für jedermann, aber kann er seinem Ruf gerecht werden?

VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (Four Flies on Grey Velvet) bietet zwar sehenswerte Sequenzen und viele visuelle Einfälle, doch Argentos unzusammenhängende Erzähltechnik und ein schwacher Hauptdarsteller hinterlassen den Eindruck eines Psycho-Thrillers, der so viel besser hätte werden können.

Die Story ist gut: Der junge Schlagzeuger Robert (Michael Brandon) wird von einem mysteriösen Mann verfolgt. Als er diesen in einem verlassenen Theater stellen will, kommt es zu einem Handgemenge, und der Verfolger stirbt in Roberts Armen. Ein weiterer Unbekannter fotografiert die Szenerie und erpresst Robert, der sich bald nicht mehr zu helfen weiß und immer mehr an den Rand des Wahnsinns getrieben wird...

Da kann nicht einmal Gott helfen.
"Gott" ist Roberts bester Freund und wird von Bud Spencer gespielt (eigentlich "Gottfried", aber kurz "Gott" genannt), eine von den typisch skurrilen Nebenfiguren, die Argentos Filme bevölkern. Dazu gesellen sich noch ein schwuler Privatdetektiv, der (ausgerechnet) auf einer öffentlichen Toilette per Injektion sein Leben aushaucht, und eine erpresserische Haushälterin, die in einem nächtlichen Park ermordet wird. Diese Sequenz gehört zu den Höhepunkten und erinnert nicht von ungefähr an Hitchcocks "Die Vögel". Sie beginnt am hellichten Tag, der Park ist ein freundlicher Ort mit spielenden Kindern und Liebespaaren. Während die Haushälterin aber auf den Mörder wartet, bricht die Nacht herein und verwandelt das sonnige Idyll in einen Ort der Schatten und des Schreckens.

Auch die Eingangssequenz ist hervorragend gelungen. Brandons Begegnung mit seinem Verfolger in dem verlassenen Theater, fotografiert von einem Mann im Hintergrund mit grotesker, grinsender Kindermaske, ist starkes Kino. Die Handlung wird mehrfach durch Alpträume und Visionen einer öffentlichen Enthauptung unterbrochen, ein Verweis auf das spektakuläre Finale.
Leider kann Argento die düstere Spannung nicht durchgängig halten, und Hauptdarsteller Michael Brandon ist zwar hübsch, aber vollkommen uncharismatisch. Dass sein alltägliches Leben langsam zur Hölle mutiert und er eine extreme Form von Paranoia entwickelt (er verprügelt einen harmlosen Postboten), sollte berühren und mitreißen, aber es lässt kalt, weil er durch seine Rolle schlafwandelt. Keine Figur ist annähernd sympathisch (am ehesten noch der Privatdetektiv, der aber die Bezeichnung "nächstes Opfer" vom ersten Auftritt an groß auf der Stirn trägt), und die Schlusserklärung des Täters viel zu lang und ebenso schwach gespielt.
Die Musik von Ennio Morricone ist hier weniger gelungen als in den Vorgängern. Er und Argento überwarfen sich bei VIER FLIEGEN und arbeiteten erst 20 Jahre später wieder beim "Stendhal Syndrome" zusammen.

Die Grundidee des Titels basiert auf dem populären Mythos, dass ein Sterbender das letzte Bild, das er vor dem Tod sieht, im Auge speichert, so dass man es später abrufen kann. Dieses Verfahren wird an einem der Mordopfer praktiziert, und man sieht - genau, vier Fliegen auf grauem Samt, eine Spur, die zunächst ins Nirgendwo führt.
Obwohl Argento viele Regie-Einfälle auffährt (wie einen sehr experimentellen Schnitt), kann VIER FLIEGEN letztlich nur hin und wieder überzeugen.

Nach einem kurzen Ausflug ins Kostümfach (Le Cinque Giornate, 1973) kehrte Argento mit "Profondo Rosso/Deep Red" 1975 spektakulär zum Giallo zurück und schuf einen Meilenstein des Genres. Es begann die Hochphase seines künstlerischen Schaffens mit mehreren Meisterwerken in Folge. Aber dazu später.

06/10

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