Dienstag, 27. Juli 2010

Videodrome (1983)

Long Live The New Flesh!

Max Renn (James Woods) ist Mitinhaber eines kleinen Kabelsenders, der hauptsächlich Schund zeigt, um im Geschäft zu bleiben. Als ihm ein völlig neuartiges Programm namens "Videodrome" angeboten wird, welches reale Gewalt und Folter zu Unterhaltungszwecken bietet, ist er fasziniert und will mehr wissen. Je länger er aber "Videodrome" zusieht, desto mehr verändert sich seine eigene Realität. Er entwickelt Halluzinationen und wähnt sich bald als Opfer einer Verschwörung, welche per Video-Signal die Weltherrschaft übernehmen will, und für die er zum programmierbaren Attentäter wird...

Mit VIDEODROME (Videodrome) erreichte der kanadische Regisseur David Cronenberg einen Höhepunkt seiner Karriere und schuf ein verstörendes, visionäres Werk voller beängstigender Ideen und absurder Schreckensfantasien, mit dem aber niemand so recht etwas anfangen konnte. Erstmals von einem großen Studio (Universal) produziert, bedeutet VIDEODROME eine so radikale Abkehr von klassischen Erzählstrukturen, dass er weder richtig vermarktet werden konnte (der völlig irreführende Trailer spricht Bände) noch auf große Zuschauer-Resonanz stieß.
Beim ersten Sehen fällt es schwer, VIDEODROMEs Brillanz gänzlich zu erfassen, er profitiert ungemein von wiederholtem Sehen, ähnlich wie das "Videodrome"-Signal im Film selbst, das beim Zuschauer allerdings Gehirntumore und Visionen auslöst - oder auch nicht...

VIDEODROME wird konsequent aus der Sicht von James Woods' Charakter Max Renn erzählt. Das geht soweit, dass sich große Teile des Films (möglicherweise alles ab seiner ersten Vision) in seinem Kopf abspielen und man als Zuschauer nicht weiß, was überhaupt noch real ist. Da der Film sich weigert, jemals wieder diese Subjektive zu verlassen und die Handlung nie in die Realität zurückkehrt, wird der Zuschauer komplett in seinen Sehgewohnheiten erschüttert.

Zu Cronenbergs bizarren Fantasien gehören groteske Körperöffnungen (Woods entwickelt eine Vagina auf seinem Bauch, die als Ein- und Ausgang für zu Fleisch gewordene Videokassetten und Waffen dient) und atmende Fernsehgeräte, in deren Bildschirme man eintauchen kann. Ein Schuss aus einer Pistole löst eine Explosion von Krebsgeschwüren aus. Das Fernsehen ist überall, sogar die Obdachlosen in einer Mission werden vor TV-Geräte gesetzt. Es geht ums "Sehen" in allen Formen. Der vermeintliche Produzent von "Videodrome" ist ein Optiker, das Vermächtnis eines Medienprofessors besteht aus einer Unmenge Videokassetten, die er von sich aufgezeichnet hat.

Cronenberg kämpfte lange, um seinen Film ungekürzt in die Kinos zu bringen, zu intensiv sind seine Bilder. Viele Kritiker verstanden VIDEODROME als Kritik am Fernsehen und gewalttätigen Filmen, doch das ist viel zu kurz gegriffen. Viel mehr schildert Cronenberg eine möglicherweise realistische Zukunft, in der die Manipulation durch die Medien eine völlig neue Spezies heranreifen lässt, das "neue Fleisch", wie Cronenberg es nennt. Ursprünglich wollte er im Finale seine drei Hauptdarsteller verschmelzen, zu "neuem Fleisch" mit neuen Geschlechtsorganen, doch diese Idee wurde nicht realisiert.

Die Schauspieler agieren exzellent, allen voran der immer sehenswerte James Woods, der sich mit Haut und Haar in die Rolle wirft. Deborah Harry ("Blondie") liefert eine ebenso faszinierende Darstellung einer S/M-fixierten Radio-Psychologin, die "Videodrome" auf die Spur kommen möchte, um dort mitzumachen ("Ich glaube, ich bin geeignet für "Videodrome") und ein grausiges Schicksal erlebt, zumindest so wie Woods es sich in seinen Fantasien ausmalt. Sonja Smiths als kühle Tochter des Medienpropheten Brian O'Blivion ("Oblivion" für die Blindheit gegenüber der Realität) hinterlässt ebenfalls einen starken Eindruck. Die Atmosphäre des Films ist wie üblich winterlich, die Sets sind heruntergekommen und verranzt, Filmkomponist Howard Shore übertrifft sich selbst mit seinem frostigen Soundtrack, der tief unter die Haut geht.

Mit VIDEODROME beendete der kanadische Regisseur David Cronenberg seine erste Phase visionärer Horrorfilme, die ganz seiner eigenen Fantasie entsprangen. Sein nächster Film sollte die Stephen King-Adaption "Dead Zone" (1983) werden, bei der er erstmals nicht das Drehbuch schrieb, und die einen deutlichen Schritt Richtung Mainstream darstellt. Mit dem folgenden "Die Fliege" (1986) erzielte er seinen größten Publikumshit. VIDEODROME ist und bleibt mein Lieblings-Cronenberg.

Wer den Film ebenso liebt wie ich, sollte sich das Buch "Videodrome - Studies in the Horror Film" von Tim Lucas zulegen, der die Dreharbeiten begleitete und sämtliche Details kennt. Sehr empfohlen!

10/10

Kommentare:

  1. Nach "Dead Ringers" und "Die Brut" mein Cronenberg Fav Nr. 3....

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  2. Da unterscheiden wir uns mal wieder nur in der Reihenfolge, aber die drei sind für mich auch die besten, dicht gefolgt von der "Fliege". LG!

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