Freitag, 30. Juli 2010

Terror in der Oper (1987)

Nachdem Dario Argento der Traum mehrfach verwehrt wurde, eine Oper inszenieren zu dürfen, verwirklichte er diesen Wunsch kurzerhand in seinem Horrorfilm TERROR IN DER OPER (Opera), der sein letzter großer Film und eine Art Best-Of seines bisherigen Oeuvres werden sollte.


In TERROR IN DER OPER verbindet Argento Elemente aus Gaston Leroux' "Phantom der Oper"-Erzählung mit dem italienischen Giallo.
Die junge Opernsängerin Cristina Marsillach erhält ihre große Chance, als eine Diva unter einen Wagen gerät und den Hauptpart in der "Macbeth"-Inszenierung nicht singen kann. Doch mit dem Erfolg der Premiere kommt für Cristina auch das Unheil - noch in derselben Nacht wird ihr Freund (William McNamara) vor ihren Augen bestialisch ermordet. Um sie zum Zuschauen zu zwingen, befestigt der Killer mit Tesafilm Nadeln unter ihren Augen - ein Bild, das tief ins Unterbewusstsein dringt und als festes Markenzeichen für den Film steht (so wie für den Zuschauer, der dazu neigt, in den heftigeren Szenen wegzuschauen, was Argento immer gehasst hat). Cristina wird von dem Killer weiter verfolgt, der offenbar eine sadomasochistische Beziehung zu ihrer Mutter hatte und nun in ihr ähnliche Anlagen vermutet...

In erster Linie ist OPERA ein Fest fürs Auge, und was für eins!
Die entfesselte Kamera von Ronnie Taylor fährt, schwebt, kreist und gleitet, als gäbe es kein Morgen, sie steht einfach nie still. Schon zu Beginn sehen wir den Unfall der Diva nicht aus einer neutralen Perspektive, sondern zunächst durch die Augen eines Raben (die im Film und der "Macbeth"-Inszenierung im Film eine entscheidende Rolle spielen), dann aus einer Art Subjektive der Diva. Tatsächlich war zunächst Vanessa Redgrave für die Rolle der Diva engagiert, stieg aber nach Differenzen (angeblich wollte sie mehr Geld) ebenso divenhaft aus. Anstatt sie zu ersetzen, erfand Argento mit seinem Kameramann Taylor diese visuelle Lösung.

Differenzen gab es auch mit seinem primadonnenhaften Star Cristina Marsillach, mit der Argento offenbar nicht zurechtkam, die aber nichtsdestotrotz eine klasse Leistung zeigt.
Als sadistischer Regisseur (und Argentos Alter Ego - eine wütende Kostümbildnerin sagt zu ihm: "Das ist Verdi, und keiner von Ihren lausigen Horrorfilmen!") hinterlässt der Brite Ian Charleson einen ebenfalls starken Eindruck. OPERA war sein letzter Film, bevor er 1990 an den Folgen seiner HIV-Erkrankung stark.
Daria Nicolodi absolvierte in OPERA ihren (bis vor kurzem) letzten Auftritt und war gar nicht begeistert über ihren Abgang, der zu den spektakulärsten Todesszenen in Argentos Schaffens zählt (sie wird durch einen Türspion hindurch erschossen, durch den sie gerade schaut - aua!).

Mit seinen Heavy Metal-Klängen hält sich Argento etwas zurück, setzt sie zumindest effektiver ein als in "Phenomena". Der Gegensatz von klassischer Oper und hartem Rock stellt natürlich einen Reiz dar, dem er nicht widerstehen konnte. So hören wir neben einigen Passagen aus Verdis "Macbeth" auch Arien aus "Madame Butterfly". Claudio Simonettis Synthesizer-Klänge sind dagegen hervorragend und sorgen für spannende Untermalung, wenn sowohl Oper als auch Metal schweigen.

Die Dialoge sind überraschend gut und sogar doppelbödig. Den ermittelnden Inspektor (Urbano Barberini), fragt Ian Charleson, ob es nicht unsinnig sei, "Filme als Leitfaden für die Realität zu nehmen". Damit gibt Argento einen direkten Kommentar zur konservativen Kritik an seiner Person und dem Genre ab. Wer sich intensiv mit Argento beschäftigt, wird schnell feststellen, dass hinter seinen oft grausigen Bildern ein doch äußerst sensibles Gemüt steckt, das Kritik und Angriffe stets in seinen Filmen aufgreift, um sie zu verarbeiten. Ein starker Panzer sieht anders aus.

Enttäuschend an OPERA ist lediglich das Finale, das plötzlich wieder in den Schweizer Bergen spielt - wie zuvor "Phenomena". Die letzte Einstellung, die vielfach kritisiert wurde, ist in meinen Augen allerdings ganz wunderbar gelungen. Nachdem der Killer von der Polizei abgeführt wurde (ein Novum bei Argeno, dessen Killer stets einen spektakulären Tod sterben), wirft sich Cristina Marsillach ins Gras, umarmt die Blumen, hilft einer kleinen Echse, und im Voice Over bejubelt sie die Wunder der Natur und sieht sich selbst als Teil von ihr.
Diese Szene wurde vielfach missverstanden (bzw. gar nicht verstanden, die deutsche Fassung etwa bricht einfach vorher ab, und auch der US-Verleih Orion verlangte die Entfernung), doch in Argentos Universum ist sie keine Seltenheit. Schon "Phenomena" endete mit der bildlichen Verbindung von Mensch und Tier (Jennifer Connelly und Schimpanse). Ihren Frieden finden seine Charaktere nicht mehr in einer zivilisierten, aber durch und durch kranken Welt, sondern im Rückzug zur Ursprünglichkeit, in der Serienkiller und Sadisten nicht existieren.
Hier offenbart sich eine Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Einsamkeit, die man dem Regisseur nach allem Ärger mit Zensoren, Darstellern und Kritikern nicht übel nehmen kann.

Die typische Argento-Unlogik darf aber auch nicht fehlen. So braucht die Polizei Wochen, um herauszufinden, dass es sich bei einer angeblichen Leiche im brennenden Opernhaus nicht um einen Menschen, sondern eine Puppe handelt. (?)

OPERA zog einen Schlussstrich. Die nachfolgenden Argento-Werke waren entweder zu unausgewogen ("Two Evil Eyes"), zu amerikanisch ("Trauma") oder schlicht zu langweilig ("Phantom of the Opera"). Auch der sehr ungewöhnliche und persönliche "Stendhal Syndrome" (1996) konnte trotz seiner Qualität niemanden recht begeistern.
Mit dem modernen Giallo "Sleepless" (2001) gelang Argento ein kurzzeitiges Comeback, doch die Fans warten nach wie vor geduldig und mit der bekannten Hoffnung, die zuletzt stirbt, auf nur einen weiteren "Suspiria", "Inferno" oder "Deep Red" - der wahrscheinlich nie kommen wird.

09/10

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