Freitag, 30. Juli 2010

Tenebre - Der kalte Hauch des Todes (1982)

TENEBRE - DER KALTE HAUCH DES TODES (Tenebrae) bedeutete für Dario Argento eine radikale Abkehr von den barocken, übernatürlichen Stoffen "Suspiria" und "Inferno" sowie seine Rückkehr zum Giallo.
Anders als die farbgetränkten Vorgänger ist TENEBRE ein sämtlicher Farbe (außer dem Rot von Blut) beraubter Film voller Licht, er spielt in einem hypermodernen, beinahe futuristischen Rom ohne jede Postkartenansicht, in vorwiegend hellen Räumen. Sogar die Kostüme sind fast durchweg weiß gehalten. Doch hinter der sommerlichen Großstadt-Atmosphäre warten die üblichen derangierten Geister und blutrünstigen Szenarien.

In TENEBRE verarbeitete Argento quälende Erfahrungen mit einem Stalker, der ihm Todesdrohungen schickte. Hier verkörpert Anthony Franciosa den amerikanischen Schriftsteller Peter Neal, der zu Promotions-Zwecken nach Rom reist, wo ein unheimlicher Killer (natürlich wieder mit schwarzen Handschuhen) Frauen in genau der Weise tötet, wie Neal sie in seinen Büchern vorgibt. In typischer Giallo-Manier ermittelt er selbst und kommt dem Täter auf die Spur, doch als dieser unerwartet mit einer Axt im Kopf endet, weiß bald niemand mehr, wer hinter den Morden steckt...

TENEBRE wurde in Deutschland mit der hübschen Werbezeile "Ein Film wie ein Axthieb" beworben, und zum ersten Mal trifft das voll zu. Argentos Giallo trifft den Zuschauer unvorbereitet und heftig. Das Blut spritzt höher und weiter als in jedem anderen seiner Werke, weswegen der Film auch bis heute hierzulande auf dem Index steht, sogar in der gekürzten Version.
TENEBRE ist auch ein wütender Film, in dem es keine einzige funktionierende Beziehung gibt, er spielt in einer Welt aus Lügen und Betrug, in der niemand dem anderen vertrauen kann, insbesondere nicht den Menschen, denen man am nächsten steht. Sex wird stets mit Tod und Geisteskrankheit in Bezug gesetzt. Kunst und Kunstobjekten kommt eine entscheidende Bedeutung zu (der Killer wird durch einen Kunstgegenstand getötet), und Argento thematisiert die ihm immer wieder vorgeworfene Frauenfeindlichkeit, die hier direkt in Form einer neugierigen Journalistin (die ironischerweise nicht besonders positiv gezeichnet ist und einen grausigen Tod stirbt) angesprochen wird.

TENEBRE ist auch ein Film der Fetische. Der Killer hat schmerzhafte Visionen, die sich als Rückblenden in eine traumatische Jugend entpuppen, und in denen er am Strand von mehreren jungen Männern und einer mysteriösen Frau (dargestellt von der transsexuellen Eva Robins, deren leicht schräge Erscheinung einen wirkungsvollen Effekt erzeugt) verfolgt wird, die ihn mit ihren knallroten High Heels malträtiert. Wessen Erinnerungen dies sind, stellt die größte inhaltliche Überraschung des Films dar, doch bis dahin müssen beinahe sämtliche Darsteller ihr Leben lassen, und das auf spektakuläre Weise. In den Mordszenen legt Argento eine atemberaubende Originalität an den Tag, sie sind ebenso heftig wie eindringlich - die Einstellung, in der eines der Opfer durch das Loch in ihrem zerfetzten und blutbesudelten (weißen) Pullover dem Mörder direkt ins Auge sieht, ist ein Markenzeichen des Giallos geworden.

Die Fans zeigten sich enttäuscht, dass Argento die "Drei Mütter"-Trilogie nicht beendete und die farbenfrohen Wunderwelten so radikal verließ. TENEBRE brauchte etwas, um als das gewürdigt zu werden, was er ist - einer der besten Giallos, ein fantastischer Psycho-Thriller voller Ideen und Überraschungen, von formaler Brillanz und grausamer Wucht.

10/10

Auge in Auge mit dem Killer

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