Donnerstag, 29. Juli 2010

Suspiria (1977)

Vorhang auf für eine wahnsinnige Reise in die Tanzakademie nach Freiburg, dem Hort von Hexen und Hexenbeschwörern, dem Zuhause einer der "Drei Mütter", die die Welt mit Schrecken regieren. Wo Blindenhunde zu reißenden Bestien werden, Lilien an der Wand den Eingang zu einem Labyrinth hinter den Mauern freigeben und eine unschuldige Heldin (Jessica Harper) gegen die Oberhexe "Mater Suspiriorum" (Mutter der Seufzer) antritt, um sie zurück in die Hölle zu schicken...

Dario Argentos SUSPIRIA (Suspiria) gehört zu den wuchtigsten und künstlerisch beeindruckendsten Horrorfilmen aller Zeiten. Einen schlüssigen Plot sollte man gar nicht erst suchen, man wird ihn nicht finden. SUSPIRIAS Handlung ist eine Mischung aus Folklore, Märchenmotiven und Sämtliche Primärfarben explodieren auf Argentos Palette, und der ohrenbetäubende Soundtrack der Band "Goblin", in dem das gezischte Wort "Witch" immer wieder für akustische Gänsehaut sorgt, brennt sich tief ins Unterbewusstsein. Argentos farbgetränkte Bilder in der Tanzakademie erschaffen eine so geschlossene, irreale Welt, dass die wenigen "realistischen" Szenen außerhalb (ein Treffen von Jessica Harper mit Udo Kier am BMW-Gebäude) absolut befremdlich wirken.
Argento nimmt uns bei der Hand und führt uns durch ein Reich der Schatten, Farben und Musik, die sich zu einem einzigartigen Erlebnis verbinden, das mit einer bizarren Geisterbahnfahrt noch am ehesten zu vergleichen ist. SUSPIRIA ist ein Film, der gleichzeitig Spaß macht und sein Publikum heftig bei der Kehle packt und durchschüttelt, von den ersten Sequenzen an, in denen Harper während eines Gewittersturms in Deutschland eintrifft und ein grausiger Doppelmord stattfindet.

Befreit von allen Konventionen der klassischen Filmerzählung stattet Argento sein Pop-Art-Werk mit Ideen aus, die nur seinen Alpträumen entsprungen sein können. Harpers Zimmergenossin (Stefania Casini) wird durch die nächtlichen Räume der Schule gejagt und landet in einem Raum voller Draht, aus dem sie sich nicht befreien kann (in der Filmgeschichte gibt es keine zweite Szene, die das Traumgefühl des panischen Nicht-Vorankommens besser verdeutlicht und sinnlich erfahrbar macht). Während sich die Mädchen der Ballettschule für die Nacht zurechtmachen, regnet es plötzlich Maden von der Decke. Als sie darauf sämtlich in der Sporthalle übernachten, verwandelt sich der Raum mit den drapierten Bettlaken durch Argentos Lichtgebung in eine surreale Schreckenskammer, mit der schnarchenden Oberhexe gleich hinter dem nächsten Vorhang. Kunstgegenstände, Ornamente und Tieraufnahmen erzielen eine durchweg bedrohliche Wirkung.
SUSPIRIA stößt uns direkt zurück in die Kindheit, nicht zuletzt durch die Verwendung von Versatzstücken aus Märchen und Kinderbüchern, wie dem nächtlichen Zählen von fremden Schritten, welche zu einem Geheimgang führen, oder die geflüsterte Beratschlagung der beiden Freundinnen Harper und Casini, wie sie dem Geheimnis der Schule auf die Spur kommen, während besagte Schritte und unheimliche Seufzer zu hören sind. "Gretel und Gretel" im Hexenhaus, sozusagen.

Bei so viel visuellem und akustischem Bombast könnten die Schauspieler leicht untergehen, aber die hervorragende Jessica Harper ("Phantom im Paradies", 1974) ist eine fabelhafte, starke und sympathische Heldin. Sie ist die mit Abstand beste Frauenfigur in Argentos Werk, ein unbedarftes Mädel, das in den Schlund der Hölle geworfen und wieder ausgespuckt wird. Neben ihr spielen Alida Valli ("Der dritte Mann") und Hollywood-Legende Joan Bennett ("Scarlet Street", 1945) mit grandioser Präsenz die Leiterinnen der Tanzschule und Hexen-Anbeter.

SUSPIRIA war ein weltweiter Riesenhit und katapultierte Argento zu internationalem Ruhm. In den USA wurde er durch den Film erstmals bekannt. Seine Geschichte über die "Drei Mütter", von denen die erste hier erledigt wird, sollte er in seinem folgenden "Inferno" (1980) weiter erzählen, auch wenn es sich um keine direkte Fortsetzung handelt (auf visueller Ebene schon). Jahrzehntelang haben die Fans auf einen Abschluss der "Mütter"-Trilogie gewartet, doch sein offizieller Beitrag "Mother of Tears" (2009) konnte die Erwartungen leider auf keiner Ebene erfüllen. Momentan wird an einem Hollywood-Remake gearbeitet, jedes weitere Wort dazu ist überflüssig.

Für Horror-Fans führt kein Weg an SUSPIRIA vorbei. Inspiriert von den barocken Farbspielen Mario Bavas und den Erzählungen der Gebrüder Grimm ist dies ein einzigartiger, unvergleichlicher und alle Sinne berauschender Film.

10/10


In den Labyrinthen der Tanzakademie

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