Donnerstag, 22. Juli 2010

Star 80 (1983)

Am 14. August 1980 ermordete der psychisch labile Paul Snider seine Ehefrau, das Playboy-Playmate Dorothy Stratten, und nahm sich anschließend selbst das Leben.
Der legendäre Regisseur und Choreograph Bob Fosse ("Cabaret") verfilmte die Geschichte als Doku-Drama unter dem Titel STAR 80 (Star 80). Es sollte sein letzter Film sein, Fosse verstarb 1987.

Der Film zeichnet die Ereignisse nach, die zu der Tragödie führten. Snider (Eric Roberts), der Wet-T-Shirt Contests und Stripshows organisiert, lernt Dorothy (Mariel Hemingway) als Kellnerin in einem Schnellimbiss kennen, die beiden verlieben sich, er macht Fotos von ihr und erregt schließlich die Aufmerksamkeit von Playboy-Boss Hugh Hefner (Cliff Robertson). Dorothy geht nach L.A. und wird Playmate des Jahres, erhält Filmrollen und beginnt eine Affäre mit ihrem Regisseur Aram Nicholas (Roger Rees). Snider, der nicht mehr über Dorothys Leben bestimmen kann, verliert vor Wut den Verstand und begeht schließlich eine Verzweiflungstat...

Der im Film dargestellte Regisseur Nicholas war in Wirklichkeit Peter Bogdanovich, dessen Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden durfte, die übrigen Charaktere sind authentisch.

Bob Fosse verzichtet in STAR 80 (der Titel bezieht sich auf das protzige Nummernschild von Snider) weitgehend auf formale Spielereien und konzentriert sich ganz auf seine Schauspieler und die 70er-Atmosphäre, die so hervorragend gelingt, dass man den Film für alter hält als er ist. Selbst Kritiker waren sich einig, dass Eric Roberts hier eine absolut atemberaubende und Oscar-würdige Vorstellung zeigt. Roberts spielt den Verlierer und Freizeit-Zuhälter Snider als erbärmlichen, großspurigen, arroganten Wurm, der weder Bildung, Geschmack oder Talent besitzt. Seine Liebe zu Dorothy wird in erster Linie dadurch genährt, dass er über sie zu Ruhm und Anerkennung kommen möchte. Als Dorothys Mutter (Carroll Baker, die selbst seinerzeit durch den "Skandalfilm" "Baby Doll" berühmt wurde) sich weigert, Dorothy nach L.A. gehen zu lassen, setzt er sich über sie hinweg.
Eric Roberts - der 100mal talentierter als seine ungleich erfolgreichere Schwester Julia ist, aber sich meistens mit unsympathischen Nebenrollen begnügen musste - greift nie auf Overacting oder Psychopathen-Klischees zurück. Man fürchtet sich vor seiner aggressiven Ader, aber man versteht auch genau, wie er tickt, so präzise ist Roberts' Porträt.

Das gleiche gilt für Mariel Hemingway, die hier alles gibt - und zeigt. Bereits der Vorspann zeigt sie nackt in nachgestellten Playboy-Fotos, während wir ihr letztes Interview aus dem Off hören. Hemingway beweist außerordentlichen Mut (angeblich hat sie sich für die Rolle die Brüste vergrößern lassen - nimm' das, Robert de Niro!) und zeigt eine berührende Darstellung einer Frau von sehr schlichtem Gemüt (sie erzählt in einem Interview, dass sie jetzt Schauspielunterricht nehme, und auf die Frage eines Journalisten, ob sie dafür die Klassiker studiere, antwortet sie: "Nein, Schauspiel, von Musik verstehe ich nichts."), aber auch von großer Schüchternheit und Verletzlichkeit. Das gelingt ihr (und Bob Fosse), ohne sich jemals über ihre Figur lustig zu machen. Stratten ist hier ein naives, dummes und bemitleidenswertes Mädel, das niemandem etwas Böses wollte und leider an den Falschen geraten ist.

Bob Fosse inszeniert die Geschichte als fiktives Doku-Drama, in welchem sich die gespielten Zeitzeugen in einer nachgestellten Interview-Situation erinnern. Ob man sich für den Film interessiert, hängt letztlich davon ab, wie viel Anteil man an den Charakteren nimmt, die zugegebenermaßen nicht sonderlich sympathisch sind.
Wie immer bei Fosse sind Schnittfrequenz und Musikbegleitung fantastisch. In der ersten Sequenz steht Eric Roberts vor dem Spiegel und spricht zu sich selbst, während er seine Muskeln bewundert. Hier erinnert STAR 80 an Fosses großartigen "All that Jazz" (1979), in dem Roy Scheider sich ebenfalls stets vor dem Spiegel motivierte.

STAR 80 war trotz einiger guter Kritiken ein Misserfolg - vor allem, weil der Film "Death of a Centerfold: The Dorothy Stratten Story" (1981) ihm zuvorkam, der die gleiche Geschichte erzählte (Jamie Lee Curtis spielt darin Dorothy Stratten).
Hierzulande brachte man kaum Interesse für die Geschichte des ermordeten Playboy-Starlets auf, und man muss auch kritisch anmerken, dass Fosses Film außer der Nacherzählung der Ereignisse keine weitere Ebene bedient. Er ist weder Enthüllungsfilm über Hollywood oder die Welt der Hochglanz-Magazine, noch beleuchtet er die Schattenseiten des Ruhms oder Fragen der Moral. Er steht und fällt mit seinen Charakteren und ihrer privaten Tragödie.

Von mir gibt es dennoch ein "extrem sehenswert"!

08/10

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