Freitag, 2. Juli 2010

Schrei, wenn der Tingler kommt (1959)

Seinen wohl lustigsten Gimmick erfand Nonsens-Großmeister William Castle für seinen kultigen Horror-Schocker SCHREI, WENN DER TINGLER KOMMT (The Tingler).
Unter dem reißerischen Namen Percepto ließ er mehrere Kinositze in großen Sälen verdrahten und verteilte an passenden Filmstellen den Zuschauern kleine Stromstöße!
Zwar konnte er mit seinen Filmen qualitativ nie sein großes Vorbild Hitchcock erreichen, aber in Sachen Vermarktung konnte ihm keiner das Wasser reichen.

Vincent Price spielt in THE TINGLER einen Wissenschaftler, der eine unglaubliche Entdeckung macht - die Angst ist ein lebendiges Wesen! Es sieht aus wie eine Mischung aus Hummer und Insekt und setzt sich bei Panikattacken an der Wirbelsäule fest. Dort sorgt es für den Tod des Angsthasen. Diesen "Tingler" kann man nur durch heftiges Kreischen loswerden (man ahnt, worauf es hinausläuft). Nachdem Price den "Tingler" bei einem Experiment isolieren konnte, krabbelt das Panikmonster aber davon und versteckt sich ausgerechnet in einem vollen Kinosaal - was Price dazu bringt, sich direkt an die Kamera zu wenden und das Publikum aufzufordern, zu schreien, was das Zeug hält...

Zusätzlich lässt Castle noch den Film künstlich im Projektor reißen und den "Tingler" als Schatten über die leere Leinwand huschen. Man kann sich vorstellen, was eine solche Szene für Auswirkungen in vollen Sälen haben musste. Das waren noch Zeiten!

Die große Kunst von Vincent Price bestand darin, auch den größten Unfug so überzeugend zu spielen und ernst zu nehmen, dass man ihm praktisch alles abkauft, und das funktioniert auch in THE TINGLER. Man darf über den komischen Gummi-Hummer lachen, man darf auch schmunzeln, wenn Price sich zu experimentellen Zwecken in einen LSD-Rausch versetzt (übrigens der offiziell erste LSD-Rausch der Filmgeschichte), aber man darf sich ebenso gruseln und wird auch ohne Stromschläge bestens unterhalten. Wer mag, kann sich selbst beim Anschauen der DVD an die heimische Steckdose anschließen oder den Fön in die Badewanne werfen.

In der gelungensten Passage des Films versucht Price den "Tingler" sichtbar zu machen, indem er eine taubstumme Kino-Kassiererin (Judith Evelyn) zu Tode ängstigt. Da sie nicht schreien und den "Tingler" dadurch vertreiben kann, ist sie das ideale Forschungsobjekt. Sie arbeitet übrigens in einem Kino, das nur Stummfilme zeigt.
Als die arme Frau in ihrem Badezimmer eine Hand aus der gefüllten Badewanne auf sich zukommen sieht, baut Castle einen weiteren Trick in seinen Schwarzweißfilm ein und zeigt Hand und Wanne unerwartet in knalligem Rot - ein Schock für die Zuschauer und erneute Anlehnung an Hitchcock, der einen ähnlichen Effekt am Ende von "Ich kämpfe um dich" (1945) erzielte, wenn sich Leo G. Carroll erschießt und ein blutroter Blitz auftaucht.

Apropos Hitchcock, Judith Evelyn spielte kurz zuvor beim Meister ebenfalls eine stumme Rolle, nämlich die "Miss Lonelyhearts" im Klassiker "Das Fenster zum Hof" (1954).
Vincent Price hatte zuvor schon in Castles "Haus auf dem Geisterhügel" (1959) die Hauptrolle gespielt und überzeugt voll und ganz als besessener Wissenschaftler, der mit seiner untreuen Ehefrau sarkastisch-zickige Wortgefechte führt, in diesem leicht femininen Ton, den er beherrscht wie kein anderer.

Joe Dante hat 1993 in seiner wundervollen William Castle-Hommage "Matinee" das Percepto-Verfahren als wichtigen Teil der Spielhandlung verwendet. THE TINGLER gehört zu Castles besten und wirkungsvollsten Filmen. Albern, ja, aber schon klasse.

07/10

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