Donnerstag, 8. Juli 2010

Rosso - Die Farbe des Todes (1975)

Eine Hellseherin (Macha Méril) wird nach einer öffentlichen Darbietung brutal mit dem Hackebeil ermordet, weil sie die Anwesenheit eines Mörders unter den Zuschauern spürte. Der Musiker Marc (David Hemmings) beobachtet den Mord, kann den Täter aber nicht identifizieren und forscht selbst nach. Gemeinsam mit einer quirligen Journalistin (Daria Nicolodi) kommt er dem wahnsinnigen Killer auf die Spur, aber bis dahin müssen noch einige Menschen auf grausame Weise ihr Leben lassen...

Mit PROFONDO ROSSO (Deep Red) inszenierte Dario Argento den vielleicht ultimativen Giallo, ein Werk von umwerfender künstlerischer Geschlossenheit, mit sensationellen Mordsequenzen, unglaublichen visuellen Einfällen und einem pulsierenden Score der Rockband Goblin, mit der er hier erstmals zusammenarbeitete, und die gemeinsam eine Verbindung von Bild und Sound erschufen wie sie in der Filmgeschichte nur selten vorkommt (man denkt an Hitchcock/Herrmann oder Truffaut/Delerue).

David Hemmings wiederholt in PROFONDO ROSSO seine Darstellung aus Antonionis "Blow Up" (1966), auf den Argento auch in weiteren Details anspielt (das Kostümbild und die leeren nächtlichen Straßen etwa). Hemmings ist perfekt als alltäglicher Augenzeuge - mutig genug, um einzugreifen, wenn er gebraucht wird, aber voller Angst, tiefer in den Abgrund aus Mord und Irrsinn hinabzusteigen, je näher er der Wahrheit kommt. Wenn der Killer ihn in seinem Apartment aufsucht, während er komponiert, spürt man seine aufkeimende Panik mit jeder Faser.
Die Beziehung zu der schönen Reporterin Gianna (Daria Nicolodi, Argentos damalige Lebensgefährtin, Mutter von Asia Argento, sowie Co-Autorin von "Suspiria", und eine klasse Schauspielerin noch dazu!) ist ein ständiges Katz- und Mausspiel im Hitchcock'schem Sinne, in dessen Verlauf Nicolodi stets die Oberhand behält. Hemmings wird nicht nur durch ihren Wagen (dessen Beifahrersitz Hemmings wie einen Idiot aussehen lässt) ständig denunziert und in seiner Männlichkeit in Frage gestellt. Er ist ein untypischer Held, mit dem man sich leicht identifizieren kann, trotz seiner fast emotionslosen Spielweise.

Die Highlights aufzuzählen, wäre müßig, es sind zu viele.
Argentos Kamera ist ununterbrochen in Bewegung, die Erzählstruktur löst sich in Nichts auf, viele Fragen bleiben unbeantwortet, die Logik fliegt weit aus dem Fenster, und das nicht aus Fahrlässigkeit, sondern mit Absicht. Wo soll Logik in einem Universum existieren, in dem es nur Wahnsinnige gibt? Als Zuschauer weiß man nie, woran man ist, wer als nächstes dran glauben muss, oder wie viele Mörder es eigentlich gibt. Dabei ist die Story von PROFONDO ROSSO weit weniger hanebüchen als in den meisten Gialli. Argento beraubt den Zuschauer durch seine verzwickte Erzähltechnik (die oft als Unvermögen fehlinterpretiert wird) aller Sicherheit, nicht einmal die Unversehrtheit seiner Helden ist gegeben.

Die typischen Giallo-Versatzstücke sind alle da - die schwarzen Handschuhe, die blutigen Morde (nie waren Argentos Morde exaltierter als in PROFONDO ROSSO), die Rückblenden in die traumatische Vergangenheit des Täters, die Fetische, die Sommerhitze, die sexuelle Konfusion, bizarre Kinder-Malereien und seltsame Puppen (an Decken aufgehängt oder mechanisch), groteske Tierbilder und das Rätsel hinter dem Rätsel - wie das Geheimnis hinter einer Zeichnung auf der Wand einer alten Villa, die wiederum hinter Putz begraben ist (die mit Abstand großartigste Sequenz, in der Hemmings wie ein Verrückter die Wand einreißt, um immer mehr schreckliche Geheimnisse aufzudecken). Die Lösung des Rätsels findet sich nicht nur hinter einer Mauer, sondern bezeichnenderweise in einem Spiegel.

Mit PROFONDO ROSSO aber überschreitet Argento mehr als zuvor die Grenze zwischen Thriller und Horror, man kann ihn als Brücke zwischen den in der Realität verankerten Gialli seiner Frühphase und den kommenden, komplett irrealen und übersinnlichen Horror-Meisterwerken "Suspiria" (1977) und "Inferno" (1980) sehen.

Vor allem kann man ihn immer wieder sehen!
Und nebenbei hat der Film dem Autor dieses Blogs seinen Namen gegeben...

Wer sich für den italienischen Giallo interessiert, kommt um PROFONDO ROSSO nicht herum, wird aber danach nur wenig gleichwertige Filme des Genres finden (die meisten von Argento). Es existieren verschiedene Schnittfassungen des Films, man sollte aber unbedingt Argentos ursprünglichen Cut von 125 Minuten Lauflänge wählen, alles andere macht keinen Sinn.
Ich wünsche viel Spaß beim Entdecken!

10/10


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