Freitag, 23. Juli 2010

RoboCop (1987)

Als Paul Verhoevens erste Hollywood-Arbeit ROBOCOP (RoboCop) 1987 herauskam, löste sie in erster Linie eine heftige Diskussion um Gewalt im Kino aus. Der Film wurde hierzulande stark verstümmelt, aber auch in den USA entsprach die Kinoversion nicht Verhoevens ursprünglichem Konzept. Erst später wurde auch sein Director's Cut auf Laserdisc und DVD veröffentlicht.
Die ganze Aufregung um die überzeichneten Brutalitäten konnten seinen enormen Erfolg nicht verhindern (im Gegenteil), überlagerte jedoch die beeindruckenden Qualitäten des Films, der alles andere als ein hirnloses Krachbumm-Spektakel ist.

Kurz zur Handlung: Detroit, nahe Zukunft. Die Kriminalität hat beängstigende Ausmaße angenommen, die überforderte Polizei, die vom Konzern OCP kontrolliert wird, droht mit Streik. Die Präsentation eines vollautomatischen Cops geht mächtig daneben (aufgrund einer Fehlfunktion durchsiebt dieser einen Angestellten mit Maschinengewehrfeuer), aber ein weiteres Modell steht zur Verfügung, es braucht nur ein menschliches Versuchskaninchen. Das findet sich in Cop Murphy (Peter Weller), der bei einem Einsatz erschossen und auf dem OCP-Operationstisch in "RoboCop" verwandelt wird - halb Mensch, halb Maschine, ganz Cop. Er wird schnell zur neuen Wunderwaffe der Polizei, doch dann meldet sich seine Erinnerung...

Paul Verhoeven verbindet in seinem Action-Spektakel ein für das 80er-Kino typisches Szenario (die einsame Kampfmaschine, Waffenfetischismus) mit dem klassischen Frankenstein-Mythos (die Kreatur, die sich gegen ihren Schöpfer wendet). So kann sein Film sowohl auf der Action-Ebene überzeugen als auch emotional packen.
Dazu baut Verhoeven eine Menge satirischer Ideen ein. Die Handlung wird immer immer wieder von TV-Nachrichten und Werbespots unterbrochen, in denen sich Konsumenten ihr eigenes künstliches Herz aussuchen können und Familien sich bei Gesellschaftsspielen ("Nuke'Em") gegenseitig atomar auslöschen.
Diese Zugaben bilden nicht nur einen willkommenen Gegenpol zu der harten und ungeschönten Action, sie werfen durchaus ernsthafte Fragen auf (auf welcher Seite steht eine privatisierte Polizei?). ROBOCOP spart auch nicht mit Medienkritik. TV-Teams sind überall, wo es Schießereien und Leichen in Großaufnahme zu bestaunen gibt, die Nachrichten sind eindeutig auf der Seite der Konzerne. Die Politik hingegen spielt überhaupt keine Rolle mehr, OCP regiert die Stadt, die Menschen und die Medien.

Die Brutalität des Films erreicht ein beinahe unerträgliches Maß, aber sie steht in einem ernsthaften Kontext und ist weit entfernt von der harmlosen Gewalt der Bond-Abenteuer, wo Menschen unblutig schnelle Tode sterben. Verhoevens Gewalt ist schmutzig und abstoßend, realistisch. Verhoeven selbst war von den Zensur-Kürzungen mehr als entsetzt, es war gerade seine Absicht, die Gewalt nicht zu verschönern oder zu ästhetisieren, und die Kürzungen erzielten nach seiner Meinung genau diesen Effekt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die oben beschriebene Szene, in der ein Firmenangestellter durch einen fehlerhaften Roboter (der aussieht wie ein überdimensionaler Elektro-Rasierer) getötet wird. In der gekürzten Version erzielt sie einen Lacher (verstärkt durch den trockenen Ausspruch "Ich bin schwer enttäuscht!" von Konzernchef Daniel O'Herlihy). In der ungeschnittenen Fassung ist sie schwer zu verdauen und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Hier haben wir ein Musterbeispiel dafür, wie angeblicher Jugendschutz ins Gegenteil verkehrt wird - anstatt dem Publikum zu zeigen, wie es tatsächlich aussehen könnte, wenn ein Mensch durchlöchert wird, darf munter gelacht werden, und Schwamm drüber.

Völlig untypisch für das Kino der Reagan-Ära, in dem das Yuppie-Dasein stets bejubelt wurde (bis hin zu Teenie-Komödien wie "Das Geheimnis meines Erfolges", die der amerikanischen Jugend Geld, Macht und Statussymbole als erstrebenswerte Lebensziele verkauften, und in denen Multi-Konzerne den wohligen Familienersatz darstellten) und die Zukunfts-Szenarien dank Spielberg, Lucas & Co. kunterbunte Kindheits-Fantasien realisierten, geht Verhoeven den entgegen gesetzten Weg und zeichnet eine düstere, pessimistische und zynische Welt, in der die Konzerne von machtgierigen, seelenlosen und nur von Profitgier motivierten Charakterschweinen geleitet werden.
Wenn Nancy Allen am Ende schwer verwundet wird, sagt RoboCop nur "Keine Angst, die kriegen das wieder hin - die kriegen alles wieder hin! ("They'll fix everything!"). Der Mensch ist in dieser Welt - wie alles andere - nur ein Produkt, das man zur Not reparieren kann, wenn es kaputt gegangen ist (schlimmstenfalls mit Ersatzteilen), damit es wieder funktionstüchtig wird.

Dargeboten wird das alles von einem erstklassigen Ensemble. Peter Weller schafft es, trotz seines Stahlanzuges, dass wir den Menschen Murphy nie vergessen. An seiner Seite spielt Nancy Allen eine wunderbar ruppige Polizistin und einzige Vertrauensperson für RoboCop. In einer bemerkenswerten Szene hilft sie ihm, das automatische Zielvisier neu auszurichten, indem sie seine Waffe führt, mit der er Gläser mit Babynahrung zerschießt. Verhoeven verzichtet ganz auf Andeutungen einer Liebesgeschichte, sondern erzählt von Freundschaft, Vertrauen und Loyalität, während die Babynahrung erneut einen sarkastischen Kommentar liefert.
Die "bösen" Strippenzieher werden von Kurtwood Smith, Ronny Cox (der im folgenden Verhoeven-Spektakel "Total Recall" wieder den Oberbösen geben durfte) und Miguel Ferrer gespielt.

Paul Verhoeven inszeniert mit Schmackes und ohne jede Länge, die Atmosphäre ist grimmig, die Spezialeffekte sind heute noch überzeugend. Basil Poledouris hat dazu einen klasse Score komponiert.
ROBOCOP gelingt es, sowohl massenkompatibel als auch höchst subversiv zu sein. Für mich ist er Verhoevens bester Film und ein Höhepunkt des 80er-Kinos.

ROBOCOP war so erfolgreich, dass er zwei Kino-Fortsetzungen erlebte, die dem Original aber nicht das Wasser, bzw. Schmieröl, reichen können, außerdem regte er eine Zeichentrickserie, eine Miniserie und eine TV-Serie an.
Seit Jahren wird an einem Remake herumgedoktert, das immer wieder auf Eis gelegt wird. Ich würde stattdessen einfach wieder das Original ins Kino bringen, denn das hat nichts von seiner Wucht verloren und kann auf keinen Fall verbessert werden, schon gar nicht in der vollkommen oberflächlichen Filmlandschaft, wie wir sie heute vorfinden. Subversiv im Jahr 2010? Wohl kaum.

10/10

Kommentare:

  1. Hilfe...schon wieder einen in der Liste vergessen....

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  2. Kann ja mal vorkommen, grins. Der dürfte bei mir aber auch nicht fehlen. Was Actionfilme angeht, ist er unter meinen Top 5.

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