Freitag, 30. Juli 2010

Horror Infernal (1980)

Mit HORROR INFERNAL (Inferno) knüpfte Dario Argento inhaltlich und formal an seinen größten Erfolg "Suspiria" (1977) an.

Obwohl er nicht ganz die Wucht und Geschlossenheit des Vorgängers erreicht, gehört er zu Argentos besten Filmen und ist im engen Rahmen des Genres als grandioses Kunstwerk zu betrachten, das heute noch nicht als solches anerkannt ist.

Die Story ist noch loser erzählt als im Vorgänger. Ein altes Buch, in dem der Architekt Varelli darüber berichtet, wie er für die "Drei Mütter" - Hexen, die die Welt mit Schrecken regieren - Häuser in Freiburg (Schauplatz von "Suspiria"), Rom und New York baute. Als die Schriftstellerin Rose (Irene Miracle), die das Buch zuletzt in den Händen hielt, einen grausigen Tod stirbt, reist ihr Bruder Marc (Leigh McCloskey) nach New York, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch jeder, der mit dem Buch in Berührung kommt, muss sterben...

Das Konzept ist der "Omen"-Trilogie nicht unähnlich, und auch die romantische bis frenetische Musik von Keith Emerson (von "Emerson, Lake & Palmer") spielt auf Jerry Goldsmiths Horror-Choräle an. Kann Emersons Musik auch nicht mit der "Goblin"-Komposition von "Suspiria" mithalten, untermalt sie doch das Geschehen exzellent und stimmungsvoll. Sie wird ebenso unterschätzt wie der ganze Film.

HORROR INFERNAL kommt Argentos Traum vom "Reinen Kino" (dem "Pure Cinema") sehr nah, das auf alle Regeln der Narration verzichtet und Emotionen über Klänge, Dekorationen, Farben, Licht und Sensationen erzeugt. Argento verzichtet sogar auf eine Hauptfigur (Hauptdarsteller McCloskey ist teilweise über mehrere Sequenzen hinweg nicht zu sehen) und inszeniert den Horror-Reigen als Ensemblestück, in welchem jeder Protagonist seine große Szene bekommt.
So steuert der Film von einem Höhepunkt zum nächsten. Wie so oft ist dabei der erste Akt am besten gelungen, der sich ausgiebig mit Irene Miracle beschäftigt. Die Sequenz, in der sie im Keller ihres Apartmenthauses in einen bis zur Decke mit Wasser gefüllten Raum hinabtaucht, dort auf ein paar umherschwimmende Leichen stößt und sich unter Wasser eine Tür zu "Mater Tenebrarum" (der "Mutter der Finsternis") öffnet, kann ohne Zögern als Höhepunkt in Argentos Schaffen bezeichnet werden - interessanterweise wurde sie teilweise von seinem Mentor Mario Bava inszeniert, der wegen Argentos kurzzeitiger Erkrankung einsprang und für viele Effektshots zuständig war. Hier schaffen zwei Meister ihres Fachs eine Glanzleistung.

Die weiteren Höhepunkte: Eleonora Giorgi gerät auf der Suche nach dem Buch in den Keller einer alten Bibliothek, in der sie eine wahre Hexenküche vorfindet, inklusive blubbernder Hexenkessel über offenem Feuer. In ihrem Apartment wartet bereits der Tod, der zu Verdis "Nabucco" kommt. Antiquitätenhändler Sascha Pitoeff wird beim Versuch, Katzen im Central Park zu ertränken, von einer Schar Ratten überfallen, bevor er von einem vermeintlich hilfreichen Passanten per Hackebeil ins Jenseits befördert wird. Argentos Ehefrau Daria Nicolodi wird wiederum auf dem Speicher des Hauses von Katzen getötet, und im feurigen Finale entdeckt der bereits vom Tod gezeichnete McCloskey den Erbauer des Gebäudes und die "Mutter der Finsternis", die hinter der harmlosen Maske einer Krankenschwester steckt.

Dieses grausige Spektakel wird von Argento erneut in expressiven Farben inszeniert, die im Vergleich mit "Suspiria" nur eine Spur zurückhaltender eingesetzt werden. Eine "realistische" Sequenz gibt es im ganzen Film nicht, auch die wenigen Szenen bei Tageslicht machen durch absurde Zutaten einen irrealen Eindruck. Überall finden sich barocke Elemente und Ornamente (bereits in der ersten Einstellung, in der Irene Miracle im Buch der "Drei Mütter" liest und die Seiten mit einem antiken Messer durchtrennt. Selbst ihr Schlüsselbund, das noch eine wichtige Rolle spielt, macht einen obskuren Eindruck) und Geheimnisse. Geheime Stockwerke befinden sich unter Fußböden, seltsame Geräusche und unheimliches Flüstern ist durchweg zu hören (alle Darsteller sprechen im Flüsterton), Treppen führen in geheime Räume und über weitere Treppen in noch mehr finstere Räume. Bedrohliche Tieraufnahmen und assoziative Schnitte verstärken die beklemmende Atmosphäre.

Anders als "Suspiria" ist INFERNO kein kindlicher Film voller schreckenerregender Wunderwelten, sondern strahlt deutlich mehr Strenge (in künstlerischer wie inhaltlicher Hinsicht) und Reife aus, die formalen Mittel sind weniger experimentell als zielgerichtet eingesetzt. Das gilt auch für die Besetzung. War "Suspiria" eine Geschichte über unschuldige junge Ballerinas in den Klauen des Bösen, folgen hier sämtlich erwachsene Charaktere den Spuren der "Drei Mütter".

HORROR INFERNAL war nicht der erwartete Erfolg und erhielt keine guten Besprechungen. In den USA sollte er nach dem Erfolg von "Suspiria" groß von Fox vermarktet werden, dort aber wechselte gerade die Chefetage, und der Film kam für Jahre nicht in die Kinos, worüber Argento bis heute verbittert ist. In Deutschland lief sein Werk unter dem Titel "Feuertanz der Zombies" in den Kinos, später wurde er als "Horror Infernal" auf Video veröffentlicht.

Seine Bewunderer sind sich bis heute nicht einig, wie sie ihn beurteilen sollen. Horror-Experte Kim Newman nannte den Film "den vielleicht meistunterschätzten Horrorfilm der 80er", und da kann ich zustimmen. INFERNO ist ein großartiges Gemälde des Schreckens, ein Film, der mich bei jedem neuen Sehen fasziniert und begeistert.

10/10



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