Samstag, 24. Juli 2010

Ein Köder für die Bestie (1962)

In bester Hitchcock-Tradition inszenierte Regisseur J. Lee Thompson EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE (Cape Fear), der zu den packendsten Psycho-Thrillern der 60er gezählt werden kann, und der ohne viel Aufwand sein Publikum von der ersten Minute an mitreißt.

Gregory Peck spielt hier einen Anwalt, dessen intaktes Familien- und Berufsleben von einem Tag auf den anderen erschüttert wird, und zwar von Robert Mitchum, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, in das ihn Peck vor Jahren befördet hat. Nun sinnt Mitchum auf Rache, und die fällt beängstigend aus. Sein Psychoterror wird immer bedrohlicher, bis Peck keinen anderen Ausweg mehr sieht, als Mitchum für immer loszuwerden. Zu diesem Zweck verschanzt er sich mit Frau und Tochter auf einem Hausboot am Cape Fear, wo er nachts auf das Eintreffen seines Widersachers wartet, um ihn endgültig zur Strecke zu bringen...

Der oft unterschätzte J. Lee Thompson war sicher kein Künstler hinter der Kamera, aber er hat von den 50ern bis weit in die 80er immer wieder gutes und straffes Spannungskino inszeniert. EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE ist sein mit Abstand bester Film. Mit einer rohen Intensität erzählt er seine Parabel über Gewalt und Gegengewalt und kann dabei auf hervorragende Schauspieler setzen.
Robert Mitchum war immer brillant, aber sein Max Cady ist ein wirklich furchterregender Bösewicht, den er mit vollem Körpereinsatz spielt. Der Film zeichnet ihn als menschliche Bestie mit animalischen Instinkten, die nur bezwungen werden kann, wenn man sich auf ihre Ebene der Gewalt begibt. Argumente, Bestechung oder Vernunft erzielen keine Wirkung. In seiner Darstellung erinnert Mitchum nicht zufällig an seine Paraderolle in Charles Laughtons "Die Nacht des Jägers" (1955), in dem er ebenso unerbittlich agierte, und auf den Thompsons Film subtil anspielt.
Gregory Peck ist ebenso überzeugend als (fast) unschuldiger Jedermann, der mit einer Bedrohung umgehen muss, gegen die es offenbar kein legales Mittel gibt, und der nach und nach seine zivilisierte Umgangsform aufgeben muss. In Nebenrollen sind Polly Bergen als Pecks Gattin und der junge Telly Savalas (noch mit Haaren) als Privatdetektiv zu sehen.

J. Lee Thompson verunsichert den Zuschauer, indem er nicht vor Tabus zurückschreckt, sondern sie voll bedient. So inszeniert er im Mittelteil die Verfolgung von Pecks minderjähriger Tochter durch den finsteren Mitchum als beinahe separates Stück Terrorkino, das ein unangenehmes Gefühl hinterlässt. Die Atmosphäre von EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE ist durchweg grimmig, und wenn Peck im Finale Frau und Tochter als "Köder" für den gewaltbereiten Mitchum benutzt, verschwimmen auch die Grenzen zwischen Gut und Böse. Als Zuschauer weiß man nie, wie weit Mitchum und der Film gehen werden, beide spielen virtuos mit menschlichen Urängsten und dem totalen Kontrollverlust.

Untermalt wird der Thriller von einem furiosen Score des Hitchcock-Stammkomponisten Bernard Herrmann. Die Schwarzweiß-Kamera verzichtet weitgehend auf Mätzchen und dokumentiert das Geschehen in realistischen Bildern, lediglich im Finale erzielt Thompson mit dem Spiel aus Licht und Schatten beeindruckende Effekte.

EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE wurde seinerzeit von der Kritik vorgeworfen, zu reißerisch und sensationslüstern mit seinen Themen umzuspringen, doch es ist genau diese Qualität, die ihn heute noch so fesselnd macht.

1991 inszenierte Martin Scorsese ein aufwändiges und psychologisch überladenes Remake, das ebenfalls ein großer Hit war, gegenüber dem Original aber enorme Schwächen aufweist, wie die cartoonhafte Überzeichnung des Bösewichts, dargestellt von einem grimassierenden Robert de Niro, der niemals die Intensität eines Robert Mitchum erreicht.

08/10

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