Donnerstag, 22. Juli 2010

Die Wiege des Bösen (1974)

Das Ehepaar Davis (John P. Ryan und Sharon Farrell) erwartet sein zweites Baby, doch bei der Entbindung stellt sich heraus, dass statt eines süßen Säuglings ein mordendes Ungeheuer zur Welt gebracht wurde, das sich nach einem Massaker im Entbindungsraum nun auf der Flucht befindet. Während das Ehepaar von Reportern belagert, von der Polizei beobachtet wird und sich immer mehr gegenseitig zerfleischt, sucht das Killer-Baby verzweifelt sein Zuhause und hinterlässt dabei eine Blutspur...

Zugegeben, das alles klingt absurd und lächerlich, doch Regisseur Larry Cohen ist seit jeher ein Garant für ungewöhnliche, intelligente B-Filme. Bereits der Filmbeginn weiß zu begeistern, mit den rohen Jump Cuts und der überzeugenden Nervosität der werdenden Väter im Warteraum des Hospitals. Cohen springt direkt hinein in seine Geschichte und verwandelt die alltägliche Normalität in ein angsterfülltes, paranoides Chaos. Damit zeichnet er ein exaktes Bild der 70er-Gesellschaft, und schon bald merkt der Zuschauer, dass hier mehr drin steckt als ein billiges, geschmackloses Monsterfilmchen. Das konservative Bild der "heilen amerikanischen Familie" wird zerschmettert. Für den Kindsvater Ryan bricht eine Welt zusammen, er muss seinen Freunden, der Presse und seinem Arbeitgeber erklären, dass er nicht für das Kind "verantwortlich" ist, dass er es besser hätte abtreiben lassen sollen, er distanziert sich so weit von seinem Neugeborenen, dass es zwischen ihm und seiner Frau zu schmerzhaften Auseinandersetzungen kommt. Letztlich ist dies Ryans Geschichte, der akzeptieren muss, dass sein Kind "anders" ist - im Rahmen des Horrorfilms ist es eben ein blutrünstiges Ungeheuer, aber man spürt, dass dies nur Tarnung ist.

Cohen liefert keinen Grund für die Existenz der Kreatur, so wie es keine Erklärung für die Zombies in Romeros "Nacht der lebenden Toten" oder Hitchcocks "Vögel" gibt. Er bietet aber mehrere an: Röntgenstrahlen, die Pille, Nahrung, Luftverschmutzung... die unerklärlichen Dinge erschrecken und verunsichern uns Rationalisten am meisten. Mit Ryan und Farrell stehen ihm zwei exzellente Method-Actor zur Verfügung, die ein absolut authentisches Bild eines gutbürgerlichen Ehepaares vermitteln, ohne jede Schönfärberei.

DIE WIEGE DES BÖSEN wird brillant unterstützt vom Score des großen Komponisten Bernard Herrmann, der im hohen Alter auf prestigeträchtige Big Budget-Filme verzichtete und seine Kunst kleinen Produktionen zur Verfügung stellte, die ihn interessierten, und die er für wichtig hielt. Larry Cohen beweist in seinem Schocker nicht nur ein Gespür für die Befindlichkeiten und Ängste seiner Zeit, sondern auch ein großes Talent für Spannungsaufbau. Der Blutgehalt bleibt sehr gering (auch die Geburt - der erste Höhepunkt des Films - findet im Off statt), ein Blick auf das Monster-Baby wird so lange wie möglich aufgespart (was auch an den technischen Möglichkeiten liegt, denn wenn es zu sehen ist, kann es leider nicht überzeugen).

Natürlich ist DIE WIEGE DES BÖSEN kein Film für jedermann, und jedem steht es frei, das Szenario lächerlich zu finden. Für mich gehört der Film zum besten, was das 70er Horror-Kino hervorgebracht hat, ein Werk, das mit einfachsten Mitteln und einem ernsten Ansatz tief vordringt in Regionen, wo es wirklich weh tut, und wo sich das Mainstream-Kino nicht hinwagt.
DIE WIEGE DES BÖSEN war so erfolgreich, dass zwei Fortsetzungen unter Cohens Regie entstanden, die aber dem Original nicht die Milch, bzw. das Wasser reichen können. - Man beachte auch die Werbezeile auf dem Plakat, die in höchstem Maße politisch unkorrekt (aber sehr spaßig) ist.

10/10

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