Dienstag, 6. Juli 2010

Die neunschwänzige Katze (1971)

Dario Argentos zweiter Spielfilm DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (Cat O' Nine Tails) ist zugleich der, den der Regisseur nach eigenen Aussagen von all seinen Werken am wenigsten schätzt. Im Vergleich mit seinem Vorgänger "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" fällt dieser Giallo tatsächlich schwächer aus, dennoch spricht vieles für ihn.

Die Geschichte, die angeblich wieder auf einem Treatment von Bryan Edgar Wallace basiert (erneut der verzweifelte Versuch des deutschen Verleihs, den Thriller als Teil der Wallace-Welle zu vermarkten), erzählt von einem Killer, der die Mitglieder eines wissenschaftlichen Forschungsinstituts ermordet. Ein blinder Ex-Journalist (Karl Malden) und ein ruppiger Reporter (James Franciscus) ermitteln gemeinsam und kommen dem Täter auf die Spur...

Der Hintergrund des Mörders: er gehört zu den Forschern, die herausgefunden haben, dass Menschen mit einer Chromosomen-Verschiebung (der "XYY"-Konstellation) prädestinierte Gewaltverbrecher sind. Da er selbst Träger dieser Konstellation ist, wollte er um jeden Preis vermeiden, dass diese Tatsache ans Tageslicht kommt. - Eine absurd-hanebüchene Idee, die vom Film nicht weiter kommentiert wird - so wird zwar von einem der Forscher gesagt, man könne auf diese Weise die potentiellen Verbrecher schon im Kindesalter erkennen und "isolieren" (Zitat!), auf etwaige Probleme moralischer oder ethischer Natur kommt hier aber keiner. Macht ja nix, weg mit den Kindern?!
Plots wie dieser sind der Grund, warum das italienische Giallo-Kino oft belächelt und als bescheuert bezeichnet wird, doch letztlich kommt es auf den Inhalt gar nicht an.

DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE besticht durch eine wundervolle Cinemascope-Kameraarbeit, die gleich unter dem Vorspann loslegt, wenn sie über die nächtlichen Dächer Roms streicht und Karl Malden und seine Nichte erfasst, die auf der Straße spazieren gehen und Zeuge einer bedrohlichen Unterhaltung werden. Untermalt wird die Sequenz - wie der ganze Film - von einem lyrischen Ennio Morricone-Soundtrack.

Die Charaktere sind für Argentos Verhältnisse äußerst liebenswert gezeichnet und offenbaren wahre Zuneigung füreinander (wenngleich keine romantische Liebe). Von den Darstellern kann Karl Malden in der Hauptrolle überzeugen. Als erblindeter Journalist erfindet er zu Hause Kreuzworträtsel, und ein ebensolches muss er im wahren Leben lösen. James Franciscus ist ein männlich-herber Held, Catherine Spaak trägt zwar extrem ausgefallene Kleider, bleibt aber darüber hinaus blass.
Den für Argento obligatorisch schwulen Nebenpart spielt der wundervolle Horst Frank als aalglatter Forscher. Obwohl Argentos schwule Charaktere reichlich stereotyp und oft feminin daherkommen (der Fairness halber sollte man dazusagen, dass die meisten Charaktere bei Argento Stereotypen sind), muss man anerkennen, dass er sie immer als selbstverständlich in das Ensemble integriert und ihre sexuelle Präferenz nicht weiter thematisiert, was für das Kino der frühen 70er nicht selbstverständlich ist.

Der Handlungsablauf ist dabei (abgesehen von der "XYY"-Idee) erstaunlich logisch aufgebaut und wird nur durch einige unnötige Längen und Dialogszenen behindert. Die Mordsequenzen bilden wieder die Hauptattraktion, interessanterweise sind hier hauptsächlich Männer die Opfer. Ein Wissenschaftler wird vor einen fahrenden Zug gestoßen, ein Fotograf in seiner Dunkelkammer stranguliert. Der Killer bekommt den schönsten Abgang, wenn er von Malden im Finale in einen Fahrstuhlschacht gestoßen wird. Das ist alles nicht übermäßig splatterig, so wundert es nicht, dass DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE der wohl einzige Film Argentos ist, der keinen Zensurbestimmungen zum Opfer fiel.

Leider löst Argento am Ende nicht alle Fragen auf. So bleibt unklar, ob Maldens entführte Nichte tot oder lebendig ist, und auch das Schicksal des schwer verwundeten Franciscus bleibt im Dunkeln. Das ist unbefriedigend, obwohl womöglich Absicht dahintersteckt - immerhin, ein Kreuzworträtsel wird oft auch nicht komplett gelöst...

Die deutsche Fassung wurde übrigens erneut von Rainer Brandt vergewaltigt, dessen "Humor" hier noch mehr nervt als sonst. Wenn Franciscus im Original Catherine Spaak keck fragt, wen sie mit ihren Beinen beeindrucken wolle, sagt er in der Brandt-Version: "Ihre Masche stammt doch auch aus der Mottenkiste, die haut doch keinen Neger (sic!) um." Ohne Worte.

07/10

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